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Kämpfende Dynastien, weitere Beispiele - Diskussion zum G/Geschichteheft 11/2014:
18.11.2014, 06:48
Beitrag: #9
RE: Kämpfende Dynastien, weitere Beispiele - Diskussion zum G/Geschichteheft 11/2014:
(16.11.2014 21:38)Suebe schrieb:  
(14.11.2014 21:23)Suebe schrieb:  Staufer und Welfen


Es ist dies auch ein sehr wichtiges Datum in der deutschen Verfassungsgeschichte.

Es geht hier weniger um den Lesebuchgerechten Kniefall des Kaisers vor dem Herzog, sondern Heinrich hat sich anscheinend ganz besonders den Zorn seiner Fürstenkollegen zugezogen, die schließlich Barbarossa auf ihre Seite brachten.
Hier ist erstmals vom "Senat der Fürsten" die Rede.

Dies war auch ein wichtiger Schritt zur Durchsetzung föderaler Strukturen, von dem es nicht mehr weit bis zur Goldenen Bulle von 1222 oder gar der von 1356 ist. Der Konflikt der Staufer und Welfer wird oft als Konflikt zweier Männer bzw. Dynastien dargestellt, dabei sollte er im Zusammenhang mit dem Investiturstreit stehen. Beide Konflikte haben ihre Ursache darin, dass im Kaisertum Heinrichs III. dem Kaiser eine fast sakrale Stellung zugestanden wurde, die durchaus mit der Stellung des byzantinischen Kaisers zu vergleichen war. Diese Stellung war sicher vom Kaisertum angestrebt, in dem Sinne, dass das westliche Kaisertum mindestens genauso gleichwertig wie das östliche Kaisertum ist.

Eine Folge davon war, dass Heinrich III. in den 1040er Jahren Päpste ab- und einsetzte. Diese Unterordnung der Päpste bzw. der römischen Kirche unter dem Kaiser musste zwangsläufig zum Schisma der römischen und orthodoxen Kirche im Jahr 1054 führen. Aber dafür gibt es noch andere, vor allem kirchenrechtliche Gründe. Politisch gesehen war das Kirchenschisma aber die Konsequenz, dass man nicht zwei Herren gleichzeitig dienen kann. Dies widerspiegelt zumindest die Meinung Heinrichs III. und dessen Umfeld. Dass nach seinem frühen Tod im Jahr 1056 sein politisches Werk unvollendet bleiben sollte und während der Minderjährigkeit seines Sohnes Heinrichs IV. die Karten neu gemischt werden, war 1054 nicht voraussehbar.

Mit Papst Gregor VII. stand Heinrich IV. ein Gegner gegenüber, der nicht nur die fast sakrale Macht des Kaisertums zerschlagen wollte, sondern den Kaiser bzw. den deutschen König zur Unterordnung unter einer päpstlichen Theokratie zwingen wollte. Da der Papst z.B. das Recht der Investitur der Bischofsämter beanspruchte, rüttelte er damit enorm an den Grundfesten der zentralen Königsherrschaft, die de facto seit Otto I. auf das Reichskirchensystem basierte. Erst mit der Etablierung dieses Reichskirchensystem war die Herrschaft des Königs gefestigt, die Machtansprüche der Herzöge, Land-, Mark- und Pfalzgrafen konnten eindeutig beschnitten werden. Seit Otto I. standen die Magnaten des Reiches im zweiten Glied, folgerichtig konnte sich die politische und quasi sakrale Stellung Heinrichs III. in den 1040/1050er Jahren herausbilden.

Damit war aber spätestens mit dem Beginn des Pontifikats von Gregor VII. (1073) vorbei. Selbstbewusst verweigerte der Papst dem ungarischen König Salomon die Anerkennung seines geplanten Vasallentums unter Heinrich IV., der auch sein Schwager war und von dem er politische Unterstützung erhoffte. Salomon wurde schließlich gestürzt, seine Nachfolger erkannten den Papst als Lehnsherr an. Dies war in einer relativen kurzen Zeit der dritte Fall, dass der Papst Lehnsherr (Normannen in Süditalien, England 1066) wurde und besserte das Prestige des Papstes als politische Kraft wesentlich auf.

Die Zentralmacht, das deutsche Königtum war infolge der politischen Ereignisse während der Minderjährigkeit Heinrichs IV. angeschlagen, und seine natürlichen Gegner, das Papsttum und die Partikularkräfte fanden sich zusammen. (Rudolf von Rheinfelden, Otto von Northeim). Das blieb auch so, als es Heinrich IV. gelang, 1083 Rom zu erobern und als Folge von dessen der Papst ins normannische Exil floh, wo er 1085 verstarb. Trotzdem war es dem Papst gelungen, Heinrich IV. so zu schwächen, dass er sich zeitlebens mit Aufständischen herumschlagen musste, so auch gegen seine Söhne Konrad 1098 und Heinrich 1105/06. Ein Zeichen seiner Schwäche war auch, dass er 1096 die Judenpogrome im Rheinland nicht verhinderte und gegen sie einschritt. Dies wäre aber seine Pflicht als deutscher König gewesen! Aber auch sein Sohn Heinrich V. musste sich den Aufständen von Lothar von Süpplingenburg, des mächtigen Herzogs von Sachsen erwähren.

Als schließlich Kaiser Heinrich V. und Papst Paschalis II. im Jahr 1122 mit dem Wormser Konkordat einen Kompromiss fanden, die kriegerischen Auseinandersetzungen zu beenden, bedeutete dies aber für den Kaiser/König den Verlust der Investitur. Damit ist das ottonische Reichskirchensystem zusammengebrochen, was wiederum bedeutet, der König hat die Basis seiner zentralen Machtausübung verloren.

Der König war also gezwungen, neue Verbündete zu finden. Da ein Wahlkönigtum bestand, nutzten 1125 die Magnaten die Situation, um den scheinbar Schwächeren Lothar III. von Süpplingenburg zum König zu wählen. 1138 wurde wiederum der scheinbar Schwächere, der Staufer Konrad III. gewählt, dessen Neffe Friedrich Barbarossa 1152 mit Hilfe der Welfen gewählt wurde. Heinrich der Löwe war ja auch zuerst loyal, das Problem mit ihm entstand erst, als er sich weigerte, Friedrich erneut auf dessen Italienzug zu unterstützen und stattdessen eigenen Interessen im heutigen Norddeutschland nachzugehen.

Man kann sich sicher darüber streiten, welche Politik wichtiger war. Friedrichs Politik gegen italienische Städte wie Mailand ist ja umstritten, andererseits muss man seine Politik als Ganzes sehen und das war die Stärkung des Kaisertums sowohl als Zentralmacht im Reich als auch im Kampf gegen theokratische Tendenzen unter dem Papsttum Alexanders III. oder wenn man will, sein Kampf für die Abgrenzung der Befugnisse zwischen weltlicher und geistlicher Macht, also letztlich für klare Aufgabenteilungen von Staat und Kirche.

Heinrichs Politik dagegen steht für die so genannte Ostexpansion, er gründete Städte wie München oder Braunschweig, förderte Lübeck und unter ihm begann die Wiedereroberung Mecklenburgs. Dies war eine Politik, die sich als richtig erwies. Trotzdem durfte Barbarossa Heinrichs Weigerung, ihm in Italien zu unterstützen nicht hinnehmen. Heinrichs Entmachtung war da die einzige richtige Antwort. Dass Friedrich dabei auf die Hilfe von Dynastien wie die Askanier oder den Erzbischof von Magdeburg bauen konnte, hat sicher auch mit deren Eigennutz zu tun, aber er erlangte halt deren Unterstützung. Das heißt in der Endkonsequenz, die Fürsten verzichten auf ihre partikularen Interessen und entschieden sich für die Gestaltung der Reichspolitik. Das ist die Geburtsstunde des deutschen Föderalismus, natürlich noch nicht in Institutionen, sondern eher als Fürstenkollegium oder Senat. Die Schwertleite seiner Söhne zu Pfingsten 1184 zeigt dann die neue Stärke eines gefestigten Königtums an.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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RE: Kämpfende Dynastien, weitere Beispiele - Diskussion zum G/Geschichteheft 11/2014: - Sansavoir - 18.11.2014 06:48

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