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Friedliche Heldentaten von Herrschern - Diskussionen zum G/Geschichteheft 12/2014:
21.12.2014, 21:56
Beitrag: #4
RE: Arvid Bernhard Horn
Zu der Kategorie der „Helden des Friedens“ würde ich den schwedischen Politiker Arvid Bernhard Horn (1664–1742) zählen, der von 1720 bis 1738 als Kanzleipräsident amtierte und heute neben dem von 1721 bis 1742 regierenden britischen Premier Robert Walpole als einer der ersten modernen Premierminister gilt.

Nach dem Zusammenbruch der Kalmarer Union und der daraus folgenden Unabhängigkeit Schwedens im Jahr 1523 war der neue bzw. wieder entstandene Staat in zahlreiche Kriege um die Vorherrschaft im Ostseeraum verwickelt. Im 16. Jahrhundert waren das noch die zeitlich und lokal begrenzten Kriege gegen die Hanse, gegen Dänemark oder gegen Russland, doch mit dem beginnenden 17. Jahrhundert stand Schweden als so genannter Verteidiger des protestantischen Glaubens als einer der Hauptgegner des politischen Katholizismus permanent im Krieg, so z.B. in den schwedisch-polnischen Kriegen, im Dreißigjährigen Krieg oder in den nordischen Kriegen. Gustav II. Adolf, Karl X., Karl XI. und Karl XII. waren ausgesprochene Kriegerkönige, die ihre Armeen durch halb Europa führten.

Karls XII. Politik endete 1718/20 mit einer harten Niederlage für Schweden, das Land war nach den jahrzehntelangen Kriegen ausgeblutet. Eine Neuausrichtung der Politik war dringend notwendig.

Arvid Bernhard Horn war ein Angehöriger der weit verzweigten und einflussreichen schwedisch-finnischen Familie Horn. Ein bedeutender Angehöriger war der Feldherr Gustav Horn (1599–1657). Als junger Mann diente Arvid Horn in der schwedischen Armee, später kämpfte er in Ungarn unter Prinz Eugen und in Flandern unter dem Fürsten Waldeck. Mit der Thronbesteigung Karls XII. im Jahr 1697 wechselte Horn in den diplomatischen Dienst, in dem er sehr erfolgreich agierte, so z.B. 1704 bei der Absetzung Augusts des Starken als König von Sachsen und der Wahl Stanislaws I. zum polnischen König. Seit 1707 fungierte Horn als Gouverneur für dessen minderjährigen Neffen Karl Friedrich, Herzog von Holstein-Gottorp, ehe er 1710 das Amt des Kanzleipräsidenten des Reichsrates übernahm. Horn erkannte 1713/14 die schwierige wirtschaftliche Situation Schwedens und forderte deswegen Karl XII. auf, den Krieg sofort zu beenden. Daraufhin entzog der König Horn alle Vollmachten, so dass dieser von 1714 bis 1718 entmachtet und einflusslos blieb.

Ende 1718 überzeugte Horn Karls XII. Schwester Ulrika Eleonora die Thronfolge ihres am 11. Dezember 1718 gefallenen Bruders zu übernehmen. Seine Hoffnung, anstatt der Königin selbst zu regieren, wurde aber enttäuscht. Ulrike Eleonora beabsichtigte selbst absolutistisch zu herrschen und deswegen trat 1719 Horn vom Amt des Kanzleipräsidenten zurück. Bereits ein Jahr später wählte der Reichstag Horn erneut zum Kanzleipräsidenten des Reichsrates, die Königin musste zurücktreten und ihrem Ehemann Friedrich von Hessen-Kassel das Königtum überlassen. Während der Freiheitszeit von 1718/20 bis 1772 besaß der König von Schweden keine wesentlichen Regierungsbefugnisse und der Kanzleipräsident gestaltete die Politik des Landes.

Arvid Horn begann die schwedische Wirtschafts-, die Innen- und Außenpolitik zu reformieren. Er förderte den Bergbau und die Forstwirtschaft, erweiterte den Außenhandel (Osmanisches Reich, Persien, Kap der Guten Hoffnung) und erließ Gesetze, wie z.B. das „Produktplakat“, nachdem Waren nach Schweden nur mit einheimischen Schiffen geliefert werden dürfen. In der Innenpolitik setzte Horn eine einheitliche Gesetzgebung durch, in dem alle mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gesetze systematisiert wurden und 1734 die Herausgabe eines Gesetzbuches ermöglichte. In der Religionspolitik erwies sich Horn als orthodoxer Lutheraner, der sich einerseits gegen jegliche religiöse oder weltanschauliche Strömungen, wie den Pietismus wandte, andererseits aber auch den Lebenswandel des Adels und Klerus kritisierte. Aus diesem Grund griff Horn 1731 die königliche Mätresse Hedwig Taube an, um die sich in den folgenden Jahren eine Partei von Horns Gegnern bildete. Das unnötige Zerwürfnis mit Hedwig Taube führte zur Verschlechterung der Zusammenarbeit mit dem König, der ihm schließlich 1738 fallen ließ.

Infolge der Friedensschlüsse, die den Großen Nordischen Krieg 1719/21 beendeten, verlor Schweden einen Teil des südöstlichen Finnlands, Estland, Livland, Ingermanland und einige andere Gebiete an Russland, Vorpommern und Stettin an Brandenburg und Verden und Bremen an Hannover. Horn zog daraus die Konsequenz, die schwedische Expansionspolitik zu beenden und stattdessen eine Politik des Friedens zu führen. Er schloss deshalb 1734 ein auf 15 Jahre befristetes Verteidigungsbündnis und während des Polnischen Erbfolgekrieges von 1733 bis 1735 wahrte er die schwedische Neutralität.

Während Horns Regierung bildeten sich in Schweden zwei politische Gruppierungen. Die „Mützenpartei“ bestand vorwiegend aus Politikern und Militärs der älteren Generation, die noch die Kriege Karls XI. und Karls XII. miterlebt hatten. Sie unterstützte Horns friedliche Außenpolitik. Ihre Gegner war „die Partei der Hüte“, die aus jüngeren Staatsbeamten, Offizieren und Großkaufleuten sich zusammensetzte und sich um Hedwig Taube sammelte. Diese Partei lehnte Horns Friedenspolitik ab, lehnte sich wieder an Frankreich an und strebte einen Revanchekrieg gegen Russland an. Am 18. Dezember 1738 gelang es den Hüten, die Absetzung Horns als Kanzleipräsident des Reichsrates durch den Reichstag durchzusetzen.

Der nun kalt gestellte Politiker musste dann die Rückkehr zur Expansionspolitik erleben. Schweden begann 1741 den schlecht vorbereiteten Russisch-Schwedischen Krieg zur Rückeroberung der 1719/21 verlorenen Gebiete. 1743 endete der Krieg mit einer schwedischen Niederlage, im Frieden von Abo verlor Schweden weitere Gebiete im Südosten Finnlands. Außerdem musste Schweden einen pro-russischen Thronfolger (aus dem Haus Holstein-Gottorf) anerkennen. Ebenso bot die russische Zarin Elisabeth den finnländischen Adel an, ganz Finnland in das Zarenreich einzugliedern. Als Gegenleistung wäre der finnländische Adel als gleichwertig akzeptiert wurden, seinen Angehörigen sollten Karrieren als Militärs oder Beamte ermöglicht werden. 1743 lehnte der finnländische Adel dieses Angebot ab, in den kommenden Jahrzehnten erwogen Teile des Adels diese russische Option als politische Alternative, die schließlich zwischen 1809 und 1917 ihre Umsetzung fand.

Innenpolitisch führte der Krieg zu einem Bauernaufstand, der sich gegen die Teuerungen und Rekrutierungen richtete und statt eines pro-russischen einen pro-dänischen Thronfolger favorisierte. Des Weiteren wurde die Rückkehr zu Horns friedliche Außenpolitik gefordert. Diese Option setzte sich schließlich im 19. Jahrhundert unter den Bernadotte-Königen endgültig als Merkmal der schwedischen Außenpolitik durch. Arvid Horn gebührt der Verdienst, als erster schwedischer Politiker eine friedliche Politik geführt zu haben, an die sich nachfolgende Politikergenerationen anlehnen konnten.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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RE: Arvid Bernhard Horn - Sansavoir - 21.12.2014 21:56
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