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Jugendliche Herrscher in Antike und Mittelalter
10.07.2016, 11:17
Beitrag: #41
RE: Jugendliche Herrscher in Antike und Mittelalter
Sansavoir hat´s weiter oben schon mal ganz kurz angedeutet (und sich dann selber widersprochen *grins*): In Frankreich stand die Absetzung eines Königs sehr wohl widerholt auf der Tagesordnung - und zwar m.w. vor allem in der Frühezeit Frenkreichs, als der Machtkampf zwischen frühen Kapetingern/Robertinern und späten Karolingern in voller Entfaltung stand.
Als (in meinen Augen besonders aussagekräftiges) Beispiel:
Noch während der Herrschaft des ersten Robertiners auf dem westfränkisch/französischen Thron, König Odo (888-898), wurde 893 der 13-jährige Karolinger Karl III. ("der Einfältige") von den Rorgoniden (also den Söhnen des Grafen Gauzlin von Maine, welcher z.B. nach dem Tod Lothars II. gegen den Welfen Hugo Abbas ostfränkische Karolinger auf dem westfränkischen Thron sehen wollte), diversen mächtigen Adligen, die von den Karolingern abstammten, und von Erzbischof Fulco von Reims zum Gegenkönig gewählt. Karl III. blieb weiterhin Spielball mächtiger Adelsparteien, er verlor (und gewann) seinen Thron sage und schreibe dreimal - wohl keinem andereren mittelalterlichen Herrscher ist das so oft gelungen (bzw. widerfahren...Wink
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11.07.2016, 11:38
Beitrag: #42
RE: Jugendliche Herrscher in Antike und Mittelalter
Benedikt IX. (vorher Theophylakt III. von Tusculum) (um 1012 / 1021 - um 1055, Grottaferrata) war zwischen 1032 und 1048 gleich dreimal Papst. Eine interessante Parallele zu Karl III..
Übrigens dürfte der "Kinderpapst" auch (mit Einschränkung, tatsächliches Geburtsjahr ist unbekannt) in die Kategorie "jugendlicher" Herrscher fallen.
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Ansonsten fällt mir auf Anhieb noch der ungarische König Matthias Corvinus ein, der allerdings nach seiner Wahl (nach Theuer eine relativ fragwürdige, da angeblich unter Einsatz von Gewalt) relativ rasch selbst die Herrschaft übernommen hat und seine "Vormünder" los geworden.

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Nur die Geschichtenschreiber erzählen uns, was die Leute dachten.
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12.07.2016, 04:55
Beitrag: #43
RE: Jugendliche Herrscher in Antike und Mittelalter
(11.07.2016 11:38)Teresa C. schrieb:  Ansonsten fällt mir auf Anhieb noch der ungarische König Matthias Corvinus ein, der allerdings nach seiner Wahl (nach Theuer eine relativ fragwürdige, da angeblich unter Einsatz von Gewalt) relativ rasch selbst die Herrschaft übernommen hat und seine "Vormünder" los geworden.

Matthias Corvinus blieb ja nichts anderes übrig. Da ging es um "Alles oder Nichts". Nach der Hinrichtung seines älteren Bruders Laszlo Hunyadi musste Matthias handeln, besonders nachdem König Ladislaus Postumus Ende 1457 als Siebzehnjähriger verstorben war.

Ladislaus Posthumus musste sich ebenfalls gegen Verwandte wie Friedrich III. oder die Cilli-Familie behaupten. Nach dem Tod von Hermann von Cilli, dem Erzieher von Ladislaus Postumus, und von Janos Hunyadi, dem Reichsverweser, im Jahr 1456 bestand in Ungarn ein Machtvakuum, das vom minderjährigen König Ladislaus Posthumus genutzt wurde, selbst die Macht in Ungarn und Böhmen zu übernehmen. Der vierundzwanzigjährige Laszlo Hunyadi wurde deswegen als Oberhaupt der Hunyadi-Familie bzw. -"Partei" hingerichtet. Aus diesem Grund wurde Matthias Hunyadi als ca. Vierzehnjähriger Oberhaupt der Hunyadi-Familie.

Nach dem Tod von Ladislaus Postumus musste Matthias schnell handeln. Wichtigster Verbündeter war Georg Podiebrad, der bisherige Statthalter in Böhmen, der sich zum ersten und einzigen utraquistischen König von Böhmen proklamierte. Damit scheiterte vorerst die Habsburger Politik, erst 1526 konnte sie wieder in Böhmen und Ungarn herrschen.

Eine interessante Frage ist deshalb auch, warum 1457/58 die Jagiellonen sich nicht in den Machtkämpfen in Böhmen und Ungarn einmischten. Ein Grund könnte sicher sein, dass Kasimir IV. zu dieser Zeit der einzige Erwachsene dieser Dynastie war und deshalb wohl in Personalunion über Polen-Litauen, Ungarn und Böhmen hätte herrschen müssen, was wohl nicht gewollt oder nicht durchsetzbar war. 1471 war das anders, da konnte sich der fünfzehnjährige Vladislav als neuer König von Böhmen durchsetzen und 1490 folgte er schließlich Matthias in Ungarn.

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12.08.2016, 00:48
Beitrag: #44
RE: Jugendliche Herrscher in Antike und Mittelalter
(12.07.2016 04:55)Sansavoir schrieb:  Ladislaus Posthumus musste sich ebenfalls gegen Verwandte wie Friedrich III. oder die Cilli-Familie behaupten. Nach dem Tod von Hermann von Cilli, dem Erzieher von Ladislaus Postumus, und von Janos Hunyadi, dem Reichsverweser, im Jahr 1456 bestand in Ungarn ein Machtvakuum, das vom minderjährigen König Ladislaus Posthumus genutzt wurde, selbst die Macht in Ungarn und Böhmen zu übernehmen. Der vierundzwanzigjährige Laszlo Hunyadi wurde deswegen als Oberhaupt der Hunyadi-Familie bzw. -"Partei" hingerichtet. Aus diesem Grund wurde Matthias Hunyadi als ca. Vierzehnjähriger Oberhaupt der Hunyadi-Familie.

Zunächst eine kleine Korrektur, du dürftest Graf Ulrich II. von Cilli wohl mit seinem Großvater Hermann verwechselt haben.
Ob sich Ladislaus Postumus wirklich gegen den Grafen von Cilli durchsetzen musste, wäre außerdem zu diskutieren. (Bei der negativen Einstufung der Grafen von Cilli und vorallem des Grafen Ulrich kommt noch die Frage hinzu, wie zuverlässig die zeitgenössischen Quellen tatsächlich sind und inwieweit hier ein Friedrich III. und ein Matthias Corvinus (bzw. deren Umfeld) die geschichtliche Deutung vorgegeben haben.)

Eine weitere Schwierigkeit im Fall von Ladislaus Postumus war, dass es gleich um drei Länderkomplexe (das ungarische Königreich, das böhmische Königreich, das Herzogtum Österreich ob und unter der Enns) mit unterschiedlicher Rechtslager ging. (Es ist sicher kein Zufall, dass sein König Albrecht II. (als Herzog von Österreich: Albrecht V.) kurz vor seinem Tod drei verschiedene Testamente diktiert hat, je eines für das damalige Königreich Ungarn, für das damalige Königreich Böhmen und für seinen Teil an den Ländern der Herzöge von Österreich.)

Da Ladislaus letztlich zu jenem Zeitpunkt starb, als er versuchte, selbst die Herrschaft zu übernehmen, kann natürlich nur darüber spekuliert werden, wie es mit ihm und seinen Herrschaftspositionen weitergegangen wäre, wenn er länger gelebt hätte.

In seinen österreichischen Gebieten war seine Herrschaft selbst zu dem Zeitpunkt nie wirklich gefährdet, allerdings hatte er (bzw. seine "Vormünder") seit Jahren immer wieder Auseinandersetzungen mit Kaiser Friedrich III. wegen gewisser Burgen, und hinzu kam nun auch der Kampf um das Erbe der Grafen von Cilli. (Hätte er sich als ihr nächster Blutsverwandter wirklich nur mit ihren "ungarischen" Besitzungen begnügt?)

Wie sich der Machtkampf in Ungarn mit den Hunyadys weiterentwickelt hätte, ist offen, doch lässt das Verhalten von Erszebet Szilagy (Witwe von Janos Hunyady) und ihrem Bruder vermuten, dass dieser Konflikt Ladislaus P. sicher noch länger beschäftigt hätte.

Dass es zwischen ihm und Georg von Podiebrad im Königreich Böhmen in der Folge ebenfalls zum Konflikt gekommen wäre, würde ich nicht ausschließen, vorallem wenn Ladislaus in der Folge versucht hätte, den Reichsverweser aus seiner Machtposition zu verdrängen, um selbst die Herrschaft zu übernehmen. (Dass Georg von Podiebrad sich nach dem Tod des Ladislaus als dessen Nachfolger relativ konfliktlos durchsetzten konnte, lässt darauf schließen, dass er zu dieser Zeit im Königreich Böhmen eine sehr starke Machtposition gehabt hatte, die er sich wohl als Reichsverweser aufbauen konnte.)

Dass Ladislaus Postumus immerhin den Tod von Ulrich von Cilli überlebt hat und Belgrad (Machtbereich der Hunyadys) letztlich wieder verlassen könnte, lässt allerdings die Vermutung zu, dass er sich zumindest auf das (politische) "Überleben" verstanden hat.

Sein Tod dürfte ihm jedenfalls ein "gutes" Image beschafft haben.
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(12.07.2016 04:55)Sansavoir schrieb:  Nach dem Tod von Ladislaus Postumus musste Matthias schnell handeln. Wichtigster Verbündeter war Georg Podiebrad, der bisherige Statthalter in Böhmen, der sich zum ersten und einzigen utraquistischen König von Böhmen proklamierte. Damit scheiterte vorerst die Habsburger Politik, erst 1526 konnte sie wieder in Böhmen und Ungarn herrschen.

Als Gefangener befand sich Matthias erst einmal in einer Position, in der er nach dem Tod von Ladislaus Postumus gar nicht selbst handlungsfähig war. Für mich ist daher auch keineswegs so klar, ob sich ein Georg von Podiebrad (sein späterer Schwiegervater) mit ihm so rasch verbündet hätte, wenn er nicht als ungarischer König zu Ladislaus' Nachfolger gemacht worden wäre.

Hinter seiner Wahl von Matthias Corvinus steckten jedenfalls in erster Linie seine Mutter und sein Onkel, vermutlich noch andere Anhänger. Inwieweit diese Wahl tatsächlich "demokratisch" zustande gekommen ist, ist nach der Quellen- und Literaturlage unklar. (Zumindest Franz Theuer, Der Raub der Stephanskrone, 1994, vertritt die Ansicht, dass sein Onkel durch den Einsatz von Truppen die mit der Wahl betreuten ungarischen Adeligen dazu gezwungen haben soll, seinen Neffen zum König zu wählen, weil er auf diese Weise selbst die Macht übernehmen wollte.)

Fakt ist jedenfalls, dass Matthias Corvinus relativ rasch die Herrschaftsausübung selbst übernahm und sich in der Folge als ungarischer König de facto behauptete und schließlich auch offiziell anerkannt wurde. (Wie aber z. B. der Vertrag von Ödenburg / Wiener Neustadt zeigt, war er auch gezwungen, für seine Anerkennung Kompromisse einzugehen.)

Inwieweit seine Rolle als "Heldenkönig" tatsächlich zutrifft (oder war sie doch erst eine nationale "Erfindung" des 19. Jahrhunderts), bleibt offen, ebenso seine doch eher positive Beurteilung.

Da Matthias Corvinus Ladislaus Postumus letztlich "beerbt" hat, stellt sich die Frage, ob die Tötungen von Ulrich von Cilli und Ladislaus Hunyady nicht in Wirklichkeit bereits Teil eines Machtkampfes der Familie Hunyady waren, um die ungarische Krone selbst zu übernehmen? Worauf aber hätten die Hunyadys (nach offizieller Geschichtsschreibung ist die Familie erst mit dem Großvater von Matthias Corvinus nachgewiesen, der wiederum ein unbedeutender Adeliger aus dem damaligen Fürstentum Wallachei war) einen Thronanspruch begründen können?

Gab es im 15. Jahrhundert noch einige Aspekte von (rechtmäßiger) Herrschaft (in damaligen Osteuropa) oder vielleicht sogar im damaligen Europa, die von der Forschung bisher übersehen wurden und bei Matthias Corvinus (und auch Georg von Podiebrad) zum Tragen gekommen sind?

(12.07.2016 04:55)Sansavoir schrieb:  Eine interessante Frage ist deshalb auch, warum 1457/58 die Jagiellonen sich nicht in den Machtkämpfen in Böhmen und Ungarn einmischten. Ein Grund könnte sicher sein, dass Kasimir IV. zu dieser Zeit der einzige Erwachsene dieser Dynastie war und deshalb wohl in Personalunion über Polen-Litauen, Ungarn und Böhmen hätte herrschen müssen, was wohl nicht gewollt oder nicht durchsetzbar war. 1471 war das anders, da konnte sich der fünfzehnjährige Vladislav als neuer König von Böhmen durchsetzen und 1490 folgte er schließlich Matthias in Ungarn.

Die Frage stellt sich auch deswegen, da Kasimir IV. mögliche Ansprüche auf die ungarische Krone ausgebaut haben dürfte, als er 1454 Elisabeth von Österreich (1437-1505), eine der beiden älteren Schwestern von Ladislaus Postumus, heiratete. (Die andere Schwester Anna von Österreich (1432-1462) war seit 1446 Herzog Wilhelm III. von Sachsen verheiratet. Aus der Ehe gab es keine Nachkommen.)

Während in den Ländern der Herzöge von Österreich (wie auch bei anderen Dynastien des HRRs) das Erbrecht strikt patriarchalisch geregelt war (hätte es keinen Ladislaus Postumus gegeben bzw. hätte Elisabeth von Luxemburg 1440 eine Tochter zur Welt gebracht, wäre bereits 1440 das Herzogtum Österreich ob und unter der Enns der leopoldinischen Linie der Habsburger zugefallen), waren im ungarischen Königreich und im böhmischen Königreich (und auch im polnischen Königreich) Frauen erbberechtigt (bzw. ihre Ehemänner / Kinder), zumindest hatte es diesbezüglich im 14. und 15. Jahrhundert genug Präzedenzfälle gegeben.

Nach Wikipedia soll Kasimir sich als Kandidat für die Nachfolge von Ladislaus als böhmischer König schon 1457 ins Spiel gebracht haben. Vielleicht dürfte sein Anspruch aber dadurch eine Schwächung erfahren haben, als Wilhelm III. von Sachsen zu dieser Zeit als Ehemann der älteren Schwester seiner Frau doch den besseren Anspruch hatte. (Überraschend ist auch, dass Friedrich III., so scheint es jedenfalls, selbst keine Ansprüche auf Böhmen erhob, sondern Georg von Podiebrad nach seiner Wahl zum König relativ rasch anerkannte. Eine Wahl zum ungarischen König, zu der es in der Folge auch kam, hat er jedenfalls nicht abgelehnt, auch wenn es diesbezüglich 1463 zu einer Einigung mit Matthias Corvinus gekommen ist.)

Ein anderer Grund könnte vielleicht gewesen sein, dass das Königreich Polen-Litauen vielleicht zu diesem Zeitpunkt in andere Konflikte verwickelt war, denen Kasimir Priorität eingeräumt haben könnte.

Auf Wikipedia findet sich z. B. ein Hinweis auf den "Dreizehnjährigen Krieg" (1453-1466) zwischen dem Preußischen Bund und dem Deutschen Orden, in den das Königreich Polen-Litauen verwickelt war. Er endete mit dem "Zweiten Frieden von Thorn" zugunsten des Bundes, worauf der Deutsche Orden einen Teil seines damaligen Herrschaftsgebietes an Polen-Litauen abtreten musste. Diese Auseinandersetzung könnte vielleicht ein Grund dafür gewesen, dass sich Kasimir nicht besonders um die böhmische und die ungarische Krone bemüht hat.

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13.08.2016, 13:55
Beitrag: #45
RE: Jugendliche Herrscher in Antike und Mittelalter
Ich denke, dass Du den richtigen Ansatz gefunden hast und der "Dreizehnjährige Krieg" tatsächlich der Grund war, warum sich Kasimir IV. 1457/58 aus den Ereignissen in Böhmen und Ungarn heraushielt.

Eine andere Frage: Was mag der Grund gewesen sein, dass die Familie Hunyadi so schnell aufstieg.
Warum gibt es unterschiedliche Angaben zum Geburtsjahr von Johann Hunyadi (1387 und 1407, weniger 1409). Gab es zwei Söhne namens Johann und man weiß nicht, wer von den beiden der spätere Reichsverweser war. Und welche Rolle spielt Sigismund von Luxemburg? War er (nur) ein Pate? Welche Gründe gab es, den unbedeutenden Adligen Vojk Corbu zu fördern?

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13.08.2016, 15:32
Beitrag: #46
RE: Jugendliche Herrscher in Antike und Mittelalter
Die Hunyadi waren vermutlich rumänischer Herkunft. Das erste nachweisbare Mitglied der Familie führte den Namen Serbe, auch Serb, Serban oder Sorb geannt, liess sich in Hunyad in Siebenbürgen nieder, welches der Familie auch den Namen gab. Serbes Sohn Vojk, auch Voyk oder Vaijk, rumänisch Voicu, ungarisch Vajk, nahm den Name Lázló an. Er wurde 1409 geadelt und mit der Burg Hunedoara belehnt, welche zum Stammsitz der Familie wurde. Wieso er geadelt wurde, ist mir nicht bekannt - gerüchteweise soll es sich bei ihm um einen ausserehelichen Sohn von Sigismund gehandelt haben.

Der Aufstieg des Hauses dürfte in der Person von Johann, dem Sohn von Vojk, selbst zu suchen sein. Dieser hatte als Condottiere (ähnlich wie die Sforza von Mailand, die auch als Condottieri in den Adelsstand aufgestiegen waren) Karriere gemacht und die Osmanen in verschiedenen Schlachten besiegt (Smederevo, Hermannstadt, Donauklamm, Snaim), allerdings unterlag er ihnen bei Warna und auf dem Amselfeld (Kosovo). Aufgrund seiner militärischen Erfolge erhielt er zahlreiche Lehen, er war Statthalter von Belgrad, Woiwode von Transsylvanien (Siebenbürgen), Ban von Szörény, Graf von Temes, Graf von Csanád, Csongrád, Székelyföld, Arad, Bihar, Szatmár, Kraszna, Bereg, Szabolcs, Közép-Szolnok, Máramaros und Ugocsa.

Johann hatte tatsächlich einen Bruder, der ebenfalls Johann (János) hiess, Ban von Szörény war und bereits 1442 verstarb. Ansonsten ist von diesem Bruder wenig bekannt, wie auch von den übrigen Geschwister Johanns. So hatte er eine Schwester Maria, welche mit dem Ban der Walachei, Manzilla Argyesi, und eine Schwester, Klara, die mit einem Pongrácz von Dengeleg verheiratet war. Zwei weitere Schwestern sind namentlich unbekannt geblieben, die eine war mit einem János Székely von Kövend / János Székely von Szentgyörgy verheiratet, die andere hatte den Fürsten Petru II von Moldawien geheiratet (und damit ins hochadlige Geschlecht der Mushati eingeheiratet). Daneben hatte Johann noch einen Bruder, Vojk, von dem allerdings kaum etwas bekannt ist.
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13.08.2016, 16:15
Beitrag: #47
RE: Jugendliche Herrscher in Antike und Mittelalter
In dem Unterhaltungsroman "Das dunkle Herz der Welt" verwendet die Autorin Liliana Le Hingrat übrigens das Motiv, dass Janos Hunyadys Vater in Wirklichkeit König / Kaiser Sigmund war. Ihr Janos Hunyady erfährt davon durch König Jagiello und ist letztlich selbst davon überzeugt, was sie dramaturgisch geschickt als eine Motivation für sein Handeln nützt. Die Frage, ob Sigmund tatsächlich der Vater ist oder Janos das nur glaubt, lässt die Autorin allerdings in ihrem Roman unbeantwortet. Das Verhalten von Sigmund im Roman selbst ist undurchsichtig, jedenfalls verweigert er Janos die Anerkennung, versucht allerdings immer wieder diesen mit Aussicht darauf für seine Pläne zu manipulieren.

Im Nachwort hat die Autorin allerdings erklärt, dass es offensichtlich in Rumänien durchaus Versionen gibt, die Janos Hunyady zu einem unehelichen Sohn eines früheren ungarischen Herrschers machen.

Die Abstammung von einem früheren ungarischen König wäre natürlich eine einleuchtende Erklärung für den doch relativ ungewöhnlichen Aufstieg von Matthias Corvinus. Andererseits wären Familie Hunyady nicht die erste "Aufsteigerfamilie" gewesen, die sich so eine Art Legitimation zu verschaffen versuchte oder diese von späteren Anhängern erhielt.

Da haben wir z. B. die norwegischen Könige Sverre Sigurdsson (um 1151-1202) und Håkon IV. Håkonsson (1204-1263). (Zumindest König Sverre dürfte nach dem Stand der neueren Forschung keineswegs ein unehelicher Sohn von König Sigurd Munn gewesen sein.) In dem 1864 uraufgeführten Drama "Die Kronprätendenten" / "Kongs-Emnerne" von Hendrik Ibsen finde ich es recht interessant, dass Ibsen die Frage, ob Hakon tatsächlich der Sohn von Håkon Sverreson ist, letztlich trotz der bestandenen Feuerprobe seiner Mutter offen gelassen hat. Entscheidend ist im Stück, dass Håkon davon selbst überzeugt ist.

Der Aufstieg von Francesco Sforza (1401-1466) zum Herzog von Mailand zeigt zumindest, was im 15. Jahrhundert unter bestimmten Voraussetzungen möglich war. Offensichtlich gab es damals zumindest zwei wichtige Möglichkeiten zum Aufstieg, eine kirchliche Laufbahn oder eben eine Karriere als erfolgreicher Heerführer, wobei Francesco Sforza sicher der erfolgreichste Condottiere in dieser Hinsicht war. Von Vorteil war für ihn neben seinen militärischen Erfolgen, dass Filippo Maria Visconti keine legitimen Nachkommen hinterließ, sodass sich für Sforza als Ehemann von dessen natürlicher Tochter Bianca Maria nach dem Tod seines Schwiegervaters eine Möglichkeit ergab, sich als Nachfolger einzubringen, was ihm letztlich auch erfolgreich gelang. Allerdings war das ungarische Königreich ein wesentlich größeres und komplexeres Gebiet als das Herzogtum Mailand.

Aguyar - herzlichen Dank für Deine ausführliche Beschreibung der Familienverhältnisse bei Janos Hunyady, über die ich selbst nichts gewusst habe.

Das erinnert mich ein wenig an die Grafen von Cilli, die zwar erst 1435 zu Reichsgrafen erhoben wurden (womit der spätere Kaiser Friedrich III. absolut nicht einverstanden war), aber zumindest außerhalb des HRRs bereits vor der Heirat von König Sigmund von Ungarn mit Barbara von Cilli eine recht einflussreiche Familie gewesen sein dürften, wie z. B. Beziehung zum polnischen Könighaus im 13. Jahrhundert zeigen. (Dass die Grafen von Cilli gewöhnlich als reine Aufsteigerfamilie von Sigmunds Gnaden dargestellt werden, könnte damit zusammenhängen, dass für die deutschsprachigen Historiker die "europäische" Geschichte des Mittelalters gewöhnlich vor den "Grenzen" des HRRs endet.)

Mit Blick auf die Grafen von Cilli stellt sich für mich schon die Frage, ob vielleicht der Aufstieg der Hunyadys ähnliche Voraussetzungen hatte, zudem über die Lage im damaligen Rumänien eigentlich wenig bekannt ist.

Daneben könnte vielleicht die Karriere des Georg von Podiebrad einige Hinweise geben. Immerhin zeigt sein Werdegang gewisse Parallelen zu Janos Hunyady, wenn gleich ihm die Überlieferungen charakterlich ein ganz anderes Charakterprofil hat.

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14.08.2016, 08:54
Beitrag: #48
RE: Jugendliche Herrscher in Antike und Mittelalter
Erstmal vielen Dank für Eure Auskünfte. Ich denke, dass der Aufstieg vieler Familien im 15. Jh. doch mit Förderung durch Kaiser Sigismund zusammenhängt. Die Förderung von ihm nahestehenden Menschen war für Sigismund eine Notwendigkeit, da die Luxemburger Dynastie ihm spätestens seit 1411 kein (fähiges) Personal bereit stellte. Nutznießer dieser Personalpolitik war z.B. der Habsburger Albrecht V., der als Nachfolger aufgebaut wurde und schließlich als Schwiegersohn zum engen Familienkreis Sigismunds gehörte. 1437/38 vollzog sich der Dynastiewechsel relativ problemlos, erst der frühe Tod des nunmehrigen Königs Albrecht II. im Jahr 1439 war eine politische Zäsur. Sigismunds Freunde und Kampfgefährten profitierten ebenso von dieser Politik, so Friedrich VI., Burggraf von Nürnberg und Markgraf von Ansbach und Kulmbach, der 1415 zum Kurfürsten von Brandenburg aufstieg oder Friedrich der Streitbare, der 1423 zum Kurfürsten von Sachsen aufstieg.

Der Aufstieg der Grafen von Cilli ist sicher Sigismunds zweiter Ehe mit Barbara von Cilli geschuldet. Umgedreht brauchte Sigismund auch Verbündete, in diesem Fall wechselten wohl die in Kärnten, Slowenien und Ungarn begüterten Grafen vom Lager der (leopoldinischen Linie der) Habsburger ins Lager der Luxemburger.

Ähnlich verhielt es sich mit deren Konkurrenten, die Hunyadis. Offensichtlich hat es zwei Brüder namens Johann (Janos) gegeben, daher die stark abweichenden Geburtsjahre. Der Ältere ist dann wohl 1387 geboren und starb 1442 als Ban von Szöreny (das wusste ich bisher nicht) und der Jüngere, also der Reichsverweser wurde 1407/09 geboren und verstarb 1456. Ob nun einer von beiden der Sohn von Sigismund war, kann nur Spekulation bleiben.

Ein weiteres Herrschaftsinstrument Sigismunds, seine Interessen auf den Balkan bzw. gegen die Türken zu verteidigen, war z.B. der Drachenorden. Vlad II. Dracul, zeitweise Woiwode der Walachei, erhielt seinen Beinamen aufgrund seiner Mitgliedschaft im Drachenorden. Während der Reichstage von 1430 und 1431 soll er zur Leibgarde Sigismunds gehört haben. Sollte Vlad tatsächlich seine Ehefrau nach Nürnberg geholt haben, ist es durchaus möglich, dass sein zweiter Sohn Vlad III. Draculea (Vlad Tepes) in Nürnberg geboren wurde.

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14.08.2016, 11:53
Beitrag: #49
RE: Jugendliche Herrscher in Antike und Mittelalter
Zwar nicht mehr ganz so jugendlich, doch diese schillernde Gestalt ist beeindruckend.

Agathokles von Syrakus

Ab 316 v. Chr. herrschte er als König und wahrer Tyrann in Syrakus. Ein Aufstieg begann als Offizier; doch bald wandte er sich der Politik zu. Er war ein Anhänger der Demokratie. Nach seiner Wahl als Feldherr gewann er nach einem Staatsstreich, den er angezettelt hatte, die Macht. Die Demokratie blieb vorerst, doch somit war seine Tyrannerei noch offensichtlicher.
Sein Amtstitel war "Feldherr des Friedens" und somit hatte er uneingeschränkt die Rechtsgrundlage für die Tyrannenherrschaft.
Als Feldherr zog er mit seinen Truppen nach Karthago, doch dieser Krieg gegen die Karthager zog sich lange Zeit dahin und war aus sehr verlustreich. Der Grund gegen die Karthager Krieg zu führen, war dass die aus Syrakus geflohenen Oligarchen in eine bedrohliche Lage geraten waren. Daher sah sich ihr Anführer Deinokrates gezwungen, Karthago um Hilfe zu bitten. Erst jetzt erkannten die Karthager das Ausmaß der Gefahr; sie stellten Hamilkar, den bedeutesten Staatsmann Karthagos und Vater von Hannibal, wegen seiner Versäumnisse unter Anklage und begannen den Krieg.

Agathokles brachte fast den ganzen griechischen Teil Siziliens und Teile Kalabriens in seine Gewalt. Nach dem Friedensschluss mit den Karthagern nahm er den Königstitel an. Seinem Ziel der Herrschaft über die ganze Magna Graecia kam er zeitweilig nahe, doch scheiterte sein Versuch einer Gründung der Dynastie durch Zwist in seiner Familie. Der Rat der Sechshundert waren seine erbitterten Gegner, und es dauerte rd. 3 Jahre, um diese Feinde auszuschalten. Dabei entwickelte sich seinen Hass auf die nichtgriechische Sikeler, die Nord und Ost Siziliens bewohnten.

Seine Tyrannerei kam besonders zum Ausdruck, das er 316/315 v. Chr. es wagte, führende Obligarchen zu beschuldigen, sie hätten einen Anschlag gegen ihn geplant. Kurzerhand lies er sie festnehmen, auch Gegner wurden umgehend getötet.

Es begann ein allgemeines Gemetzel in der Stadt. Die Trompeter bliesen zum Kampf auf. Viele von den Vornehmen und ihre Parteigänger fielen zum Opfer. Ihre Häuser wurden geplündert. Angeblich wurden mehr als 4000 Menschen erschlagen. Mehr als 6000 sollen aus der Stadt entkommen sein, obwohl die Tore verriegelt wurden. Wie ihnen das gelang, ist bis heute ungeklärt. Es heißt, das sie großteils nach Agrigent flohen. Der Nachteil aber war, das sie nun einen Verlust ihres Besitzes waren und somit waren sie in finanzieller Hinsicht der künftigen feindlichen Aktivitäten beraubt.
Nachdem rief Agathokles eine Volksversammlung ein, wo er den Rücktritt von seinem Amt bekannt gab, seine Anhänger forderten aber, er solle die Staatsleitung übernehmen. Er lenkte ein und erklärte, wieder ein Feldherr zu werden, fügte aber gleichzeitig hinzu, nur als alleiniger Feldherr mit unbeschränkter Vollmacht zu sein und Schuldenerlass und Landesverteilung in Aussicht stellte.
Dem wurde vom Volk zugestimmt.

Noch hinzuzufügen ist, das er mehrere Kriege durchgeführt hatte. Letztendlich besiegte er die Obligarchen.
Nach Friedensschluss gelang es Agathokles alle verfügbaren Kräfte für den Kampf gegen die Anhänger der Oligarchie einzusetzen.
Die letzte Entscheidungsschlacht fand bei Torgion, einem nicht identifizierten Ort in Zentralsizilien statt. Agathokles soll nur noch über knapp 5000 Fußsoldaten und etwa 800 Reiter verfügt haben, während sein oligarchischer Gegenspieler Deinokrates haushoch überlegen war. Deinokrates verfügte 25.000 Infanteristen und 3000 Mann Kavallerie. Agathokles siegte trotzdem, da ein Teil der feindlichen Streitmacht während der Schlacht zu ihm übergelaufen war. Angeblich ordnete er nach seinem Sieg die Ermordung von Tausenden von Gefangenen an. Deinokrates hingegen wurde nicht nur verschont, sondern Agathokles versöhnte sich sogar mit ihm und machte ihn zu einem seiner Unterfeldherren. In der Folgezeit konnte Agathokles ganz Sizilien mit Ausnahme des karthagischen Westens und der Stadt Agrigent unterwerfen. Von da an bis zu seinem Tod blieb seine Herrschaft in Sizilien unangefochten.
Nach diesen Ereignissen ließ er sich 305 oder 304 (?) zum König krönen nach Vorbild der Diadochen. Er richtete keinen Königshof mit Hofämtern ein und trug auch kein Diadem als Zeichen der Königswürde, sondern nur einen Kranz. Somit verzichtete er auf wesentliche Elemente der monarchischen Selbstdarstellung.
Ob Agathokles einer Krankheit zum Opfer fiel oder, wie die ihm feindliche Tradition überliefert, auf Veranlassung des Archagathos vergiftet wurde, ist nicht geklärt; aber bald darauf wurde Archagathos ermordet.
Nach dem Tod des Königs konfiszierten die Syrakuser sein Vermögen und beseitigten seine Statuen; die von ihm unterworfenen Städte machten sich unabhängig.

Einem Haus eine Bibliothek hinzuzufügen heißt, dem Haus eine Seele zu geben.

Marcus Tullius Cicero
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14.08.2016, 12:11
Beitrag: #50
RE: Jugendliche Herrscher in Antike und Mittelalter
(14.08.2016 08:54)Sansavoir schrieb:  Ähnlich verhielt es sich mit deren Konkurrenten, die Hunyadis. Offensichtlich hat es zwei Brüder namens Johann (Janos) gegeben, daher die stark abweichenden Geburtsjahre. Der Ältere ist dann wohl 1387 geboren und starb 1442 als Ban von Szöreny (das wusste ich bisher nicht) und der Jüngere, also der Reichsverweser wurde 1407/09 geboren und verstarb 1456. Ob nun einer von beiden der Sohn von Sigismund war, kann nur Spekulation bleiben.

Die Spekulation über die Vaterschaft von Sigismund bezieht sich allerdings nicht auf Johann sondern auf dessen Vater Vojk (der passendweise auch von Sigismund geadelt wurde).
Für die Genealogie mittelalterlicher Adelsgeschlechter ist folgende Seite recht hilfreich, insbesondere auch deshalb, weil oft zeitgenössische Quellen vermerkt sind. Die Hunyadi findest Du ebenfalls hier.
http://fmg.ac/Projects/MedLands/HUNGARY....c396819741
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14.08.2016, 20:09
Beitrag: #51
RE: Jugendliche Herrscher in Antike und Mittelalter
Ich staune ja immer wieder hier über Charakterstudien von historischen Persönlichkeiten, die mir unbekannt waren und über die ganz sonderbare Dinge berichtet wurden, dabei allerhand Spekulatius, auf jeden Fall oft abweichend von der Lehrmeinung. Wenn man wikipedia als Lehmeinung akzepiert.
Ich frage mich da immer wieder, woher die Informationen stammen und ob die nicht sehr einseitig dargestellt werden. Wie üblich eben, wenn man aus x-ter Hand berichtet.

Wenn ich so drüber nachdenke, vielleicht mit ein Grund, warum ich mich umso weniger für Geschichte interessiere, je weiter sie zurückliegt. Wirklich schade finde ich, dass man keine brauchbaren Porträts der Personen damals hat.

"Es gibt nur eine Sache die größer ist als die Liebe zur Freiheit: Der Hass auf die Person, die sie dir weg nimmt."(Che Guevara)
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14.08.2016, 21:57
Beitrag: #52
RE: Jugendliche Herrscher in Antike und Mittelalter
(14.08.2016 20:09)Triton schrieb:  Ich staune ja immer wieder hier über Charakterstudien von historischen Persönlichkeiten, die mir unbekannt waren und über die ganz sonderbare Dinge berichtet wurden, dabei allerhand Spekulatius, auf jeden Fall oft abweichend von der Lehrmeinung. Wenn man wikipedia als Lehmeinung akzepiert.
Ich frage mich da immer wieder, woher die Informationen stammen und ob die nicht sehr einseitig dargestellt werden. Wie üblich eben, wenn man aus x-ter Hand berichtet.

Wenn ich so drüber nachdenke, vielleicht mit ein Grund, warum ich mich umso weniger für Geschichte interessiere, je weiter sie zurückliegt. Wirklich schade finde ich, dass man keine brauchbaren Porträts der Personen damals hat.

Was für sonderbares Dinge findest Du bei Johann Hunyadi ? Und was widerspricht der Lehrmeinung oder Wikipedia ? Ein zeitgenössisches Porträt von Sigismund von Luxemburg gibt es - Du findest es im Wikipedia.
https://de.wikipedia.org/wiki/Sigismund_(HRR)

Ich staune eigentlich viel mehr über die sonderbaren Dinge, die in diesem Forum über die "Gegenwartsgeschichte" verbreitet werden - abgesehen von den steilen Thesen über genetische Befunde und Abstammungstheorien.
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15.08.2016, 00:34
Beitrag: #53
RE: Jugendliche Herrscher in Antike und Mittelalter
Mein Beitrag bezog sich auf
https://de.wikipedia.org/wiki/Agathokles_von_Syrakus

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15.08.2016, 08:25
Beitrag: #54
RE: Jugendliche Herrscher in Antike und Mittelalter
(14.08.2016 12:11)Aguyar schrieb:  
(14.08.2016 08:54)Sansavoir schrieb:  Ähnlich verhielt es sich mit deren Konkurrenten, die Hunyadis. Offensichtlich hat es zwei Brüder namens Johann (Janos) gegeben, daher die stark abweichenden Geburtsjahre. Der Ältere ist dann wohl 1387 geboren und starb 1442 als Ban von Szöreny (das wusste ich bisher nicht) und der Jüngere, also der Reichsverweser wurde 1407/09 geboren und verstarb 1456. Ob nun einer von beiden der Sohn von Sigismund war, kann nur Spekulation bleiben.

Die Spekulation über die Vaterschaft von Sigismund bezieht sich allerdings nicht auf Johann sondern auf dessen Vater Vojk (der passendweise auch von Sigismund geadelt wurde).
Für die Genealogie mittelalterlicher Adelsgeschlechter ist folgende Seite recht hilfreich, insbesondere auch deshalb, weil oft zeitgenössische Quellen vermerkt sind. Die Hunyadi findest Du ebenfalls hier.
http://fmg.ac/Projects/MedLands/HUNGARY....c396819741

Wie gesagt, die Information, dass König / Kaiser Sigmund der Vater von Janos Hunyady (dem späteren Reichsverweser des ungarischen Königreiches) war bzw., dass es diesbezüglich Gerüchte gegeben hat, habe ich aus einem historischen Roman, dessen Autorin allerdings (wenn die Angaben zu ihr stimmen) aus Rumänien ist. Wenn ihr Nachwort kein geschickter Marketing-Schmäh ist, sondern tatsächlich "ehrlich" könnte sie zur Abwechslung tatsächlich eine Autorin sein, die für ihren Roman wirklich umfangreich recherchiert hat, und wenn sie tatsächlich Rumänin ist, könnte sie auch die eine oder andere Quelle / Fachliteratur kennen, die uns im deutschen Sprachraum unbekannt ist, vielleicht weil sie nie ins Deutsche übersetzt wurde.

Allerdings behauptet die Autorin im Nachwort eben nicht, dass Sigmund der wirkliche Vater war, sondern dass es unter den Zeitgenossen in Bezug auf Janos selbst Behauptungen gab, die den einen oder anderen früheren Herrscher (also auch Sigmund) zu dessen Vater oder einen Vorfahren erklären.

Mein Eindruck vom 15. Jahrhundert, wo es bereits recht viele Quellen gibt, ist ohnehin, dass gerade die Quellen sehr widersprüchlich und auch sehr parteiisch sind. Das trifft gerade auf jene Quellen zu, die gewöhnlich bevorzugt werden, wie eben die Chronisten. Hinzu kommt noch, dass die Bekanntheit eines Chronisten oder einer Chronik kein Garant für ihre Zuverlässigkeit ist. (Aber das ist zu umfangreich und wohl eher das Thema für ein eigene Diskussion.)

Zuverlässigere Quellen sind wohl Rechnungsbücher, aber die sind nun einmal wesentlich weniger spannend als die Chronik oder die "Historia" von XY.

Zuverlässiger als Chroniken und andere Schriftwerke sind wohl auch Urkunden, aber bei denen stellt sich wieder die Frage, ob sie nicht verfälscht wurden bzw. in welchen Kontext sie ausgestellt wurden.

Briefe und Gesandtenberichte dürften ebenfalls zulässiger sein, bei denen ist allerdings wieder zu berücksichtigen, inwieweit sie nicht für die Öffentlichkeit, für ein bestimmtes "Publikum" bzw. für die Nachwelt bestimmt waren.
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Dass sich die Dynastien und Herrscher, gerade wenn ihnen das entsprechende "Knowhow" fehlte, immer wieder versucht haben, sich durch Anknüpfung an einer früheren Dynastie bzw. durch einen illustren Vorfahren dieses zu verschaffen, findet sich bereits in der Antike. Aber auch spätere Generationen dürften da ein wenig nachgeholfen haben.

Ein tatsächlich Herkunft von König Sigmund wäre für die Matthias Corvinus vermutlich sogar die ideale Abstammung gewesen. (Besonders, wenn berücksichtigt wird, dass ihm von den Historikern sogar nachgesagt wird, dass er sich vor 1486 Hoffnungen auf die Nachfolge des Kaisers gemacht haben soll.

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15.08.2016, 11:24
Beitrag: #55
RE: Jugendliche Herrscher in Antike und Mittelalter
(14.08.2016 08:54)Sansavoir schrieb:  ... Ich denke, dass der Aufstieg vieler Familien im 15. Jh. doch mit Förderung durch Kaiser Sigismund zusammenhängt. Die Förderung von ihm nahestehenden Menschen war für Sigismund eine Notwendigkeit, da die Luxemburger Dynastie ihm spätestens seit 1411 kein (fähiges) Personal bereit stellte. Nutznießer dieser Personalpolitik war z.B. der Habsburger Albrecht V., der als Nachfolger aufgebaut wurde und schließlich als Schwiegersohn zum engen Familienkreis Sigismunds gehörte. 1437/38 vollzog sich der Dynastiewechsel relativ problemlos, erst der frühe Tod des nunmehrigen Königs Albrecht II. im Jahr 1439 war eine politische Zäsur. Sigismunds Freunde und Kampfgefährten profitierten ebenso von dieser Politik, so Friedrich VI., Burggraf von Nürnberg und Markgraf von Ansbach und Kulmbach, der 1415 zum Kurfürsten von Brandenburg aufstieg oder Friedrich der Streitbare, der 1423 zum Kurfürsten von Sachsen aufstieg.

Der Aufstieg der Grafen von Cilli ist sicher Sigismunds zweiter Ehe mit Barbara von Cilli geschuldet. Umgedreht brauchte Sigismund auch Verbündete, in diesem Fall wechselten wohl die in Kärnten, Slowenien und Ungarn begüterten Grafen vom Lager der (leopoldinischen Linie der) Habsburger ins Lager der Luxemburger.

Ähnlich verhielt es sich mit deren Konkurrenten, die Hunyadis. Offensichtlich hat es zwei Brüder namens Johann (Janos) gegeben, daher die stark abweichenden Geburtsjahre. Der Ältere ist dann wohl 1387 geboren und starb 1442 als Ban von Szöreny (das wusste ich bisher nicht) und der Jüngere, also der Reichsverweser wurde 1407/09 geboren und verstarb 1456. Ob nun einer von beiden der Sohn von Sigismund war, kann nur Spekulation bleiben. ...

Ich frage mich trotzdem, ob du Sigmund da nicht doch überschätzt. War er wirklich der großartige Förderer und Mentor, durch den "unbedeutende" Dynastien erst ihren Aufstieg begründeten. (Oder ließen sie ihm diese vielleicht keine andere Wahl, weil sie in Wirklichkeit um einiges bedeutender waren, als wir heute annehmen?)

Fakt ist jedenfalls, dass die Grafen von Cilli bereits im 14. Jahrhundert Ehen mit den polnischen Königshaus geschlossen hatten, das war eindeutig noch, ehe ein ungarischer König Sigmund (der in dieser Würde als Witwer seine erste Frau beerbt hatte, ähnlich wie sein Zeitgenossen Jagiello im polnischen Königreich) sich mit einer Barbara von Cilli verlobte.

Mit Blick auf weitere Ehen der Grafen von Cilli habe ich den Eindruck, dass die Familie, wenn gleich nur Grafen, schon im 14. Jahrhundert im Osten und Süden Europas recht einflussreich war. Zu dem Zeitpunkt, als Sigmund sich mit Barbara verlobte, war er nur ungarischer König und gewesener Kurfürst von Brandenburg, und hatte es gerade, nicht zuletzt dank der Vermittlung von Barbaras Vater, geschafft, dass er als ungarischer König nicht abgesetzt worden war.
Gehen wir davon aus, dass die Grafen von Cilli nicht nur im ungarischen Königreich, sondern auch in Ost- und Südeuropa Einfluss hatten, dass es zunächst einmal Sigmund selbst, der an diesem Bündnis und von dieser Verlobung / Ehe profitieren sollte.

Nachdem er um 1411 auch König des HRRs geworden war, dürfte es dann für beide Seiten ein erfolgreicher "Transfer" gewesen sein.

Die Reduktion der Grafen von Cilli auf Untertanen des ungarischen Königs und der Herzöge von Österreich, denen erst durch eine Ehe mit Sigmund und dessen Förderung der Aufstieg gelang, ist jedenfalls aus heutiger Sicht (mein Eindruck) kritisch zu hinterfragen. Ihre Reduktion auf eine ehrgeizige, doch letztlich erfolglose "Aufsteigerfamilie" dürfte mit dem Umstand, dass Geschichte meistens von den Siegern geschrieben wird, zusammenhängen. Sowohl ein Matthias Corvinus als auch ein Friedrich III. (bzw. deren Umfeld) hatten eindeutig Gründe, eine Sicht der Cillier als Aufsteiger "durchzusetzen".

Dass zumindest im deutschsprachigen Raum dieses Bild bis in die Gegenwart Bestand hat, hängt sicher damit zusammen, dass die deutsche Geschichte sich noch immer auf das fränkische Reich und dessen "Nachfolger", dem HRR, beschränkt, und das Gebiet außerhalb des HRR weitgehend ausblendet.

In der nationalen ungarischen Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts wurden die Hunyadys zur ungarischen "Heldendynastie" mit ihrem "Star"-König Matthias Corvinus und somit die Grafen von Cilli (und besonders Graf Ulrich II.) als deren Konkurrenten zu "Schurken", wozu natürlich deren angeblicher Aufstieg dank der Gnade eines deutschen (nicht ungarischen Kaisers) bestens passte.

Angesichts dessen, dass zumindest in der deutschen Literatur auf die die tatsächlichen Verhältnisse in Ost- und Südosteuropa kaum einmal genauer eingegangen wird, ist doch gut vorstellbar, dass es sich mit dem "Aufstieg" der Hunyadys vielleicht ähnlich wie bei den Grafen von Cilli verhält. Bei beiden Familie ist die Herkunft nicht eindeutig geklärt.

Die Hunyadys sind zunächst im Fürstentum Siebenbürgen nachgewiesen. Angenommen wird, dass sie aus der Walachei kamen. Durchaus vorstellbar, dass sie auch vor ihrem Auftauchen am ungarischen Königshof dort keine unbedeutende Familie waren, die erst gerade in den Adelsstand aufgestiegen war. Sie könnten z. B. schon vewandtschaftliche Beziehungen mit den um die Herrschaft in den Fürstentümern Moldau, Walachei und Siebenbürgen rivalisierenden Dynastien gehabt haben, was aber die "deutsche" Geschichtssicht nicht weiter untersucht hat. Was die Erhebung von Voyk durch Sigmund in den Adelsstand betrifft, betraf diese vielleicht nur das ungarische Königreich, in der Walchei z. B. könnte Voyk zu diesem Zeitpunkt bereits zum Adel gehört haben.
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Was nun die Erhebung der beiden neuen Kurfürsten in seiner Zeit als König des HRRs betraf, so hatte Sigmund jedenfalls insofern Glück, als er tatsächlich in der Lage war (anders als sein Vater oder sein Bruder oder seine beiden Nachfolger), zwei Kurwürden vergeben zu können. Interessant wären hier die tatsächlichen Gründe, die für seine Entscheidungen ausschlaggebend waren. (Das, was in den Urkunden dazu angeführt ist, muss keineswegs der eigentliche Grund sein.)
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Die Erhebung des Wettiners Friedrich des Streitbaren 1423 zum Kurfürsten von Sachsen nach dem Aussterben des dortigen Zweiges der Askanier gilt gewöhnlich als Belohnung für dessen Unterstützung in den Hussitenkriegen, die allerdings zum Zeitpunkt seiner Erhebung längst nicht entschieden waren. (Tatsächlich dürfte der Konflikt mit den Hussiten letztlich nicht auf dem Schlachtfeld gewissermaßen gelöst worden sein, sondern vor allem dank dem Konzil von Basel, das eine Einigung mit dem gemäßigten Flügel der Hussiten erreichte. (Die jene Päpste, die den Konziliarismus letztlich beendeten, wieder rückgängig machten, aber das ist eine andere Sache.)

Friedrich der Streitbare wurde also dank seines Engagements gegen die Hussiten Kurfürst von Sachsen. Es stellt sich aber schon die Frage, ob hinter dieser Vergabe die Notwendigkeit für Sigmund stand, den Wettiner Friedrich als Bundesgenossen im Kampf gegen die Hussiten auch weiterhin zu halten?

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Noch interessanter sind die Gründe für die Vergabe der Mark Brandenburg an den früheren Burggrafen Friedrichs VI. von Nürnberg (außerdem Markgraf von Ansbach und Kulmbach), das war übrigens erst 1417 und nicht schon 1415. Da diese Kurwürde zuvor im Besitz von Sigmunds eigener Dynastie gewesen war und er sie sogar selbst innegehabt hatte, ehe er sie seinem Cousin überlassen musste, stellt sich schon die Frage, was Sigmund bewog, diese Kurwürde aufzugeben und sich da nicht selbst ins Spiel zu bringen, wo er doch einmal Kurfürst von Brandenburg gewesen war.

Ich könnte mir vorstellen, dass sich Sigmund deswegen mit der Weitervergabe Zeit gelassen hat und dass er vielleicht zunächst geplant haben könnte, diese Kurwürde für sich selbst zu behalten zu können.
Vielleicht war es letztlich die politische Lage, so z. B. die Aktivitäten des dortigen Adels (z. B. der Quitzow), die ihn dann nötigten, doch einen neuen Kurfürsten zu ernennen. Warum aber gerade Friedrich VI.? Wirklich nur, weil er sich ausgezeichnet bewährt hatte und ihn Sigmund dafür belohnen wollte, wie dies eines Königs würdig ist? Oder war ihm Sigmund etwa schon zu viel schuldig geblieben?
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Allzu viel Glück scheint Sigmund jedenfalls mit den von ihm eingesetzten Kurfürsten letztendlich nicht gehabt zu haben, wie der Bingener Kurverein von 1424 zeigt. Auch wenn er diese Krise meisterte, in dem er letztlich Friedrich den Streitbaren zum "Austritt" veranlasste, keiner der beiden von ihm selbst eingesetzten Kurfürsten erwiesen sich in der Folge als seine "loyalen" Verbündeten.

Mit Herzog Albrecht V. von Österreich (später König Albrecht II.) hatte er da offensichtlich letztlich mehr Glück. Doch was diesem betrifft, so stellt sich schon die Frage, ob es wirklich zulässig ist, ihn nur als eine passive Marionette zu sehen, die Sigmund sozusagen mit Blick auf seine Nachfolge förderte. War er wirklich jemand, der als Nachfolger aufgebaut werden musste oder ist vielleicht doch anzunehmen, dass er an dieser Entwicklung selbst aktiv beteiligt war oder sie sich nicht zuletzt durch seine eigenen Aktivitäten, erst ergeben hat?

Um 1411, als Sigmund seine Tochter Elisabeth mit Herzog Albrecht V. von Österreich verlobt hatte, der soeben (gegen den Willen seiner Vormünder) für volljährig erklärt worden war, dürfte keineswegs voraussehbar gewesen sein, dass Sigmund einmal keine Söhne haben würde (oder weitere Töchter), zudem er und Barbara von Cilli erst wenige Jahre verheiratet waren. Daneben war zum damaligen Zeitpunkt keineswegs so sicher, wenn wir uns einige Eheanbahnungen im 14. und 15. Jahrhundert ansehen, ob aus dieser Verlobung tatsächlich einmal eine Ehe werden würde. Der Bräutigam war vielleicht knapp 16, die Braut zu diesem Zeitpunkt aber ca. 2 Jahre.
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Was mögliche Nachfolger von Sigmund als König des HRRs betrifft (und vielleicht auch als ungarischer und böhmischer König), so wird dem späteren Kurfürsten Friedrich von Brandenburg unterstellt, er habe sich nach seiner Erhebung zum Kurfürsten Hoffnungen darauf gemacht, Sigmund zu beerben und nicht zuletzt dessen "Bevorzugung" des österreichischen Herzogs Albrecht hätte ihn dann auf die Seite von Sigmunds Gegner gebracht.

Dass Sigmund Herzog Wilhelm von Bayern-München (ein Wittelsbacher, dessen Schwester mit seinem Bruder Wenzel IV. verheiratet gewesen war, Wilhelm und sein älterer Bruder Ernst hatten vor Sigmunds Königswahl auf der Seite ihres Schwagers gestanden) später zu seinem Stellvertreter auf dem Konzil zu Basel ernannte, wurde offensichtlich von manchen Zeitgenossen ebenfalls als ein erster Schritt verstanden, ihn (zumindest) zu seinem Nachfolger als König des HRRs zu machen.

Ich würde nicht ausschließen, dass Sigmund erst einmal, solange er keinen Sohn hatte, seine Nachfolge auch als Köder genutzt haben könnte, um gewisse Verbündete für sich zu gewinnen und zu halten, und dass sich sein Schwiegersohn (auch für ihn) erst allmählich als der "ideale" Nachfolgekandidat etabliert hat.

Auffallend ist, dass viele, die Sigmund gefördert hat, sich letztlich keineswegs auf Dauer als loyale Verbündete erwiesen. Da stellt sich schon die Frage, ob Sigmund wirklich als der souveräne Förderer von Adelsfamilien zu sehen ist, der sich, nachdem die eigene Dynastie keine "Ressourcen" mehr bot und sich abzeichnete, dass sie mit ihm in "männlicher" Linie aussterben würde, durch Förderung anderer Familien ein "Ersatz"-Netzwerk aufzubauen versuchte, oder ob er nicht in Wirklichkeit in vielen Fällen gar keine Wahl hatte, diese fördern zu müssen, um sie überhaupt halten zu können oder wenigstens so zu verhindern, dass sie sich auf die Seite eines seiner Gegners schlagen würden.

Was die Ressourcen der eigenen Dynastie betraf, könnte es auch an Sigmund selbst gelegen haben, dass er diese nicht für sich nutzen konnte. Warum setzte z. B. eine Elisabeth von Görlitz nicht auf ihn, sondern letztlich auf den Herzog von Burgund, als es um die Nachfolge des Fürstentums Luxemburg ging? Weil Sigmund sie zugunsten seiner Tochter ausschalten wollte? Wäre es nicht möglich gewesen, die Nichte in ihrer Stellung zu lassen und als Verbündete zu gewinnen?
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Mit dem Kurfürstentum Sachsen - belohnte er da wirklich Friedrich den Streitbaren für seine Verdienste im Hussitenkrieg oder war dies etwa der Preis, den Sigmund zahlen musste, um Friedrich den Streitbaren weiterhin als Verbündeten zu halten.
Zum Vergleich: 1423 belehnte Sigmund Herzog Albrecht V. von Österreich mit der Markgrafschaft Mähren. Nur eine Förderung des Mannes, der vor zwei Jahren seine Tochter geheiratet hatte. Fakt ist, dass Sigmund so den Hussitenkrieg (und vor allem dessen Kosten) an Albrecht weiterdelegierte.

In diesem Zusammenhang wäre sicher interessant zu überprüfen, wie das Verhältnis zwischen Sigmund und seinem Schwiegersohn tatsächlich war. Die offensichtlich übliche Vorstellung von einem herzlichen Vater-Sohn-Verhältnis (Sigmund soll einer Legende nach Albrechts Vater, als er 1404 starb, angeblich in Sigmunds Armen, versprochen haben, er werde seinem Sohn stets ein Vater sein) und Sigmund als väterlicher Freund und Förderer Albrechts könnte, so schön sich das auch anhört, vielleicht doch nur Fiktion oder idealisierte Vorstellung späterer Generationen.
(Was den wahren Kern der Legende um den Tod von Herzog Albrecht IV. von Österreich ("Albrecht der Mönch" oder Albrecht das Weltwunder") betrifft, so ist nur gesichert, dass er nach überraschend als Folge einer Krankheit (neben einer Lagerseuche wird auch von einer Lebensmittelvergiftung ausgegangen) auf einem Feldzug Sigmunds als dessen Verbündeter starb. (Und auch die Vorstellung von den dummen und unfähigen Habsburgern, die es doch nur zur deutsch-römischen Königswürde brachten, weil Sigmund einen Narren an einem von ihnen gefressen hatte, dürfte eher der Legendenbildung unserer Gegenwart geschuldet sein, als auf einem realen Background aufzubauen.)

Fakt ist: 1421 kommt es tatsächlich zur Eheschließung zwischen Herzog Albrecht V. von Österreich und Elisabeth von Luxemburg, dem Sigmund in diesem Zusammenhang übrigens das "Privilegium maius" bestätigt.

In der Folge dürften Sigmund und Albrecht aus unterschiedlichen Gründen von dieser Allianz profitiert haben, allerdings dürfte sie zumindest für Albrecht selbst nicht nur Vorteile gehabt haben. Dessen eigene Länder (die Herzogtümer Österreich ob und unter der Enns) waren wiederholt Ziel hussitischer Angriffe, auch die enormen Schulden Albrechts dürfte dieser erst durch seinen Einsatz für den Schwiegervater in den Hussitenkriegen angehäuft haben.
Ein Nachteil für Sigmund könnte gewesen sein, dass er durch die Festlegung auf einen bestimmten Nachfolger jene Verbündeten vergraulte, die sich bereits selbst gewisse Hoffnungen da gemacht hatten oder die er vielleicht mit solchen Hoffnungen ursprünglich geködert hatte.

Für Albrecht dürfte es der Zugewinn an Herrschaften (erster Schritt: Markgrafschaft Mähren) und die Aussicht, Sigmund als ungarischen und böhmischen König sowie als römischen König zu "beerben", gewesen sein, die diese Allianz für ihn letztlich attraktiv machte. Sigmund wiederum dürfte Albrechts Ressourcen gerade für die Hussitenkriege und auch zur Stärkung für die eigene Position im HRR bitter nötig gehabt haben. Als König von Ungarn war Sigmund kein Reichsfürst, wegen der Hussitenkriege war er zunächst nur "pro forma" böhmischer König. Sein Hauptsitz Preßburg lag nicht mehr im HRR, Prag kam wegen der Hussitenkriege meistens für politische Treffen nicht in Frage, aber er konnte immerhin nach Wien ausweichen, das im Herrschaftsgebiet seines Schwiegersohns lag und auch im HRR.

Die schriftlichen Reaktionen der Zeitgenossen beim Ableben Albrechts verraten jedenfalls, dass Albrecht offensichtlich bei diesen eine sehr gute Presse gehabt haben dürfte. Eine Marionette von Sigmunds Gnaden war er vielleicht in der Phantasie späterer Historiker, aber sicher nicht aus der Sicht der Zeitgenossen (wenn wir Propaganda und Ähnliches einmal weglassen).

Was die Nachfolge Albrechts betrifft, so hatte Sigmund sicherlich zur Abwechslung hier insofern Glück, dass der zumindest aus geographischer Sicht geeignete Nachfolger (Albrechts österreichische Länder grenzten direkt an die von Sigmund, was ein zusammenhängendes Herrschaftsgebiet ergab), für den er sich letztlich vielleicht aus diesem Grund selbst entschieden haben dürfte, sich ihm gegenüber als loyal erwies, sondern auch als fähig herausstellte. (Als Vergleich für eine nicht gelungene Nachfolge bei Fehlen eines männlichen Erbens bietet sich z. B. das Schicksal einer Jakoba von Bayern-Holland an.)

Auf die Umstände, dass es dann doch anders gekommen ist, hatte Sigmund keinen Einfluss. (Wenn es allerdings stimmt, dass er die Leopoldiner gehasst haben soll, muss es für ihn sehr unbefriedigend gewesen sein, dass letztlich seine Nachfolge ausgerechnet an den Sohn eines "Feindes" übergegangen ist, und diesem die Gründung und Etablierung einer neuen Herrscherdynastie für das HRR gelant. Aber eine solche Sicht auf geschichtliche Geschehnisse ist natürlich nur Legende oder etwas für einen Gegenwartsroman.Big Grin)

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15.08.2016, 12:39
Beitrag: #56
RE: Jugendliche Herrscher in Antike und Mittelalter
Nur ein Beispiel, wie sich historischer Unfug scheinbar ewig halten kann:
http://www.zeit.de/2012/48/Stimmts-Napoleon
Es war nun einmal eine schöne Theorie: der kleinwüchsige Napoleon kompensiert seine fehlenden cm mit Eroberungen. Selbst ich habe das immer gewusst: der Napoleon war so ein Giftzwerg.
Man sieht also: selbst überlieferte Messergebnisse werden noch verfälscht, damit die Geschichte nach Belieben interpretiert werden kann.

Wie soll es da verlässliche Berichte über Herrscher von vor x-tausend Jahren geben? Also solche, die über das objektiv nachprüfbare hinausgehen.

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16.08.2016, 12:13
Beitrag: #57
RE: Jugendliche Herrscher in Antike und Mittelalter
(15.08.2016 00:34)Triton schrieb:  Mein Beitrag bezog sich auf
https://de.wikipedia.org/wiki/Agathokles_von_Syrakus

Was ist dagegen einzuwenden, wenn sich mein Bericht auf Tante Wiki bezieht?
Ich denke, ich bin nicht die Einzige, die mal ab und zu nachliest, wenn man im Laufe einiges vergessen hat und nachliest?
Oder sollte man sich in Zukunft in erster Linie nur auf Fachliteratur beziehen?
Nur mal zur Verständigung nachfragt.

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16.08.2016, 13:27
Beitrag: #58
RE: Jugendliche Herrscher in Antike und Mittelalter
Dein Beitrag hat die Darstellung der Person verkürzt und einseitig verdreht. Das war mein Eindruck. Aber ich kenne natürlich die echte Wahrheit wirklich nicht und bin immer kritisch, wenn ich höre, was teilweise über Personen zusammengereimt wird, über die es keine brauchbaren Quellen geben kann.

Aber das hier ist ja ein Diskussionsforum, da ist es erlaubt, eben "nur" die eigene Ansicht zu schreiben.
Ich selbst mache nie was anderes.

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16.08.2016, 14:04
Beitrag: #59
RE: Jugendliche Herrscher in Antike und Mittelalter
Gut zu wissen, Triton. Ja, Zweifel sind immer angebracht!Thumbs_up

Es kann gut sein, das Tanke Wiki so einiges nicht richtig darstellt. Sollte es so sein, sollte darüber diskutiert werden. Vielleicht hat jemand Fachliteratur über diese Person und könnte darüber berichten oder korrigiert mich aus dem Wissen heraus?

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16.08.2016, 14:38
Beitrag: #60
RE: Jugendliche Herrscher in Antike und Mittelalter
(16.08.2016 13:27)Triton schrieb:  Dein Beitrag hat die Darstellung der Person verkürzt und einseitig verdreht. Das war mein Eindruck. Aber ich kenne natürlich die echte Wahrheit wirklich nicht und bin immer kritisch, wenn ich höre, was teilweise über Personen zusammengereimt wird, über die es keine brauchbaren Quellen geben kann.

Aber das hier ist ja ein Diskussionsforum, da ist es erlaubt, eben "nur" die eigene Ansicht zu schreiben.
Ich selbst mache nie was anderes.

Ich kenne mich in der Antike nicht wirklich aus und schon gar nicht in der römischen Geschichte (die interessiert mich einfach zu wenig) aber die Quellenlage scheint - gemäss Wikipedia - ja nicht so schlecht zu sein.

Zitat: Die Hauptquelle ist Diodor, der in den Büchern 19–21 seiner Universalgeschichte die Epoche des Agathokles schildert. Er folgt vorwiegend dem Geschichtswerk des Timaios von Tauromenion, das nicht erhalten ist. Timaios war ein radikaler Gegner des Agathokles. Daneben standen Diodor weitere, ebenfalls verlorene Quellen zur Verfügung, darunter die anscheinend relativ neutrale Darstellung des Duris von Samos und ein offenbar sehr ausführliches Werk des Kallias von Syrakus über die Taten des Agathokles in 22 Büchern. Kallias schilderte nach Diodors Angaben den Tyrannen positiv, angeblich weil er dafür bezahlt wurde. Diodor kannte auch eine von Agathokles’ Bruder Antandros verfasste Schrift zur Verherrlichung des Tyrannen.

Eine weitere Quelle ist die Epitome des Junianus Justinus, ein Auszug aus den verlorenen Historiae Philippicae des Pompeius Trogus. Trogus stützte sich ebenfalls auf das Werk des Timaios, die Epitome zeigt aber auch Spuren von mindestens einer weiteren von ihm herangezogenen heute verlorenen Schrift, deren Autor die Taten des Agathokles offenbar bewunderte. Die dritte erhaltene Quelle ist Polyainos, der in seinen Strategiká („Kriegslisten“) acht kurze Erzählungen bietet, die er wohl teilweise Duris von Samos verdankt.
Zitatende.

Eine Rekonstruktion der tatsächlichen Ereignisse dürfte - meinen laienhaften Vorstellungen gemäss - mit der Methode der Quellenkritik durchaus möglich sein. So lässt sich beispielsweise - wie Du bemerkt hast - bereits aus obiger Feststellung "Timaios war ein radikaler Gegner des Agathokles" ableiten, dass die überlieferte Darstellung weitgehend tendenziös ausgefallen sein dürfte und man bei der Beurteilung der Quellenaussagen unbedingt Abstriche Richtung "Progpaganda" machen müsste.
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