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Aufklärung, Spionage, Desinformation...
08.07.2020, 12:02
Beitrag: #1
Aufklärung, Spionage, Desinformation...
Es gibt etliche Punkte in der Weltgeschichte die hätten anders verlaufen können, wenn ja wenn nicht....

Einst erzählte mir ein "Vetter" Jahrzehnte älter als ich,
"Wir haben im Januar 1945 Funkaufklärung von (den Ort konnte ich mir nicht merken) aus gegen den Baranow-Brückenkopf gemacht, bis zu 30.000 Fahrzeugbewegungen haben wir am Tag festgestellt! Kein Schuss ist von deutscher Seite dagegen gefallen, da wusste ich, der Krieg ist verloren"
soll heißen, wenn die Ressourcen kpl. fehlen nützt auch die beste "Feindaufklärung" nichts mehr.

Aber meist, sehr oft sogar, war dies der Schlüssel zum Erfolg.

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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08.07.2020, 12:10
Beitrag: #2
RE: Aufklärung, Spionage, Desinformation...
Um mal mit dem Jahr 1805 zu beginnen.

Da hat sich ein Österreichischer General fürchterlich blamiert. ist den Franzosen wie ein "Dackel" ins Netz gegangen.
General Mack von Leiberich. Es war ihm eine gefälschte Pariser Zeitung zugespielt worden, mit anscheinend gut gemachten Falschmeldungen. "Aufstand und Revolution in Paris" Napoleon muss umgehend zurück nach Frankreich/Paris, sonst verliert er alles.
Und Mack ließ sich in Ulm einkesseln, zog sich nicht zurück solange noch Zeit war. Er war überzeugt, dass er umgehend Richtung Westen vorstoßen könne/müsse..........

Der Desinformant war der gebürtige Badener Karl Ludwig Schulmeister, ein fanatischer Anhänger Napoleons.
Noch mehrfach soll Schulmeister noch die Finger bei überraschenden Aktionen im Spiel gehabt haben. So bei der "Eroberung" Wismars

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08.07.2020, 18:07
Beitrag: #3
RE: Aufklärung, Spionage, Desinformation...
(08.07.2020 12:10)Suebe schrieb:  Noch mehrfach soll Schulmeister noch die Finger bei überraschenden Aktionen im Spiel gehabt haben. So bei der "Eroberung" Wismars

Das halte ich für nachträglich ausgeschmückt. Ich habe mal im Standardwerk zur Geschichte Wismars, das rein zufällig bei mir im Regal steht, nachgeschlagen (Techen 1929 - Geschichte der Seestadt Wismar, p.283). Danach zog am 4.11.1806 ein preuß.General Usedom mit 6-700 Mann durch die Stadt und ergab sich anderntags den Franzosen (Wo? Wahrscheinlich suchte er Anschluß an Blücher, der zu der Zeit im nahen Lübeck stand.). Der Franzosengeneral Savary verließ die Stadt dann am 9.11.1806. Von irgendeinem Husarenstück Schulmeisters ist jedenfalls nirgendwo die Rede, eine ernsthafte Verteidigung der Stadt, wäre ohnehin sinnlos gewesen. Die einst eindrucksvollen Befestigungen aus der Schwedenzeit waren da schon längst geschleift, auch wenn damals noch die mittelalterliche Stadtmauer noch zum größten Teil stand.
Ansonsten gibt die Quelle nur an, dass in diesen Tagen allein für "Geschenke an die frz. Offiziere" 5200 Taler aus der Stadtkassse aufgewendet wurden und dass in einem einzigen Bürgerhaus mit 6 Einquartierungen 70 Flaschen Wein in nicht ganz 3 Tagen ausgesoffen wurden.

„Der Horizont der meisten Menschen ist ein Kreis mit dem Radius 0. Und das nennen sie ihren Standpunkt.“ (Albert Einstein)
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08.07.2020, 20:25
Beitrag: #4
RE: Aufklärung, Spionage, Desinformation...
(08.07.2020 18:07)Arkona schrieb:  
(08.07.2020 12:10)Suebe schrieb:  Noch mehrfach soll Schulmeister noch die Finger bei überraschenden Aktionen im Spiel gehabt haben. So bei der "Eroberung" Wismars

Das halte ich für nachträglich ausgeschmückt. Ich habe mal im Standardwerk zur Geschichte Wismars, das rein zufällig bei mir im Regal steht, nachgeschlagen (Techen 1929 - Geschichte der Seestadt Wismar, p.283). Danach zog am 4.11.1806 ein preuß.General Usedom mit 6-700 Mann durch die Stadt und ergab sich anderntags den Franzosen (Wo? Wahrscheinlich suchte er Anschluß an Blücher, der zu der Zeit im nahen Lübeck stand.). Der Franzosengeneral Savary verließ die Stadt dann am 9.11.1806. Von irgendeinem Husarenstück Schulmeisters ist jedenfalls nirgendwo die Rede, eine ernsthafte Verteidigung der Stadt, wäre ohnehin sinnlos gewesen. Die einst eindrucksvollen Befestigungen aus der Schwedenzeit waren da schon längst geschleift, auch wenn damals noch die mittelalterliche Stadtmauer noch zum größten Teil stand.
Ansonsten gibt die Quelle nur an, dass in diesen Tagen allein für "Geschenke an die frz. Offiziere" 5200 Taler aus der Stadtkassse aufgewendet wurden und dass in einem einzigen Bürgerhaus mit 6 Einquartierungen 70 Flaschen Wein in nicht ganz 3 Tagen ausgesoffen wurden.

Was frei nach Ernst Jünger "Gallischer Tieftrunk" genannt werden könnte.
WinkBig Grin
Der Usedom wäre ca. 100 Mann stärker als Savary gewesen. Und Savary froh gewesen, dass die Preußen dies nicht bemerkt hatten. Usedom muss da schon Blüchers Kapitulation "da ich kein Brod mehr habe" mitbekommen haben, und von dem Moment an hat alles preußische Militär westlich der Oder vor jeder franz. Militärkappe sofort kapituliert.

Der Schulmeister soll mit 12 Husaren Wismar "erobert" haben.
Allerdings habe ich ähnliches von einer preuß. Festung gelesen, die sich einer franz. Husarenpatroullie ergeben hat. Welche weiß ich nicht mehrThumbs_down

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08.07.2020, 21:07
Beitrag: #5
RE: Aufklärung, Spionage, Desinformation...
Geschichte ist die Lüge auf die sich die Geschichtsforschung verständigt hat oder anders und etwas netter ausgedrückt: Geschichte ist das, was die gegenwärtige Generation und die späteren Generationen aus der Vergangenheit gemacht haben und auch weiterhin machen.

Wenn aber bereits harte Fakten und recht sichere Geschichtsquellen nicht wirklich zulässig sind beziehungsweise eine gezielte oder unfreiwillige Fehldeutung zulassen (gegen Ideologie, Vorurteile und Zeitgeist ist zudem bisher noch kein Kraut gewachsen), ist es natürlich noch schwieriger "scheinbar" unsichtbare Akteure und Details zu erkennen.
Und wenn eine perfekte Nachrichtenübermittlung letztlich nicht einmal im Zeitalter des Internets, der Direktübertragung und des Handys hundertprozentig möglich ist, so war das in früheren Zeiten sicher noch problematischer.

Hinzu kommt noch, dass die wirklich perfekten Aktionen bis heute die sind, die nie entdeckt wurden. Der erfolgreichste Spion oder die erfolgreichste Spionin ist gewöhnlich jemand, der oder die eine Menge geleistet hat, aber nie als Spitzel aufgeflogen ist. Der perfekte, politische Mord ist ein Todesfall, bei dem bisher die Geschichtsforschung noch nicht entdeckt war, dass es ein Mord war.
(Es ist schon "lustig", dass die Untersuchungen von Skeletten in den meisten Fällen bisher die als historisch vermutete oder gar mit Sicherheit angenommenen Morde widerlegt haben. Selten dagegen der Fall, dass so ein historischer Todesfall, der stets unauffällig war, auf diese Art als Mord entlarvt werden konnte.)

Ein weiterer Problem ist außerdem der Zufall, der sich auch nie so recht ausschließen lässt.

Dass mit der Falle für den General Mack, übrigens war er ein gebürtigen Ansbacher, und der Zeitung dürfte nach dem Artikel in der NDB, der sehr sachlich und seriös wirkt und zudem aus dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts stammt, für eine Legende halten. (Sein "Versagen" im Zusammenhang mit der Eroberung vom Ulm, wenn es denn wirklich seine Schuld war, hat er übrigens mehrere Jahre Dauer büßen dürften.)

Da ich in diesem Kontext nicht so recht ein Motiv ausmachen kann, dass diese Legende entstanden ist, um Mack zu verunglimpfen, wäre zu überlegen, ob es nicht eine Legende ist, um Karl Ludwig Schulmeister als den großen Machen im Hintergrund zu verherrlichen, wobei Mack die Arschkarte erhalten haben dürfte.

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09.07.2020, 16:16
Beitrag: #6
RE: Aufklärung, Spionage, Desinformation...
Deine These:
"Was nützt es dir, wenn du morgen die Schlacht gewinnst.
Da du heute den Geschichtsschreiber beleidigt hast!"
Zitat aus der Hand.

Der Hintergrund oder Hintergedanke bei Ulm, Mack und Schulmeister ist, wenn ich das richtig verstanden habe, dass man einen Grund gesucht hat, warum Mack nicht Richtung Osten oder Südosten retiriert ist, und sich statt dessen in Ulm einsacken ließ.

(Ich überlege derzeit krampfhaft wo ich die ganze Story gelesen habe, fällt mir aber schon noch ein)

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09.07.2020, 16:42
Beitrag: #7
RE: Aufklärung, Spionage, Desinformation...
Anlass für diese Artikel-Serie, ist, dass mir der "schreckliche Leppich" untergekommen ist.

https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Leppich

er hat für seine Idee einen lenkbaren Ballon zu bauen und ihn als Kriegsgerät zu nutzen,
sehr hochkarätige Unterstützer gefunden.

in Württemberg Cotta, Wangenheim, den Kronprinzen Fr. Wilhelm, den Komponisten Konradin Kreutzer,
um nur mal die auf den ersten Blick erstaunlichsten zu nennen.
Das Tübinger Schloss wurde ihm für seine "Versuche" zur Verfügung gestellt, hier wird der Kronprinz die finger im spiel gehabt haben, der König wollte allem nach wenig von der Geschichte wissen. Cotta (der Verleger Goethes) hat ihn mit ganz erheblichen Summen finanziert. Das ganze wurde im Frühjahr 1812 abgebrochen.

Der russische Botschafter in Stuttgart hat die Schulden bei Cotta bezahlt, und die Übersiedelung Leppichs nach Russland zu Wege gebracht.
Dort versuchte er wieder ein Lenk-Luftschiff zu bauen, mit dem die Napoleonische Armee hätte abgeschlagen werden sollen.
Was natürlich nicht gelang.

Die für sein Luftschiff zur Bombardierung der 2Grande Armee" bereitgestellten Sprengstoffe sollen dann benutzt worden sein um Moskau anzubrennen, evtl. unter Leppichs Anleitung.
Worüber aber keineswegs Konsens besteht.

Auf alle Falle ist Leppich aus Russland als vermögender Mann heimgekehrt, was, wenn er dort lediglich einen großen Fehlschlag zuwege gebracht hätte, vermutlich nicht der Fall gewesen wäre.
Immerhin nannte der Gouverneur von Moskau ihn einen Scharlatan, als unmittelbar vor der franz. Besetzung Moskaus das Luftschiff-Projekt beendet wurde. Das Luftschiff, laut Leppich für 50 Mann Besatzung ausgelegt, war mühsam in der Lage 2 Mann zu tragen...
und von Lenkfähigkeit keine Rede.

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09.07.2020, 21:09
Beitrag: #8
RE: Aufklärung, Spionage, Desinformation...
Was das Vermögen betrifft, vielleicht war es so etwas wie "Bestechungsgeld" der Russen, um am Ende nicht ganz so dumm dar zu stehen. Immerhin hatten sie Leppich wie die Zahlung seiner Schulden zeigt, einiges investiert. Dass diese Investition ein völliger Fehlschlag war, wollten sie vielleicht nicht zugeben. Da war es vielleicht eine Lösung, dass Leppich finanziell gut versorgt wieder heimkehrt und daher es nicht notwendig aus seinem russischen Abenteuer auf Kosten der Russen Kapital zu schlagen.Angel

Nur so eine Idee.

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19.07.2020, 11:58
Beitrag: #9
RE: Aufklärung, Spionage, Desinformation...
Ich weiß, warum ich den Roman "Krieg der Sänger" von Robert Löhr besonders mag. Für mich die beste neuere Gestaltung zum Thema "Geschichtslüge", und das ganze Buch ist zudem noch sehr unterhaltsam.

Wie eine "historische" Geschichte überliefert wurde, ebenfalls witzig umgesetzt im historischen "Zeitreise"-Roman "Reliquiae - Die Konstantinopel-Mission " von Christoph Görg (die Fortsetzung "Troubadour - Die Löwenherz-Verschwörung", mehr dazu unter http://www.forum-geschichte.at/Forum/sho...8#pid67038

Niki Wolf aus der Wachau, den es aus dem 21. Jahrhundert ins Dürnstein des 12. Jahrhunderts verschlagen hat, bemüht sich gewöhnlich sehr darum, die ihm aus "Raumschiff Enterprise" bekannte Devise nicht in historisches Geschehen / in fremde Welten einzugreifen, zu befolgen, weil er es für besser hält und es wohl auch für zu anstrengend findet, die Vergangenheit zu ändern. Doch leider schafft er es nicht immer seine guten Vorsätze zu halten.
Jedenfalls erzählt er in "Reliquiae" Herzog Leopold dem Tugendreichen bei einer Audienz, um sich diesem positiv zu präsentieren, wie der Herzog, nach dem er tapfer bei Akkon mitgekämpft hat, danach seinen Gürtel abnahm. Seine weiße Gewänder waren rot vom Blut, aber dort wo der Gürtel gewesen war, zeigte sich ein weißer Streifen ...

Der Herzog ist sehr überrascht über diese ihm unbekannte Geschichte, wie er angeblich zu seinem rotweißroten "Wappen" gekommen sein soll. Aber dann findet er, dass sie doch gut ist und befiehlt einem seiner Leute, sie für die Nachwelt aufzeichnen zu lassen.

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Ich selbst habe oft genug bemerkt, dass unsere historischen Gegenwartsroman, deren Autorinnen und Autoren mit der Geschichte und ihren Möglichkeiten spielen, statt sich als Erzählerinnen und Erzähler der einzigen "wahren" Geschichte zu profilieren, fast immer die besseren Bücher geschrieben haben, und gerade weil sie eher ein Spiel mit dem, was tatsächlich hätte sein können, treiben, oft der Wahrheit näher sein dürften.

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