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Verarmung des Adels im Spätmittelalter
08.06.2021, 15:33
Beitrag: #1
Verarmung des Adels im Spätmittelalter
Eigentlich war es mir klar.
Der Niederadel kam mit der beginnenden Geldwirtschaft nicht zurecht,
Und verarmte deshlab unausweichlich

Nun sind mir aber regional zwei Adelsfamilien untergekommen die im Spätmittelalter recht vermögend wurden, als Geldgeber auch gegenüber ihren Territorialherren auftraten.
Also sehr wohl etwas "vom Geld verstanden".
Und im ausgehenden 15. beginnenden 16. Jahrhundert binnen zwei Generationen total verarmten.

Gibt es da irgendwelche Tendenzen?
Kann man da etwas irgendwie festhalten?

"Die Inflation muss als das hingestellt werden, was sie wirklich ist, nämlich als Betrug am Staatsbürger, der um einen Teil seines Einkommens, aber noch mehr um seine Ersparnisse gebracht wird.!" (Ludwig Erhard, Bundeskalnzler 1963 bis 1966)
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08.06.2021, 19:51
Beitrag: #2
RE: Verarmung des Adels im Spätmittelalter
Wer sagt, dass es nur an der Geldwirtschaft gelegen haben wird. Immerhin ist Geld keineswegs erst im Spätmittelalter als ein Zahlungsmittel belegt.

Vielleicht kann uns die Gegenwart den Schlüssel liefern. Seit sich im 21. Jahrhundert das aus einer kapitalistischen Wirtschaftsvereinigung hervor gegangene, in Europa weitgehend etablierte Kapitalismus-Regime (inklusive Regime übliche Ideologie) haben, wird systematisch und gezielt dafür gesorgt, dass kleine und mittlere Betriebe aufgeben müssen. Systematisch wird die etablierte und durchaus vermögende Mittelschicht vernichtet, regionale Ebenen nach Möglichkeit zerstört oder kriminalisiert.

Gut vorstellbar, dass die Entwicklung im Spätmittelalter auf derselben Struktur verlief. Auffallend ist jedenfalls, dass den Niedergang hier auch die "mittleren Schichten" und "unteren" Schichten betraf, wovon wiederum einige Wenige profitiert haben.

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Nur die Geschichtenschreiber erzählen uns, was die Leute dachten.
Wissenschaftliche Forscher halten sich streng an das, was sie taten.

Josephine Tey, Alibi für einen König
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10.06.2021, 17:51
Beitrag: #3
RE: Verarmung des Adels im Spätmittelalter
Zitat Teresa:
Zitat:Systematisch wird die etablierte und durchaus vermögende Mittelschicht vernichtet, regionale Ebenen nach Möglichkeit zerstört oder kriminalisiert.

da muss ich widersprechen. zumindest für das Deutschen Reich und seine Nachfolgestaaten.
Da wurde die Mittelschicht in der Inflation nach dem ersten Weltkrieg enteignet und wenn man so will vernichtet.
"Mark ist Mark" war der Lehrsatz der Reichsbank. Und wer Kriegsanleihen gezeichnet hatte bekam für Tausende von Goldmark lediglich noch Pfennige!
"Wer hat - und nicht zeichnet - hat sich gezeichnet!" War die massive Drohung bei den jährlichen Kriegsanleihen!
Ich kenne den dokumentierten Fall einer privaten Hypothek aus dem Jahre 1912 über 80.000 Mark, Goldmark wohlgemerkt, 1912 ein sehr nennenswertes Vermögen!
1923 wurde sie abgelöst - mit dem Gegenwert von anderthalb Pfund Rindfleisch -
und der Ausreicher der Hypothek musste die Papierfetzen nehmen, und in die Löschung der Hypothek einwilligen!
Denn "Mark ist Mark" war der Leitsatz der Reichsbank.

Hier ist der Schlüssel zur Republikfeindlichkeit weiter Kreise zu finden.
Beim gewaltigen Beschiss des eigenen Bürgers.

Literaturhinweis: "Der schwarze Obelisk" von Remarque und auch der "Eiserne Gustav" von Fallada

sorry, völlig OT
zum Spätmittelalter komme ich später

"Die Inflation muss als das hingestellt werden, was sie wirklich ist, nämlich als Betrug am Staatsbürger, der um einen Teil seines Einkommens, aber noch mehr um seine Ersparnisse gebracht wird.!" (Ludwig Erhard, Bundeskalnzler 1963 bis 1966)
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11.06.2021, 11:02
Beitrag: #4
RE: Verarmung des Adels im Spätmittelalter
zurück zum Spätmittelalter.

Kann nicht die Pest zur rapiden Verarmung des Adels idZ die Ursache gewesen sein?
Der Besitz des Niederadels bestand ja in der Regel aus diversen Landgütern.
Bezog man das Einkommen aus dem Verkauf von Lebensmitteln im weitesten Sinn.
Die Pest forderte ja ganz erhebliche Todesopfer, bis zu 50 % der Bevölkerung.
Ergo: Die Zahl der Abnehmer von landwirtschaftlichen Erzeugnissen hat sich ebenfalls halbiert.

Oder liege ich falsch?

"Die Inflation muss als das hingestellt werden, was sie wirklich ist, nämlich als Betrug am Staatsbürger, der um einen Teil seines Einkommens, aber noch mehr um seine Ersparnisse gebracht wird.!" (Ludwig Erhard, Bundeskalnzler 1963 bis 1966)
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13.06.2021, 16:04
Beitrag: #5
RE: Verarmung des Adels im Spätmittelalter
Nein, die Pest von 1347 bis 1352 und die späteren Pestwellen sind ein Grund. Der niedere Adel lebte von der Arbeit seiner Bauern bzw. von den erwirtschafteten Erträgen. Viele Orte verödeten nach der Pest, die überlebenden Bauern verließen die Dörfer und zogen dorthin, wo sie hofften, bessere Lebensbedingungen zu finden. In England führte dies dazu, dass Eduard III. 1360 einen Erlass gegen die Bauern herausgab.

Nutznießer der Pest waren die Großgrundbesitzer, de facto Hochadel und Kirche. Sie konnten z.B. auf die nicht so arbeitsintensive Weide- bzw. Viehwirtschaft übergehen und so ihr wirtschaftliches Überleben sicherstellen. Dies ermöglichte ihnen sich Gefolgschaften zu leisten, die alten Lehensbeziehungen wurden brüchig.

Der niedere Adel verarmte nicht nur wegen Aufkommen der Geldwirtschaft oder der Pest, sondern weil das Lehenssystem im Niedergang war. Er wurde als Vasall nicht mehr gebraucht. Denn der Niedergang vieler Familien des niederen Adels erfolgte nicht erst ab 1347, sondern schon einige Jahrzehte eher, etwa ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhundert. Und da bestehen Zusammenhänge mit dem Zusammenbruch der königlichen Zentralmacht und dem Interregnum, aber auch mit der Krise des Papsttums in den 1260er Jahren.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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13.06.2021, 17:24
Beitrag: #6
RE: Verarmung des Adels im Spätmittelalter
Es wäre vermutlich interessant zu wissen, ab wann diese Verarmung sich tatsächlich beobachten lässt und ob es bereits in den Jahrzehnten davor, Anzeichen dafür gegeben hat. (Was könnte weggefallen sein?) Die meisten Entwicklungen sind nicht plötzlich da, sondern "schleichen" sich an. (Ist in der Gegenwart und der Zeitgeschichte nicht viel anders.)

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15.06.2021, 20:12
Beitrag: #7
RE: Verarmung des Adels im Spätmittelalter
Mir fehlt natürlich die "Tiefe" bei meiner Überlegung.
Meine Überlegungen stützen sich auf 2 Adelsfamilien. Die eine, Bubenhofen, ist mir schon lange "bekannt" haben eine sehr nennenswerte Herrschaft zusammengekauft, ihren Territorial- und Dienstherren Darlehn gewährt, und plötzlich Mitte des 15. Jahrhunderts war binnen einer Generation das meiste futsch. Waren Schulden angehäuft worden. Erklärung der Regionalisten: "zwei Brüder hätten innerhaalb eines Jahres auf dem Reichstag in Frankfurt alles "verjubelt". Was mir immer schon zweifelhaft erschien.

Jetzt ist mir ein Aufsatz in der Zeitschrift des WGAV 2020 untergekommen. Familie Yberg mow wie bei den Bubenhofen, offensichtlich vermögend, ihren Territorial und Dienstherren mit namhafen Darlehn "ausgeholfen", eine Generation vordem "Knall" musste man aus Sicherheitsgründen 10.000 Gulden in der Reichsstadt Esslingen "bunkern". Eine Generation später nix wie Schulden. Auch hier in der Mitte des 15.
Jahrhunderts.

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15.06.2021, 21:23
Beitrag: #8
RE: Verarmung des Adels im Spätmittelalter
Vielleicht lag es einfach daran, dass sie letztlich wegen ihrer Darlehen beziehungsweise der Aushilfe für die Territorial- und Lehensherren selbst in hoffnungslose Verschuldung gerieten. Wenn der Territorial- und Dienstherr letztlich zahlungsunfähig ist (von ihm also nichts mehr zurückgeholt werden kann) und die (sonstige) Gegenleistungen von ihn (Pfänder etc.) auch nicht mehr viel einbringen, sich inzwischen abgenutzt hatten oder die Pfandsumme durch mehrfache Verpfändung nicht mehr gedeckt ist ...

Ein weiteres Problem könnten Besitzteilungen gewesen sein - die zwei Brüder haben vielleicht nichts auf einem Reichstag verjubelt, sondern ihre Besitzungen einfach nur wieder geteilt und sind in der Folge getrennte Wege gegangen ...

Eine weitere Möglichkeit für Besitzzerstückelung - verwitwete, kinderlose Schwägerinnen sind abzufertigen (und bekommen nicht nur das zurück, was sie in die Ehe eingebracht haben, sondern auch die Widerlage), Schwestern müssen ausgesteuert werden, Renten müssen weitergezahlt werden ...

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17.06.2021, 17:53
Beitrag: #9
RE: Verarmung des Adels im Spätmittelalter
Die Darlehn wurden den Quellen nach allesamt erledigt. Es war damals anscheinend üblich, dass als Darlehnsicherheit Dörfer Städte etcetera pp als Lehn eingesetzt wurden.
War also kein Problem.

Die Erbteilungen, Töchter versorgen könnte ich mir sehr gut vorstellen, das hat ja zB Zollern ganz erheblich zugesetztm und über Jahrhunderte für Probleme gesorgt.
Auch die Pfalzgrafen von Tübingen/Werdenberg/Montfort sind darüber verarmt.

Was mich aber wundert, bei den genannten war das kein allmählicher Abstieg, in beiden Fällen vom reichen Darlehnsgeber zum umfassenden Schuldner

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17.06.2021, 21:14
Beitrag: #10
RE: Verarmung des Adels im Spätmittelalter
Es wäre interessant zu wissen, ob vielleicht bereits die reichen Darlehensgeber in Wirklichkeit enorm verschuldet waren? Es wäre auch vorstellbar, dass sie sich für die Darlehen selbst verschulden mussten, aber sich durch den (vorübergehenden) zumindest langfristigen Gewinn aus Pfandschaften auch zusätzliche Einkünfte zur Tilgung bereits bestehender Schulden erwarteten, was dann nicht so geklappt haben könnte. Wenn sie in Wirklichkeit bereits verschuldet waren, als sie Darlehen vergaben, würde das den raschen Abstieg erklären - er wirkte nur rasch, war es aber gar nicht.

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