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verlässliche Jahreszahlen?
20.02.2013, 09:18
Beitrag: #1
verlässliche Jahreszahlen?
Hallo,

seit wann sind Datumsangaben eigentlich wirklich 100% zutreffend?
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20.02.2013, 14:32
Beitrag: #2
RE: verlässliche Jahreszahlen?
Seitdem es schriftliche Überlieferungen gibt. Dabei muss man die 2-Wochen-Lücke des Gregorianischen Kalenders berücksichtigen. Aber das ist alles hochgerechnet, also korrekt.

„Der Horizont der meisten Menschen ist ein Kreis mit dem Radius 0. Und das nennen sie ihren Standpunkt.“ (Albert Einstein)
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20.02.2013, 15:39
Beitrag: #3
RE: verlässliche Jahreszahlen?
(20.02.2013 09:18)RoW schrieb:  Hallo,

seit wann sind Datumsangaben eigentlich wirklich 100% zutreffend?


Du meinst in Dokumenten? Inschriften usw?
Spätestens seit dem Beginn der Antike.

Kenntnisse über die Jahreszeiten sind schon seit der Altsteinzeit existentiell wichtig für die Menschen.
Die ältesten heute noch vorhandenen Kalender stammen aus Ägypten und Mesopotamien. Entstanden durch die Beobachtung des Mondes oder der Gestirne.
Auch Stonehenge ist mindestens zT ein Kalendersystem. Und der Mayakalender hat vor Weihnachten mal wieder für "Furore" gesorgt.

Unterschiedliche Terminangaben, zB der "Tag der Oktoberrevolution" am 7. November beruhen auf unterschiedlichen Kalendern, die aber problemlos umgerechnet werden können.

Beantwortet dies deine Frage?

"Nichts ist befriedigender, als sich an Schwierigkeiten zu erinnern, die man gemeistert hat." (N. Stoffel)
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20.02.2013, 17:25
Beitrag: #4
RE: verlässliche Jahreszahlen?
Antike Zeitrechnungen machen sich in der Regel an Herrscherfolgen fest, lassen sich aber tendenziell ganz gut einteilen und sind ziemlich zuverlässig.
Schwieriger wird es nach dem Zusammenbruch des römsichen Reiches.

Die Zeitrechnung ab Christi Geburt wurde ab der Mitte des 6. jahrhunderts nach Christi verwendet. Irgendein Mönch berechnete damals die Geburt Christi auf ich glaube 754 Jahre nach der Gründung der Stadt Rom.
Es war der angelsächsische Mönch beda, der diese zeitrechung erstmalig strikt durchhielt. Ab 730 n. Chr. kann man von einer gewissen Zuverlässigkeit der Datierung sprechen.

Vorher sind Datierungen mit einer gewissen Unsicherheit behaftet, weil die eine Zeitrechnung nach Christi das Jahr 1 mit seinem Tod, die andere mit seiner Geburt festsetzte, so daß sich in jener Zeit durchaus Widersprüche in der Zeitrechnung ergeben konnten.

Auf dem Grabstein dess Kapitalismus wird stehen: "Zuviel war nicht genug"
Volker Pispers
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20.02.2013, 20:40
Beitrag: #5
RE: verlässliche Jahreszahlen?
(20.02.2013 17:25)Bunbury schrieb:  Antike Zeitrechnungen machen sich in der Regel an Herrscherfolgen fest, lassen sich aber tendenziell ganz gut einteilen und sind ziemlich zuverlässig.
Schwieriger wird es nach dem Zusammenbruch des römsichen Reiches.

Die Zeitrechnung ab Christi Geburt wurde ab der Mitte des 6. jahrhunderts nach Christi verwendet. Irgendein Mönch berechnete damals die Geburt Christi auf ich glaube 754 Jahre nach der Gründung der Stadt Rom.
Es war der angelsächsische Mönch beda, der diese zeitrechung erstmalig strikt durchhielt. Ab 730 n. Chr. kann man von einer gewissen Zuverlässigkeit der Datierung sprechen.

Vorher sind Datierungen mit einer gewissen Unsicherheit behaftet, weil die eine Zeitrechnung nach Christi das Jahr 1 mit seinem Tod, die andere mit seiner Geburt festsetzte, so daß sich in jener Zeit durchaus Widersprüche in der Zeitrechnung ergeben konnten.


Das jeweilige Jahr Null oder Eins ist aber ja bekannt, insofern lässt sich dies leicht und zuverlässig umrechnen.

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21.02.2013, 13:22
Beitrag: #6
RE: verlässliche Jahreszahlen?
(20.02.2013 20:40)Suebe schrieb:  Das jeweilige Jahr Null oder Eins ist aber ja bekannt, insofern lässt sich dies leicht und zuverlässig umrechnen.

Ich meinte aber nicht die Geschichte mit jahr 0 oder Jahr 1, sondern ich meinte tatsächlich die eine Zeitrechnung nach Christi, die mit seiner Geburt und die andere, die mit seinem Tod rechnete.

Da war man sich bis zum 8. Jahrhundert nicht einig, und von daher sind insbesondere Ereignisse, für die es nur ein schriftliches zeugnis gibt, unsicher zu datieren. Mir ist die Problematik aus dem Umgang mit der Artussage bekannt, wo es vereinzelte Schriftstücke gibt, die eine Jahreszahl tragen. Diese sind aber durch keine weitere Quelle belegt, und so gilt die Datierung unsicher. Ein Brief der Briten stammt aus dem Jahr 453 n.Ch., aber es ist möglich, daß dieses 453 n Chr. sich auf eine zeitrechnung nach Christi Tod bezieht, und dementsprechend wäre das Schriftstück aus dem Jahr 425 n.Chr, weil die Diskrepanz soweit ich weiß 28 Jahre beträgt (warum 28 Jahre, weiß ich nicht. Das wurde so in den historischen Sachbüchern behauptet, ich habe es nicht geprüft).

Deswegen sind so viele Ereignisse aus dem frühen Mittelalter mit "ungefähr" oder "um" datiert. Wenn es noch eine weitere Quelle gab, die sich aus irgendwelchen Gründen genauer datieren läßt (weil z.B: die namen dreier Herrscher angegeben wurden, die nur ein Jahr zur gleichen Zeit herrschten), dann wird die Datierung genauer, aber im Frühmittelalter ist da viel Interpretation und geknobel dabei.

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22.02.2013, 00:29
Beitrag: #7
RE: verlässliche Jahreszahlen?
Genau,die Zeit vor dem julianischen Kalender war ja keine kalenderlose Zeit
Seit dem 4. vorchristlichen Jahrhundert war in Rom eine Zählung ab der Einweihung des Jupitertempels im Jahre 507 v. Chr. üblich, später wurden die Jahre „von der Gründung der Stadt Rom an“ (lat. ab urbe condita, a. u. c.) im Jahre 753 v. Chr. gezählt.
Parallel dazu gab es eine zweite Zählung per Anno Diocletiani (A. D.) , d.h. gezählt wurde ab der Regierungsübernahme durch Kaiser Diokletian im Jahr 284.
Diese Parallelität mehrerer Kalendersysteme innerhalb einer Kultur war relativ verbreitet (Rom,Maya,Azteken,´Ägypten,China )
Man konnte durch diese parallele Benutzung mehrerer Systeme Daten also sogar relativ genau festlegen und überprüfen.
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22.02.2013, 21:24
Beitrag: #8
RE: verlässliche Jahreszahlen?
(22.02.2013 00:29)zaphodB. schrieb:  Diese Parallelität mehrerer Kalendersysteme innerhalb einer Kultur war relativ verbreitet (Rom,Maya,Azteken,´Ägypten,China )
Man konnte durch diese parallele Benutzung mehrerer Systeme Daten also sogar relativ genau festlegen und überprüfen.

und natürlich in Deutschland.
Die Katholen hatten längst den gregorianischen Kalender, da haben die Protestanten noch lange den julianischen benutzt.

aus Wiki:
Zitat:Für den Übergang bestimmte Gregor XIII. weiterhin, dass auf Donnerstag, den 4. Oktober 1582 (julianisch) direkt Freitag, der 15. Oktober 1582 (gregorianisch) zu folgen hatte, womit 10 Tage übersprungen wurden (unter Beibehaltung der Wochentagfolge). Da der neue Kalender vom Papst eingeführt wurde, benutzten ihn zunächst nur die römisch-katholischen Staaten. Die meisten protestantischen Staaten behielten den julianischen Kalender bis ins 18. Jahrhundert bei, was vor allem in konfessionell gemischten Gebieten Deutschlands zu einem umständlichen Nebeneinander von „altem Stil“ neben „neuem Stil“ führte. In den protestantischen Reichsständen des Heiligen Römischen Reiches erfolgte die Umstellung am 18. Februar des Jahres 1700, dem sogleich der 1. März „neuen Stils“ folgte. Die meisten reformierten Orte der Schweizerischen Eidgenossenschaft stellten nach dem 31. Dezember 1700 „alten Stils“ auf den 12. Januar 1701 „neuen Stils“ um; die letzten Graubündner Gemeinden folgten allerdings erst im Jahre 1812.

In Russland, wo bis ins 17. Jahrhundert die byzantinische Zeitrechnung galt, stellte Peter der Große Ende 1699 nicht auf den neuen gregorianischen, sondern auf den obsoleten julianischen Kalender um (ab 1. Januar 1700 gültig). Dieser wurde dort noch bis nach der Oktoberrevolution beibehalten.

Die USA, bis 1776 englische Kolonie und somit nach britischer Gesetzgebung bis 1752 dem julianischen Kalender unterliegend, beschlossen nach ihrer Unabhängigkeit in einem Gesetz, proleptisch den gregorianischen Kalender seit 1582 anzuerkennen. Die US-amerikanischen Geschichtswissenschaftler praktizieren dies auch heute.

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23.02.2013, 21:46
Beitrag: #9
RE: verlässliche Jahreszahlen?
(22.02.2013 21:24)Suebe schrieb:  Dieser wurde dort noch bis nach der Oktoberrevolution beibehalten.
Die eigentlich im November stattfand.

„Der Horizont der meisten Menschen ist ein Kreis mit dem Radius 0. Und das nennen sie ihren Standpunkt.“ (Albert Einstein)
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24.02.2013, 15:31
Beitrag: #10
RE: verlässliche Jahreszahlen?
Gerade für die frühe Antike und die nahöstlichen Kulturen haben wir immer nur ungefähre Angaben. Die orientieren sich nämlich an den ägyptischen Königslisten, die mit den assyrischen Königslisten korreliert wurden.
Das läuft so: Die ägyptischen Königslisten, die wir von Manetho haben, sind nicht datiert, sondern mit Angaben zur Regierungsdauer der einzelnen Pharaonen versehen. Somit können wir damit zwar errechnen, wann ein Pharao geherrscht haben müsste, dies geht aber nur relativ und außerdem haben wir nur wenige genaue Jahreszahlen, an denen wir das ganze Gerüst festmachen können, z.B. die Nachricht von einer Mondfinsternis bei der Schlacht von Megiddo (Thutmosis III.).
Außerdem haben wir Königslisten der Assyrer. Bei diesen Königen wissen wir von einigen, mit welchem ägyptischen Pharao sie gleichzeitig geherrscht haben. So können wir die beiden Daten auch hier abgleichen, aber auch nur wieder relativ.
Hinzu kommt, dass wir einige Pharaonen des Manetho nicht genau einzelnen Personen zuordnen können; hinter einigen Namen könnte sich also nur eine Person verstecken. Auch führt Manetho besonders in der Frühzeit einige Könige auf, die vermutlich nur Mythos sind. Einige Könige, von denen wir wissen, dass es sie gegeben hat, führt Manetho gar nicht auf. Dafür gab es einige Dynastien gleichzeitig (Zwischenzeiten), die aber bei Manetho als nacheinander regierend angegeben werden.
Zusätzlich haben wir Manethos Listen nicht im Original, sondern nur in (oft verfälschten, ergänzten oder gekürzten) Abschriften erhalten.
Manetho hat auch schon in christlicher Zeit geschrieben.
Aus alldem ergeben sich ziemlich zeitliche Unterschiede: Je nachdem, wer Manetho überliefert hat, ergibt sich eine Dauer für das ägyütischen Königtum von 4500 bis 5500 Jahren. Auch scheint Manetho einige Regierungszeiten verlängert zu haben, um Menes mit dem biblischen Adam in Verbindung bringen zu können...

Erst bei Griechen und Römern wird die schriftliche Überlieferung so ausführlich, dass wir genaue Jahreszahlen angeben können, aber auch die oft nur in Rückrechnung von bekannten Daten aus. So ist bspw. der erste Handelsvertrag zwischen Karthago und Rom auf 507/508 v.Chr. datierbar. Polybios berichtet, der Vertrag sei im ersten Jahr der Republik, als der Jupiter-Tempel auf dem Kapitol geweiht wurde, und im 28.Jahr vor dem Übergang des Xerxes nach Griechenland abgeschlossen. Aus griechischen Angaben wissen wir, dass Xerxes 480 v.Chr. den Hellespont überquert hat. Also müsste der römische Vertrag 508 abgeschlossen worden sein.

Alles recht kompliziert...

VG
Christian
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24.02.2013, 18:15
Beitrag: #11
RE: verlässliche Jahreszahlen?
(24.02.2013 15:31)913Chris schrieb:  Alles recht kompliziert...

VG
Christian

Aber gerade deshalb sehr interessant.

Wäre ich Antiquar, ich würde mich nur für altes Zeug interessieren. Ich aber bin Historiker, und daher liebe ich das Leben. (Marc Bloch)
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24.02.2013, 22:40
Beitrag: #12
RE: verlässliche Jahreszahlen?
Zur Anfangsfrage:
Ich würd sagen, so ab dem 9., 10.Jh. werden Datumsangaben so richtig vertrauenswürdig. Ab da haben wir Itinerarien, die sind verlässlich, und ab da haben wir auch ein vernünftiges Urkundenwesen mit verlässlichen Datumsangaben.

VG
Christian
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13.03.2013, 13:26
Beitrag: #13
RE: verlässliche Jahreszahlen?
(24.02.2013 22:40)913Chris schrieb:  Zur Anfangsfrage:
Ich würd sagen, so ab dem 9., 10.Jh. werden Datumsangaben so richtig vertrauenswürdig. Ab da haben wir Itinerarien, die sind verlässlich, und ab da haben wir auch ein vernünftiges Urkundenwesen mit verlässlichen Datumsangaben.

VG
Christian
Da hast du wohl recht. Es ist aber auch die hohe Zeit der Urkundenfälscher und Schönfärber im Auftrag ganz bestimmter Interessensgruppen.

Wenn man über (100%ig) genaue Datumsangaben an sich redet, sollte man neben den überlieferten Dokumenten wenn möglich, auch andere Datierungsmethoden hinzuziehen. Die bekanntesten wären die Stratigraphie , die Dendrochronologie und die RadiKarbonmethode(C14).
Letztere benötigen ursprünglich organisches Material, die Dendrochronologie brauchbares Holzmaterial. Aber auch Epigraphik und die Numismatik können sehr hilfreich sein.

Insgesamt ist die wirklich genaue Datierung ein sehr komplexes Unterfangen. Dinge wie sie Bunbury geschildert hat, kommen noch hinzu.

Und du warst schön. In deinem Auge schien
sich Nacht und Sonne sieghaft zu versöhnen.
...
So kam dich meine Liebe krönen.
Und meine nächteblasse Sehnsucht stand,
weißbindig wie der Vesta Priesterin,
an deines Seelentempels Säulenrand
und streute lächelnd weiße Blüten hin.

(Rainer Maria Rilke)
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13.03.2013, 19:43
Beitrag: #14
RE: verlässliche Jahreszahlen?
(13.03.2013 13:26)Wallenstein schrieb:  
(24.02.2013 22:40)913Chris schrieb:  Zur Anfangsfrage: Ich würd sagen, so ab dem 9., 10.Jh. werden Datumsangaben so richtig vertrauenswürdig. Ab da haben wir Itinerarien, die sind verlässlich, und ab da haben wir auch ein vernünftiges Urkundenwesen mit verlässlichen Datumsangaben.

VG
Christian

Da hast du wohl recht. Es ist aber auch die hohe Zeit der Urkundenfälscher und Schönfärber im Auftrag ganz bestimmter Interessensgruppen.

Wenn man über (100%ig) genaue Datumsangaben an sich redet, sollte man neben den überlieferten Dokumenten wenn möglich, auch andere Datierungsmethoden hinzuziehen. Die bekanntesten wären die Stratigraphie , die Dendrochronologie und die RadiKarbonmethode(C14).
Letztere benötigen ursprünglich organisches Material, die Dendrochronologie brauchbares Holzmaterial. Aber auch Epigraphik und die Numismatik können sehr hilfreich sein.

Insgesamt ist die wirklich genaue Datierung ein sehr komplexes Unterfangen. Dinge wie sie Bunbury geschildert hat, kommen noch hinzu.

Wobei die Frage ist, welchen Nutzen es hat, ein Datum zu fälschen. Grade für mittelalterliche Fälschungen ist es doch meines Wissens charakteristisch, dass dabei beispielsweise Urkunden zurückverlegt wurden, um ihnen mehr Wirkkraft zu verleihen. Beispielsweise mit Karl dem Großen als Verfasser etc., oder auch die Konstantinische Schenkung, die ja in die Antike zurückverlegt wurde. Deswegen ist es auch klar, dass nicht alles, wo Karl der Große draufsteht, auch Karl der Große ist Wink.
Aber dass man auf eine Urkunde statt 1089 lieber 1088 oder auch 1075 geschrieben hat, kann ich mir nicht wirklich erklären. Datumsangaben dürften also ab dem Hochmittelalter wirklich sicherer werden, würde ich mal sagen. (Lasse mich aber bei Bedarf gerne widerlegen...)

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13.03.2013, 21:25
Beitrag: #15
RE: verlässliche Jahreszahlen?
(13.03.2013 19:43)Maxdorfer schrieb:  
(13.03.2013 13:26)Wallenstein schrieb:  Da hast du wohl recht. Es ist aber auch die hohe Zeit der Urkundenfälscher und Schönfärber im Auftrag ganz bestimmter Interessensgruppen.

Wenn man über (100%ig) genaue Datumsangaben an sich redet, sollte man neben den überlieferten Dokumenten wenn möglich, auch andere Datierungsmethoden hinzuziehen. Die bekanntesten wären die Stratigraphie , die Dendrochronologie und die RadiKarbonmethode(C14).
Letztere benötigen ursprünglich organisches Material, die Dendrochronologie brauchbares Holzmaterial. Aber auch Epigraphik und die Numismatik können sehr hilfreich sein.

Insgesamt ist die wirklich genaue Datierung ein sehr komplexes Unterfangen. Dinge wie sie Bunbury geschildert hat, kommen noch hinzu.

Wobei die Frage ist, welchen Nutzen es hat, ein Datum zu fälschen. Grade für mittelalterliche Fälschungen ist es doch meines Wissens charakteristisch, dass dabei beispielsweise Urkunden zurückverlegt wurden, um ihnen mehr Wirkkraft zu verleihen. Beispielsweise mit Karl dem Großen als Verfasser etc., oder auch die Konstantinische Schenkung, die ja in die Antike zurückverlegt wurde. Deswegen ist es auch klar, dass nicht alles, wo Karl der Große draufsteht, auch Karl der Große ist Wink.
Aber dass man auf eine Urkunde statt 1089 lieber 1088 oder auch 1075 geschrieben hat, kann ich mir nicht wirklich erklären. Datumsangaben dürften also ab dem Hochmittelalter wirklich sicherer werden, würde ich mal sagen. (Lasse mich aber bei Bedarf gerne widerlegen...)
Genau wie du schreibst, geht es nicht darum aus 1088 lieber 1089 zu machen.
Aber du selbst hast doch zwei wunderbare Beispiele gebracht. Nimm die Konstantinische Schenkung - nicht nur zeitlich vorverlegt, sondern letztlich hat sich die ganze Sache als totale Erfindung herausgestellt. Als solche von der katholischen Kirche schon vor langer Zeit selbst festgestellt und öffentlich gemacht.

Es gibt auch andere Dinge die gern gefälscht wurden - z.B Auflistungen von Besitztümern, Flurabsteckungen u.a.

Was allerdings nicht heißt, dass der Großteil der OriginalUrkunden und spätere Abschriften alles Fälschungen sind. Man muß nur kritisch mit bestimmtem Material umgehen und bei Bedarf hinterfragen. Das ist alles.

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26.03.2013, 12:42
Beitrag: #16
RE: verlässliche Jahreszahlen?
Nicht bei der Konstantinischen (eigentlich ja Pippinischen) Schenkung, aber sehr wohl bei so manchen "untergeordneten" Urkunden ging man aber auch in gutem Glauben ans Fälschen: Bspw. "wusste" ein Kloster, dass ihm ein bestimmtes Recht "schon immer" zukam, wusste gleichzeitig, dass es einen bestimmten Gründer hatte, etwa einen örtlichen Herzog. Also verfasste man die Urkunde, die es geben müsste, die es aber aufgrund blöder Umstände nicht gab, einfach im Nachhinein, schrieb dort die beanspruchten Rechte fest und legte das Ganze dem Gründer in den Mund.
Die gefälschte Urkunde sagt also etwas darüber aus, welche Rechte der Fälscher zu einer bestimmten Zeit für sich reklamierte. Dazu muss man lediglich den Fälschungszeitpunkt herausfinden, was aufgrund stilistischer Merkmale oder aufgrund verräterischer, zur angeblichen Verfassungszeit der Urkunde noch nicht üblicher titulaturen oft recht einfach ist. Und dann kann man spekulieren, wie alt das beanspruchte Recht wirklich sein kann. Vioal - Detektivrätsel erfolgreich abgeschlossen.

Das macht Urkundenforschung so spannend... Wink

VG
Christian
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05.04.2021, 13:39
Beitrag: #17
RE: verlässliche Jahreszahlen?
Ich habe festgestellt, dass die Überprüfung der Datierungen (und die Abstimmung der Quellen, aus denen sie sind dazu) sogar recht aufschlussreich ist, wenn es gilt, historische Geschehnisse auf ihre Zulässigkeit und Glaubwürdigkeit zu hinterfragen. Jedenfalls ist es mir inzwischen schon mehrmals untergekommen, dass viele Geschehnisse gar nicht so, wie sie überliefert sind und in der Geschichtsforschung dargestellt wurden, stimmen können.

Häufige Beobachtungen, die ich bisher für Geschehnisse aus dem Mittelalter gemacht habe:

- Das Geschehnis um eine bestimmte Person kann so nicht stattgefunden haben, weil er oder sie zu diesem Zeitpunkt gar nicht vor Ort gewesen sein kann. Das betrifft auch Ereignisse mit längerer Dauer (wie zum Beispiel Reichstage, Konzile, Romzüge, Kriegszüge, längere Feiern etc.), an denen diese Personen gewöhnlich als Teilnehmende wenigstens für einen Zeitraum belegt sind. Dennoch habe ich einige Fälle entdeckt, wo etwas nicht stimmen kann, sei es, dass die Person längst abgereist war oder noch gar nicht angekommen oder das, worum es geht, bei der belegten Begegnung noch gar nicht zur Debatte gestanden haben konnte.

In einem Fall war es übrigens auch ein Rechnungsbuch, das einige Hinweise dazu lieferte, dass ein Geschehnis, wo das Opfer immerhin einige Zeit vor Ort war, so nicht stattgefunden haben kann, wie es ein Chronist überliefert hat, auch wenn die Geschichtsforschung seine Darstellung bis heute als Fakt einstuft. Zusammen mit einem Brief, in dem ein persönliches Treffen von Opfer und Täter belegt ist und der eine genaue Datierung ermöglicht, legt nahe, dass diese Geschichte erfunden ist. Eine Reihe weiterer Beobachtungen, die sich aus Urkunden ergeben, könnten als Bestätigung gesehen werden.
(Rechnungsbücher gelten inzwischen als eine der noch zuverlässigsten Quellen, vielleicht weil die dortigen Fehler und Unrichtigkeiten eher kleine Gaunereien sind und gewöhnlich nichts mit Politik und weltgeschichtlichen Entscheidungen zu tun haben. Aber leiden sind sie im Gegensatz zu Chroniken und Historien keine prickelnden Quellen.)

- Manchmal verrät auch bereits die chronische Reihenfolge der überlieferten Geschehnissen, dass da etwas nicht stimmen kann. Wenn eine Person zum Beispiel für eine Tat bestraft wird, die sie erst viele Monate später begangen hat, kann doch etwas nicht stimmen. Wenn ein Projekt (zum Beispiel eine Eheschließung) bereits verwirklicht war, ehe es vorgeschlagen und die Verhandlungen dazu in die Wege geleitet wurde, hat das Ganze wohl auch einen Haken.

Mein Lieblingsbeispiel ist der genaue Zeitpunkt, wann eine bestimmte Stadt erobert wurde. Recherchiert habe ich das, weil ich es für eine stimmige Romanszene benötigte, bei der es nicht nur um einen schlüssigen Handlungsablauf für den Roman ging, sondern um die Klärung, was tatsächlich hinter diesem historischen Geschehnis geschehen ist.
Es ging zwar nicht um den genauen Tag der Eroberung, aber es kam mich für mich tatsächlich darauf an, dass richtige Jahr zu haben, und auch der Monat war für mich wichtig, weil im Zusammenhang mit einem anderen Geschehnis, das auf diese Eroberung folgte, die Jahreszeit nach der gängigen Überlieferung eine Rolle gespielt hat. (Es macht eben doch auch einen Unterschied, ob etwas im Sommer oder im Winter geschehen ist.)
Die Angaben in der Sekundärliteratur waren widersprüchlich, auch die urkundlich belegten Angaben widersprachen sich. Hier konnte ich mir schließlich insofern helfen, als ich meinen Urlaub damals an einem Ort verbrachte, von wo ein Ausflug in diese Stadt mit Öffis machbar war. Die Stadt hatte zu meinem Glück ein sehenswerten Stadtmuseum und dort habe ich auch die Frage mit allem Drumherum für mich klären können.

Persönlich halte ich die Methode die Zuverlässigkeit der Überlieferung in der Geschichtsforschung zu überprüfen, in dem ich sehe, ob die überlieferten Daten einen glaubwürdigen und sinnvollen Handlungsablauf belegen, für recht brauchbar.

Eine weitere Methode, die ich gerne zur Überprüfung von historischen Geschehnisse verwende, ist ein Blick auf den geographisch-historischen Rahmen. Auch hier habe ich schon einige interessante Beobachtungen gemacht.

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Nur die Geschichtenschreiber erzählen uns, was die Leute dachten.
Wissenschaftliche Forscher halten sich streng an das, was sie taten.

Josephine Tey, Alibi für einen König
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