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Kinderverschickung
05.08.2012, 15:18
Beitrag: #1
Kinderverschickung
Mich erstaunt ein wenig, dass man in Berichten über "Butterkinder" verschweigt, dass es in Österreich und Deutschland Kinderverschickungen noch bis in die 1970er Jahre gab. Natürlich litten die verschickten Kinder meiner Generation nicht mehr am Hunger, aber sie waren vernachlässigte bzw. misshandelte Kinder aus bedürftigen Familien (damals war das Misshandeln von Kindern noch nicht strafbar).
In der Siedlung, in der meine Eltern lebten, durften jedes Jahr etliche Kinder für acht Wochen zur Erholung nach Belgien zu Pflegeeltern fahren. Das ganze Schuljahr freuten sie sich darauf.
Am ersten Sonntag der Sommerferien fuhr der Zug von Wien nach Belgien und Holland. In Linz und Salzburg stiegen Kinder zu, die ebenfalls für acht Wochen zu Pflegeeltern nach Belgien fuhren und in Deutschland Kinder, die für vier oder sechs Wochen nach Holland fuhren.
Wenn die Kinder kurz vor Beginn des nächsten Schuljahres (mit neuer Kleidung und Spielzeug) zurückkamen, freuten sie sich schon wieder auf den nächsten Aufenthalt bei den Pflegeeltern.
Ich finde es schade, dass über dieses Thema nichts berichtet wird. Schließlich ist es auch ein Stück österreichische Geschichte.
05.08.2012, 20:27
Beitrag: #2
RE: Kinderverschickung
(05.08.2012 15:18)Lentia schrieb:  Mich erstaunt ein wenig, dass man in Berichten über "Butterkinder" verschweigt, dass es in Österreich und Deutschland Kinderverschickungen noch bis in die 1970er Jahre gab. Natürlich litten die verschickten Kinder meiner Generation nicht mehr am Hunger, aber sie waren vernachlässigte bzw. misshandelte Kinder aus bedürftigen Familien (damals war das Misshandeln von Kindern noch nicht strafbar).
In der Siedlung, in der meine Eltern lebten, durften jedes Jahr etliche Kinder für acht Wochen zur Erholung nach Belgien zu Pflegeeltern fahren. Das ganze Schuljahr freuten sie sich darauf.
Am ersten Sonntag der Sommerferien fuhr der Zug von Wien nach Belgien und Holland. In Linz und Salzburg stiegen Kinder zu, die ebenfalls für acht Wochen zu Pflegeeltern nach Belgien fuhren und in Deutschland Kinder, die für vier oder sechs Wochen nach Holland fuhren.
Wenn die Kinder kurz vor Beginn des nächsten Schuljahres (mit neuer Kleidung und Spielzeug) zurückkamen, freuten sie sich schon wieder auf den nächsten Aufenthalt bei den Pflegeeltern.
Ich finde es schade, dass über dieses Thema nichts berichtet wird. Schließlich ist es auch ein Stück österreichische Geschichte.
Ein interessantes Thema. Smile
Warum wurde das in den 70er Jahren eigentlich immer noch gemacht??

"Auflehnung ist das heiligste aller Rechte und die notwendigste aller Pflichten."
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06.08.2012, 08:26
Beitrag: #3
RE: Kinderverschickung
Ich vermute mal, da werden 2 nur bedingt ähnliche Sachen vermischt.

Die Kinderverschickung gibt es, zumindest in Deutschland noch heute.

Aus Wiki
Zitat:Ursprungsidee

Während des Zweiten Weltkriegs wurden Kinder aus den Städten evakuiert und auf dem Land untergebracht (Kinderlandverschickung). Nach dem Krieg wurden Kinder, die beispielsweise an Unterernährung litten, mit Kindererholungsmaßnahmen unterstützt. Mit dem Wirtschaftswunder hat sich der Zweck dahingehend gewandelt, dass heute Kindern mit Krankheiten, Übergewicht, geistigen Behinderungen oder Kindern aus sozial schwachen Verhältnissen eine schöne gemeinsame Zeit verbringen.

Kindererholungen werden teilweise von Krankenkassen bezuschusst. Dafür müssen diese bestimmte Kriterien erfüllen:

Drei Wochen Dauer
ärztliche Anfang- und Schlussuntersuchung vor Ort
bei der Programmgestaltung ist der Gesundheitszustand jedes einzelnen Kindes zu berücksichtigen
das Programm muss einen körperlichen und seelischen Erholungswert beinhalten (z.B. festgelegte Mittags- und Nachtruhe, strukturierten Tagesablauf)

Zusammen mit ihren speziell ausgebildeten pädagogischen Betreuern sollen sie durch viel Bewegung in der frischen Luft und dem Umgang mit Gleichaltrigen ihre physische und psychische Gesundheit fördern. In Anbetracht der Tatsache, dass heute auch viele hyperaktive oder anderweitig verhaltensauffällige Kinder solche Maßnahmen vom Arzt verordnet bekommen, sind die Betreuer einer stark zunehmenden Belastung ausgesetzt, was eine gute Schulung derselben voraussetzt.

Dann ist mir noch die Kinderhilfe der Schweiz bekannt.

ebenfalls Wiki:
Zitat:Geschichte

Die Kinderhilfe der Schweiz hat eine lange Tradition. Schon nach dem Ersten Weltkrieg nahmen Schweizer Familien Kinder aus kriegsversehrten Nachbarländern zur Erholung auf. Während des Zweiten Weltkriegs erhielt die Kinderhilfe eine neue Orientierung: verfolgte Kinder und an einigen Orten auch ihre Mütter fanden in Frankreich in Heimen des SRK Zuflucht und Schutz.

Die Kinderhilfe des SRK ging aus der 1940 ins Leben gerufenen „Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für kriegsgeschädigte Kinder“ hervor, die sich der Aufnahme von Kindern aus Frankreich und Belgien und ihrer Unterbringung in Schweizer Familien widmete. Im Jahr 1942 wurde die Arbeitsgemeinschaft unter der Bezeichnung „Schweizerisches Rotes Kreuz, Kinderhilfe“ in das SRK aufgenommen. Während des Krieges wurden vorwiegend Kinder aus Frankreich, Belgien, Luxemburg und Holland aufgenommen, Italien und Deutschland verzichteten auf diese Möglichkeit.

Nach Kriegsende wurde sie auf zahlreiche andere europäische Länder ausgedehnt, nun kamen auch aus Deutschland, Italien und Österreich Kinder in die Schweiz.

und noch
Zitat:Familienaufenthalt

Wichtigster Teil der Kinderhilfe waren Schweizer Familien, welche die Kinder für drei Monate aufnahmen, in dieser Zeit für die Verpflegung, Bekleidung sowie sonstige Versorgung aufkamen und die Kinder so weit wie möglich in das Familienleben integrierten. Dies trotz der Tatsache, dass auch in der Schweiz die Lebensmittel bis Juni 1948 rationiert waren. Bei der Zuteilung der Kinder zu den Familien wurde vor allem auf Übereinstimmung hinsichtlich der Sprache und der Konfession Wert gelegt. Die Familien wurden gegebenenfalls materiell durch das SRK unterstützt. Hinzu kam die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen wie dem Schweizerischen Pfadfinderbund, der vorwiegend ältere Jungen in sechswöchigen Sommerlagern betreute. Die meisten ehemaligen „Schweizer Kinder“ haben bis heute enge Kontakte zu ihrer Pflegefamilie und die Zeit in der Schweiz blieb ihnen ein unvergessliches Erlebnis. Hinzu kam, dass sich der physische und psychische Gesundheitszustand der Kinder während ihres Aufenthaltes in der Regel deutlich verbesserte und sie fast immer mit einer reichhaltigen Ausstattung an Kleidern, Spielzeug und anderen Geschenken nach Hause zurückkehrten.

Die Kinderhilfe der Schweiz startete nicht lange nach Kriegsende mit Tagesaufenthalten der Kinder, mehr oder weniger privat organisiert über Rhein und Bodensee.

OT:
Ein Betroffener erzählte mir einmal, damals noch nicht schulpflichtig, wie er von den Schweizer Gasteltern von Kopf bis Fuss neu ausstaffiert worden wäre. Was aber nicht erlaubt gewesen wäre, nur gebrauchte Sachen hätte man zollfrei in die franz. Zone einführen dürfen.
Am Zoll hätte er, als er begriffen hätte, dass man ihm die schönen Sachen wieder abnehmen wollte "Rotz und Wasser geheult" da wäre ein "Oberzöllner" herangekommen, einmal um ihn herumgelaufen "die Sachen sind schon getragen, das sieht man" und es wäre erledigt gewesen.

Vergessen ist das zumindest in Südwestdeutschland ganz und gar nicht.

In wieweit es ähnliche Programme mit anderen "Anrainerstaaten" gab, ist mir adhoc nicht bekannt.

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06.08.2012, 08:36
Beitrag: #4
RE: Kinderverschickung
(05.08.2012 20:27)Annatar schrieb:  
(05.08.2012 15:18)Lentia schrieb:  Mich erstaunt ein wenig, dass man in Berichten über "Butterkinder" verschweigt, dass es in Österreich und Deutschland Kinderverschickungen noch bis in die 1970er Jahre gab. Natürlich litten die verschickten Kinder meiner Generation nicht mehr am Hunger, aber sie waren vernachlässigte bzw. misshandelte Kinder aus bedürftigen Familien (damals war das Misshandeln von Kindern noch nicht strafbar).
In der Siedlung, in der meine Eltern lebten, durften jedes Jahr etliche Kinder für acht Wochen zur Erholung nach Belgien zu Pflegeeltern fahren. Das ganze Schuljahr freuten sie sich darauf.
Am ersten Sonntag der Sommerferien fuhr der Zug von Wien nach Belgien und Holland. In Linz und Salzburg stiegen Kinder zu, die ebenfalls für acht Wochen zu Pflegeeltern nach Belgien fuhren und in Deutschland Kinder, die für vier oder sechs Wochen nach Holland fuhren.
Wenn die Kinder kurz vor Beginn des nächsten Schuljahres (mit neuer Kleidung und Spielzeug) zurückkamen, freuten sie sich schon wieder auf den nächsten Aufenthalt bei den Pflegeeltern.
Ich finde es schade, dass über dieses Thema nichts berichtet wird. Schließlich ist es auch ein Stück österreichische Geschichte.
Ein interessantes Thema. Smile
Warum wurde das in den 70er Jahren eigentlich immer noch gemacht??

Der historischen Richtigkeit halber sollte aber darauf hingewiesen werden, dass es diese Kinder(land)verschickung NACH dem Krieg in der BRD nicht gab.
(mag sein, in Österreich, sogar ins Ausland, als Konstrukt der österreichischen Opferrolle)
Für Deutschland kann ich mir kurz nach dem Krieg keine französichen, belgischen oder holländische Gasteltern vorstellen.

In der DDR hat es aber diese staatliche Kinderverschickung gegeben, allerdings nur innerhalb des Landes.
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06.08.2012, 10:52
Beitrag: #5
RE: Kinderverschickung
(06.08.2012 08:36)krasnaja schrieb:  Der historischen Richtigkeit halber sollte aber darauf hingewiesen werden, dass es diese Kinder(land)verschickung NACH dem Krieg in der BRD nicht gab.
(mag sein, in Österreich, sogar ins Ausland, als Konstrukt der österreichischen Opferrolle)
Für Deutschland kann ich mir kurz nach dem Krieg keine französichen, belgischen oder holländische Gasteltern vorstellen.

In der DDR hat es aber diese staatliche Kinderverschickung gegeben, allerdings nur innerhalb des Landes.

Widerspruch.
Die Schweizer Kinderhilfe:

Zitat:http://de.wikipedia.org/wiki/Kinderhilfe...en_Kreuzes

ob es franz. belg. oder holländische Gasteltern gab, entzieht sich meiner Kenntnis.

Schweizer gab es, sehr schnell nach dem Krieg.
Und in großem Umfang.
Nördlich von Rhein und Bodensee unvergessen.

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06.08.2012, 12:22
Beitrag: #6
RE: Kinderverschickung
(06.08.2012 08:36)krasnaja schrieb:  In der DDR hat es aber diese staatliche Kinderverschickung gegeben, allerdings nur innerhalb des Landes.
Kinderverschickung hört sich sehr schräg an.
In Kriegszeiten mit Kinder(Land)verschickung klang das sicher etwas anders in den Ohren der Eltern, denn man schickte seine Kinder ja in eine gewisse Sicherheit.
Ähnliches ga es auch in anderen Ländern während des Krieges, vor allem in Großbritannien.

In der DDR hieß das "Kinderferienlager". Dort ging es allerdings nicht zu irgendwelchen Pflegeeltern o.ä., sondern es waren staatliche organisierte kleine Lager, vergleichbar mit Pfadfindercamps, jedoch ohne Uniform. Also auch keine Pionierkleidung oder ähnliches. Die Aufenthaltszeit lag zwischen zwei und drei Wochen. Die meisten Kinder waren gerne dort. Wandern, Sport, Zelten, Spielen, Nachtwanderungen bis hin zur kleinen Disco.
"Böse" Eltern schickten ihre Kinder die ganzen großen Ferien (8 Wochen) in irgendwelche Ferienlager.
Viele nutzten diese Möglichkeit aber nicht, denn es war ja alles freiwillig.

Es gab auch internationale Kinderferienlager, in denen Kinder aus dem "sozialistischen" Ausland, aber auch welche aus dem NSW eingeladen waren.
Vergleichbares gab es auch in der CSSR, Polen, Ungarn und Bulgarien. Diese Plätze waren bei den Kindern und ihren Eltern damals sehr begehrt und natürlich begrenzt.

Und du warst schön. In deinem Auge schien
sich Nacht und Sonne sieghaft zu versöhnen.
...
So kam dich meine Liebe krönen.
Und meine nächteblasse Sehnsucht stand,
weißbindig wie der Vesta Priesterin,
an deines Seelentempels Säulenrand
und streute lächelnd weiße Blüten hin.

(Rainer Maria Rilke)
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06.08.2012, 12:39
Beitrag: #7
RE: Kinderverschickung
(06.08.2012 12:22)Wallenstein schrieb:  In der DDR hieß das "Kinderferienlager". Dort ging es allerdings nicht zu irgendwelchen Pflegeeltern o.ä., sondern es waren staatliche organisierte kleine Lager, vergleichbar mit Pfadfindercamps, jedoch ohne Uniform. Also auch keine Pionierkleidung oder ähnliches. Die Aufenthaltszeit lag zwischen zwei und drei Wochen. Die meisten Kinder waren gerne dort. Wandern, Sport, Zelten, Spielen, Nachtwanderungen bis hin zur kleinen Disco.
"Böse" Eltern schickten ihre Kinder die ganzen großen Ferien (8 Wochen) in irgendwelche Ferienlager.
Viele nutzten diese Möglichkeit aber nicht, denn es war ja alles freiwillig.

Diese "Erholungsaufenthalte" gibt es. siehe mein Link, ärztlich verordnet bis heute.
OT:
Von meiner Klasse sind 2oder3 auf einer Nordseeinsel ein paar Wochen gewesen. Vor! den Sommerferien. Mönsch war ich neidisch.

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06.08.2012, 13:23
Beitrag: #8
RE: Kinderverschickung
(06.08.2012 10:52)Suebe schrieb:  
(06.08.2012 08:36)krasnaja schrieb:  Der historischen Richtigkeit halber sollte aber darauf hingewiesen werden, dass es diese Kinder(land)verschickung NACH dem Krieg in der BRD nicht gab.
(mag sein, in Österreich, sogar ins Ausland, als Konstrukt der österreichischen Opferrolle)
Für Deutschland kann ich mir kurz nach dem Krieg keine französichen, belgischen oder holländische Gasteltern vorstellen.

In der DDR hat es aber diese staatliche Kinderverschickung gegeben, allerdings nur innerhalb des Landes.

Widerspruch.
Die Schweizer Kinderhilfe:

Zitat:http://de.wikipedia.org/wiki/Kinderhilfe...en_Kreuzes

ob es franz. belg. oder holländische Gasteltern gab, entzieht sich meiner Kenntnis.

Schweizer gab es, sehr schnell nach dem Krieg.
Und in großem Umfang.
Nördlich von Rhein und Bodensee unvergessen.

ich spreche von einem größeren Rahmen, nicht von guten, aber minimalen Einzelaktionen.
An die Speisung kann ich mich hier in der englichen Besatzungszone noch gut erinnern, es gab da große, olivgrüne Thermo-Eimer, die uns im Kindergarten von Militärfahrzeugen angeliefert wurden: eine wunderbar durftende klare Suppe mit Nudeln und kleinen Fleischstücken.
Mir ist so als habe ich den Geruch noch heute in der Nase.
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06.08.2012, 17:53
Beitrag: #9
Kinderverschickung
(05.08.2012 15:18)Lentia schrieb:  Mich erstaunt ein wenig, dass man in Berichten über "Butterkinder" verschweigt, dass es in Österreich und Deutschland Kinderverschickungen noch bis in die 1970er Jahre gab. Natürlich litten die verschickten Kinder meiner Generation nicht mehr am Hunger, aber sie waren vernachlässigte bzw. misshandelte Kinder aus bedürftigen Familien (damals war das Misshandeln von Kindern noch nicht strafbar).
In der Siedlung, in der meine Eltern lebten, durften jedes Jahr etliche Kinder für acht Wochen zur Erholung nach Belgien zu Pflegeeltern fahren. Das ganze Schuljahr freuten sie sich darauf.
Am ersten Sonntag der Sommerferien fuhr der Zug von Wien nach Belgien und Holland. In Linz und Salzburg stiegen Kinder zu, die ebenfalls für acht Wochen zu Pflegeeltern nach Belgien fuhren und in Deutschland Kinder, die für vier oder sechs Wochen nach Holland fuhren.
Wenn die Kinder kurz vor Beginn des nächsten Schuljahres (mit neuer Kleidung und Spielzeug) zurückkamen, freuten sie sich schon wieder auf den nächsten Aufenthalt bei den Pflegeeltern.
Ich finde es schade, dass über dieses Thema nichts berichtet wird. Schließlich ist es auch ein Stück österreichische Geschichte.

Servus Lentia .

Daß es in den 50. Jahren Kinderverschickungen nach Holland Belgien
und in die Schweiz gab war mir bekannt .Aber bis in die 70. Jahre das
war mir nicht bekannt .

Ich war der Überzeugung , der Grund wäre die schlechte Ernährung
wegen des Lebensmittelmangels .

Aber auch Kinder meiner Stadt wurden in den 60. Jahren in den Sommerferien
verschickt .
Der Grund war aber ein Anderer .
Die damalige schlechte Luftqualität und die daraus ergebende hohe Anzahl von
Atemwegserkrankungen an Vorschulkindern .
Vorwiegend Kinder von Voestmitarbeitern wurden aufs Land geschickt .
Bezahlt von der Voest , die ja auch der Hauptverursacher der schlechten
Luftqualität war.

Aber diese Wochen waren eher Erhohlungswochen .
Mit Spiel und Wanderungen .
Genächtigt wurde in leeren Schulen auf dem Lande wie in Gutau .
Geleitet und beaufsichtigt wurden wir von jungen Lehrern die sich so ein Zubrot
verdienten und einer Krankenschwester für kleinere Wehwehchen .
Einmal in der Woche sah auch der Zuständige Gemeinde-Hausarzt vorbei .

Die gute Luft , das Rumtollen mit der Gruppe und das einfache
aber schmackhafte Essen wirkten Wunder .
Von Allen verbesserte sich der Allgemeinzustand und das hielt meist
über den Winter an .

G.v.Luki

Und übrigens , Morgen ist auch noch ein Tag Cool
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06.08.2012, 19:35
Beitrag: #10
RE: Kinderverschickung
(06.08.2012 12:22)Wallenstein schrieb:  In der DDR hieß das "Kinderferienlager". Dort ging es allerdings nicht zu irgendwelchen Pflegeeltern o.ä., sondern es waren staatliche organisierte kleine Lager, vergleichbar mit Pfadfindercamps, jedoch ohne Uniform. Also auch keine Pionierkleidung oder ähnliches. Die Aufenthaltszeit lag zwischen zwei und drei Wochen. Die meisten Kinder waren gerne dort. Wandern, Sport, Zelten, Spielen, Nachtwanderungen bis hin zur kleinen Disco.
"Böse" Eltern schickten ihre Kinder die ganzen großen Ferien (8 Wochen) in irgendwelche Ferienlager.
Viele nutzten diese Möglichkeit aber nicht, denn es war ja alles freiwillig.

Natürlich gab es da auch Pionierkleidung und Fahnenappelle, auch wenn wir nicht die ganzen Lagerzeit so, sondern eher in Badehose rumrannten. Als Siebentklässler war ich sogar mal 4 Wochen in Polen bei den Pfadfindern (Die sahen eher wie die HJ aus...), da waren sehr viele Jugendliche auch aus Westeuropa (z.B war die SDAJ vertreten). War eigentlich eine schöne Zeit, auch wenn ein Auschwitz-Besuch vielleicht nicht gerade meinem damaligen Alter angemessen war. Gehört hatte man davon aber schon früher in der Schule.

„Der Horizont der meisten Menschen ist ein Kreis mit dem Radius 0. Und das nennen sie ihren Standpunkt.“ (Albert Einstein)
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06.08.2012, 19:43
Beitrag: #11
RE: Kinderverschickung
(06.08.2012 13:23)krasnaja schrieb:  
(06.08.2012 10:52)Suebe schrieb:  Widerspruch.
Die Schweizer Kinderhilfe:


ob es franz. belg. oder holländische Gasteltern gab, entzieht sich meiner Kenntnis.

Schweizer gab es, sehr schnell nach dem Krieg.
Und in großem Umfang.
Nördlich von Rhein und Bodensee unvergessen.

ich spreche von einem größeren Rahmen, nicht von guten, aber minimalen Einzelaktionen.

Mensch Krasnaja,
ich les dein Zeugs ja auch, dann mach du das mit meinem auch.

Der letzte Absatz über die Schweizer Kinderhilfe lautet so:

Zitat:Die Betreuung von rund 180.000 Kindern bis zum Ende der Aktion im Jahr 1955 durch Pflegefamilien kostete rund fünf Schweizer Franken pro Kind und Tag. Damit entsprach diese Hilfeleistung einem finanziellen Wert von rund 80 Millionen Schweizer Franken.

aus meinem Wiki-Link.


bevor du sowas verbrichst:
Zitat:ich spreche von einem größeren Rahmen, nicht von guten, aber minimalen Einzelaktionen.

minimal bei 180.000 Kindern und 80 Millionen Schweizer Franken.....

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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06.08.2012, 20:17
Beitrag: #12
RE: Kinderverschickung
(06.08.2012 19:35)Arkona schrieb:  Natürlich gab es da auch Pionierkleidung und Fahnenappelle, auch wenn wir nicht die ganzen Lagerzeit so, sondern eher in Badehose rumrannten.
Stimmt, es gab frühmorgens Appelle. Aber nur ganz kurz pro forma. Da wurde das Programm für den Tag abgeklärt und Fehltritte von einigen wenigen offengelegt. Hingen da Fahnen? - keine Ahnung. Ob wir Pionierkleidung mithatten, weiß ich nicht mehr. Ich würde eher denken, nein. Da müßte ich meine Eltern nochmal fragen.

Für die Älteren - ab 9. Klasse - gab es dann die Lager für Arbeit und Erholung. Habe ich nur einmal mitgemacht.
Wir waren damals in Berlin in einem Lehrlingswohnheim untergebracht und hatten alle Freiheiten der Welt (was man als solche bezeichnet). Da war nichts mehr mit Appell oder so, aber wir wurden frühmorgens auf einem Multicar mit Besen, Schaufel und Gartengerät von Lichtenberg zum Alex gekarrt, um dort zu fegen, sauber zu machen und die Beete zu pflegen. Ab 14.00 hatten wir dann Freizeit.
Zu der Zeit auch das erste Mädel näher kennen gelernt. Es war eine schöne Zeit. Wichtig auch - es war Berlin.

Und du warst schön. In deinem Auge schien
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weißbindig wie der Vesta Priesterin,
an deines Seelentempels Säulenrand
und streute lächelnd weiße Blüten hin.

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07.08.2012, 10:05
Beitrag: #13
RE: Kinderverschickung
Lieber Wallenstein,
ist es unbedingt wichtig, dass es Berlin (Ost) war?Huh

Was Du nicht willst, dass man Dir tu, das füg auch keinem Andern zu
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07.08.2012, 17:30
Beitrag: #14
RE: Kinderverschickung
(06.08.2012 19:43)Suebe schrieb:  
(06.08.2012 13:23)krasnaja schrieb:  ich spreche von einem größeren Rahmen, nicht von guten, aber minimalen Einzelaktionen.

Mensch Krasnaja,
ich les dein Zeugs ja auch, dann mach du das mit meinem auch.

Der letzte Absatz über die Schweizer Kinderhilfe lautet so:

Zitat:Die Betreuung von rund 180.000 Kindern bis zum Ende der Aktion im Jahr 1955 durch Pflegefamilien kostete rund fünf Schweizer Franken pro Kind und Tag. Damit entsprach diese Hilfeleistung einem finanziellen Wert von rund 80 Millionen Schweizer Franken.

aus meinem Wiki-Link.


bevor du sowas verbrichst:
Zitat:ich spreche von einem größeren Rahmen, nicht von guten, aber minimalen Einzelaktionen.

minimal bei 180.000 Kindern und 80 Millionen Schweizer Franken.....

Dann solltest Du aber auch die ganze Wahrheit schreiben.
Aus Deutschland wurden rd. 40.000 Kinder im Laufe von mehreren Jahren in die Schweiz geschickt und zwar vornehmlich aus Süddeutschland. Achtungs und Ehrenvol zweifelsfrei, auch, wenn es rd. 2 Promille aller Kinder waren.
Der Hauptanteil kam aus Frankreich, Österreich.

Ich hoffe nun, dass dich das Lesen meines ZeugS nicht zu sehr belastet.
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07.08.2012, 19:58
Beitrag: #15
RE: Kinderverschickung
(07.08.2012 17:30)krasnaja schrieb:  
(06.08.2012 19:43)Suebe schrieb:  Mensch Krasnaja,
ich les dein Zeugs ja auch, dann mach du das mit meinem auch.

Der letzte Absatz über die Schweizer Kinderhilfe lautet so:


aus meinem Wiki-Link.


bevor du sowas verbrichst:

minimal bei 180.000 Kindern und 80 Millionen Schweizer Franken.....

Dann solltest Du aber auch die ganze Wahrheit schreiben.
Aus Deutschland wurden rd. 40.000 Kinder im Laufe von mehreren Jahren in die Schweiz geschickt und zwar vornehmlich aus Süddeutschland. Achtungs und Ehrenvol zweifelsfrei, auch, wenn es rd. 2 Promille aller Kinder waren.
Der Hauptanteil kam aus Frankreich, Österreich.

Ich hoffe nun, dass dich das Lesen meines ZeugS nicht zu sehr belastet.


Wer lesen kann ist klar im Vorteil (Zitat Schröders)
Zitat:Seit Anfang 1946 erhielten mehr als zwei Millionen Kinder der britischen, französischen und sowjetischen Zone tägliche Mahlzeiten sowie zehntausende von Tonnen Medikamente, Kleidung und Paketsendungen nach Deutschland. Daneben gab es Patenschaften zugunsten von Flüchtlings- und Vertriebenenkindern. Für unternährte und kranke Jungen und Mädchen wurde ein Erholungsaufenthalt in die Schweiz organisiert, die sogenannten Kinderzüge in die Schweiz.

Ich habe eher die Befürchtung, dass das Lesen meines Zeugs dich manchmal fordert. Big Grin

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07.08.2012, 22:26
Beitrag: #16
RE: Kinderverschickung
Danke für die vielen Antworten.

Über die Kinderverschickungen in andere Länder als Belgien und Holland weiß ich nichts aus persönlicher Erfahrung.

Viele Volkschulen auf dem Land waren im Sommer Kinderferienheime für (Groß)stadtkinder von Mitarbeitern der Voest, Chemie, Magistrat u.a. Daneben gab es auch die von der Caritas gesponserten Erholungsurlaube für Kinder bedürftiger Familien, die drei Wochen auf einem Bauernhof im nördlichen Mühl- oder Waldviertel verbringen durften.

Von wem die Belgienfahrten gesponsert und organisiert waren, weiß ich nicht sicher. Die Kinder waren aus Wien, Linz, Wels und anderen Städten und kamen aus notleidenden Familien. Wobei mit "Not" natürlich nicht der Hunger gemeint war, sondern die familiäre Enge in den damaligen Winzigstwohnungen - und anderes. Sie sollten sich von ihren Zuständen im Elternhaus in einem gesunden familiären Umfeld erholen können.

Eigentlich schrieb ich die Anfrage nicht, weil ich über die Butterkinder was erfahren wollte (es gibt genug Berichte und Literatur darüber), sondern weil anscheinend niemand mehr etwas darüber wissen will, dass österreichische Kinder noch lange, lange nach dem Krieg aus dem Ausland Unterstützung erhielten.
Nicht alle in Belgien und anderswo wussten, dass es uns Österreichern materiell schon längst nicht mehr schlecht ging. Vor allem Ältere Leute hatten die Bilder vom zerbombten, hungernden, von den Sowjets ausgeplünderten und mit dem 1956er Flüchtlingen überforderten Volk im Kopf….
07.08.2012, 22:57
Beitrag: #17
RE: Kinderverschickung
Hallo Lentia,

warum registrierst du dich bei uns nicht einfach.
Wir sind eine kleine, aber feine und nette Community, in der fast alle Fragen gestellt und beantwortet werden können.

Trau dich.Smile Wir würden uns freuen.

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...
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an deines Seelentempels Säulenrand
und streute lächelnd weiße Blüten hin.

(Rainer Maria Rilke)
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07.08.2012, 23:10
Beitrag: #18
RE: Kinderverschickung
Ich habe 1997 einmal beobachten dürfen, wie bosnische Kinder mit der Fähre von Dubrovnik nach Bari zu ihren Gasteltern reisten. Während der Überfahrt waren sie ganz ruhig, sie saßen schüchtern an ihrem Platz und beobachteten mit großen Augen das Treiben auf dem Schiff. Kein Toben, kein Lachen, sehr scheue Kinder. Als wir dann in Bari ankamen, wurden die Kinder schon von ihren italienischen Gastfamilien erwartet. Sie wurden sehr freundlich und herzlich empfangen, die italienischen "Mammas" kümmerten sich sehr besorgt um die Kleinen. Und so langsam tauten die Kleinen auf.

Was ich damit sagen will, ist, dass die Kinderverschickung nicht nur unter den Gesichtspunkten "mal satt essen können" oder "Erholung" betrachtet werden darf, sondern auch, dass die Kinder eine lange nicht mehr gekannte Fürsorge und Aufmerksamkeit durch Erwachsene erhalten haben.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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07.08.2012, 23:19
Beitrag: #19
Kinderverschickung
Servus Lentia .

Ich kann mich nur den Worten Wallensteins anschließen .

Meines Wissens sind wir bis Jetzt erst drei Österreicher im Forum .
Einer aus Wien , WDPG aus Linz und ich bin in Traun zuhause .

Normalerweise ist Anonymität garantiert .
Aber aufgrund vergangener Zeiten kenne ich einen Teil der Mitglieder .
Und Sie mich natürlich auch .

Aber ehrlich , unser kleiner österreichischer Block könnte
etwas Unterstützung gebrauchen .

Mich persönlich würde es sehr freuen .

Schöne Grüße aus Traun , luki

P.S.
Ich denke , dafür daß unser Forum gerade erst zwei Monate Alt ist ,
kann es sich schon sehen lassen .

Und übrigens , Morgen ist auch noch ein Tag Cool
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08.08.2012, 13:26
Beitrag: #20
RE: Kinderverschickung
(07.08.2012 19:58)Suebe schrieb:  
(07.08.2012 17:30)krasnaja schrieb:  Dann solltest Du aber auch die ganze Wahrheit schreiben.
Aus Deutschland wurden rd. 40.000 Kinder im Laufe von mehreren Jahren in die Schweiz geschickt und zwar vornehmlich aus Süddeutschland. Achtungs und Ehrenvol zweifelsfrei, auch, wenn es rd. 2 Promille aller Kinder waren.
Der Hauptanteil kam aus Frankreich, Österreich.

Ich hoffe nun, dass dich das Lesen meines ZeugS nicht zu sehr belastet.


Wer lesen kann ist klar im Vorteil (Zitat Schröders)
Zitat:Seit Anfang 1946 erhielten mehr als zwei Millionen Kinder der britischen, französischen und sowjetischen Zone tägliche Mahlzeiten sowie zehntausende von Tonnen Medikamente, Kleidung und Paketsendungen nach Deutschland. Daneben gab es Patenschaften zugunsten von Flüchtlings- und Vertriebenenkindern. Für unternährte und kranke Jungen und Mädchen wurde ein Erholungsaufenthalt in die Schweiz organisiert, die sogenannten Kinderzüge in die Schweiz.

Ich habe eher die Befürchtung, dass das Lesen meines Zeugs dich manchmal fordert. Big Grin

Darf ich Dich ebenso höflich darauf aufmerksam machen, dass ich explizit auf den nun von Dir noch einmal fetter eingestellten Beitrag damit eingegangen bin, daß auch ich Nutznießer dieser Speisungen war, ich gerne Mutmaßungen der Legasthenie zurück gebe.

Vielleicht ist Dir möglicherweise entgangen, dass das Thema lautet
KinderVERSCHICKUNG und nicht Kinder-BEKÖSTIGUNG

Auffallend in den entsprechenden Wiki-Beiträgen (z.B. Kinderhilfe des Schweizer Roten Kreuzes) sind Fotos ausschließlich über geholfenen östereichischen Kindern.
Ich kann hier nur von persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen sprechen, hier im Norden, in Hamburg, in dieser, als "schlechten Zeit" bezeichneten Zeitspanne 1946 bis 1949, an die ich durchaus Erinnerungen habe, "da gab es keine Landverschickung ins Ausland"
Auch später habe ich nie von meiner Mutter darüber etwas gehört.
Und ich wäre wahrscheinlich in dieses Raster gefallen: Mutter alleinerziehend, ausgebombt, Butenhamburger , Vater in franz. Kriegsgefangenschaft.

(Der Hinweis auf "sowjetische Zone, siehe oben) ist aber doch unglaubwürdig, oder ? )
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