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Das Zeitalter der Nervosität
23.10.2013, 17:03
Beitrag: #1
Das Zeitalter der Nervosität
...lautet der Titel eines Buches von Joachim Radkau (1998, Hanser Verlag)

Kurzbeschreibung dazu:
Zitat: "In einer nationalistischen Propagandaschrift wird kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges die Befindlichkeit der deutschen Gesellschaft mit den Worten »Überall Unsicherheit, überall Schwäche, überall Angst, Angst, Angst« beschrieben. Ausgehend von dieser zeitgenössischen Wahrnehmung untersucht der Historiker Joachim Radkau die spannende Frage, wie die wilhelminische Gesellschaft Nervosität als charakteristisches Leiden ihrer Zeit inszenierte. Anhand einer Fülle von Einzelbeobachtungen gelingt es ihm, die Nervosität als eine Wechselbeziehung zwischen kulturellem Konstrukt und echter Leidenserfahrung zu analysieren. »Ein origineller Beitrag zur Mentalitätsgeschichte des virulenten wilhelministischen Zeitalters.« SÜDDEUTSCHE ZEITUNG)
(Hervorhebung durch mich)

Mir geht es nun nicht darum, über Radkau und/oder sein Buch zu diskutieren(*).

Ich möchte gerne über diese Zeit - zwischen Bismarck und Hitler - und die Zeit der Nervenleiden, Nervenzusammenbrüche, der aus dem Boden schießenden Nervenheilanstalten und Sanatorien - und natürlich die Ursachen diskutieren.

Was waren die Gründe dafür, dass die Menschen zunehmend sensibler und unsicherer, nervöser und ängstlicher wurden?
Galt es einfach in gewissen Kreisen als trés chic in einem Schweizer Sanatorium gepflegt und verhätschelt worden zu sein oder hatten die Symptome handfeste Ursachen, die beispielsweise in der Veränderung der Lebensumstände durch die zunehmende Mechanisierung und Industrialisierung zu suchen sind?
Was sind Eure Ideen dazu?

Edit: Wie sind die Parallelen zu heute? War die "chronische Melancholie" von den selben Mechanismen geprägt wie der heutige "Burn Out"? Wie sieht es mit den Gründen aus damals - heute?

Edit vom Edit: Hab Murks geschrieben....

(*) Wenn jemand das Buch gelesen hat oder sein Eigen nennt, kann er ja gerne hier eine kleine Rezension zum Thema beitragen.

nicht ärgern, nur wundern...
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23.10.2013, 17:16
Beitrag: #2
RE: Das Zeitalter der Nervosität
Ein interessantes Thema.

Vorab mal einen Gedanken dazu.
Es gibt in Deutschland die Verletzung Schleudertrauma.
Die weltweit ansonsten fast unbekannt ist.

Als Ursache für diese "deutsche Krankheit" gilt unter manchen die Tatsache, dass die Behandlungskosten lediglich in Deutschland von den Kfz-Haftpflichtversicherungen übernommen werden.

Ein anderer, ähnlich gelagerter und in der genannten Zeit liegender Fall sind die "Kriegszitterer" von 1914-18 die es mW in allen direkt am Krieg beteiligten Armeen gab.
Und 1939-45 nicht gab.

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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23.10.2013, 17:23
Beitrag: #3
RE: Das Zeitalter der Nervosität
Das habe ich im Nirwana mal zu den Kriegszitterern geschrieben

Zitat:In meiner Kindheit gehörte einer dieser Zitterer zum Straßenbild, wie er mit seinem weißen Pudel an der Leine spazieren gegangen ist. Der Pudel muss fast verrückt geworden sein, die Leine hat ständig gewackelt.
Wir Kinder haben ihn nachgeäfft,
es ist kein Problem sich dieses Zittern anzueignen, so nachhaltig, dass es einer schallenden mütterlichen Ohrfeige bedurfte, um die "Krankheit" zu heilen

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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23.10.2013, 18:07
Beitrag: #4
RE: Das Zeitalter der Nervosität
Vielen Dank für diesen Hinweis.
Ja, die Kriegszitterer gehören auch in diese Zeit. Obwohl ich der Ansicht bin, dass dieses Phänomen viel vielschichtiger ist, als es sich auf die Schnelle darstellt und mit der um sich greifenden "Nervosität" dieser Zeit nicht unmittelbar erklärt ist.
Waren es doch gerade die Kriegszitterer, die einst mit vor Stolz geschwellter Brust einer "großen Zeit" entgegen gingen. - Eine Diskussion zu diesem Thema - die Erwartungen der Leute an den Krieg - hatten wir hier schon mal geführt. Ich lese später noch mal nach, vielleicht finde ich noch etwas Erhellendes hierzu.

Um aber zur konkreten Frage zu kommen:
Trugen die Menschen zu dieser Zeit ihre Emotionen einfach deutlicher und sichtbarer vor sich her? Bis dahin dürfte allzu große Emotionalität verpönt gewesen sein, aber auf einmal passte es in den Zeitgeist, "Befindlichkeiten" zu haben und zu zeigen? Vergleichbar mit dem Amerika der letzten Jahrzehnte wo der Psychiater zum must-have der Mittel- und Oberschichtfamilien mutierte?
Deswegen erlaubte man sich in bunten Bildern vom heroischen Sieg zu träumen und erlaubte sich ebenso in bodenlose Depressionen zu fallen, wenn der Feind nicht mitspielte?

Oder greift das zu kurz? Welche Rolle spielten Maschinen? War der Tagesrhythmus bis dahin doch vom Sonnenaufgang und vom Vieh bestimmt worden, so war es jetzt der Takt der Dampfmaschine. Wie beeinflusste das die Menschen?

Welche Rolle spielten immer kleiner werdende Familien - Modell Großfamilie dürfte nur noch auf dem Land wirklich gepflegt worden sein - wachsender Leistungsdruck, fehlende Identifikation mit dem verfertigten Produkt, weil nur noch einzelne Arbeitsbereiche bedient wurden und ein Produkt so zum Gemeinschaftsprojekt wurde?
Welche Rolle spielten die Medien, die zunehmende Flut an Informationen, Zeitungen, Feuilletons, die Kaffeehauskultur?
Was für Faktoren fallen Euch noch ein?

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23.10.2013, 20:15
Beitrag: #5
RE: Das Zeitalter der Nervosität
(23.10.2013 18:07)Uta schrieb:  ./.

Um aber zur konkreten Frage zu kommen:
Trugen die Menschen zu dieser Zeit ihre Emotionen einfach deutlicher und sichtbarer vor sich her? Bis dahin dürfte allzu große Emotionalität verpönt gewesen sein, aber auf einmal passte es in den Zeitgeist, "Befindlichkeiten" zu haben und zu zeigen? Vergleichbar mit dem Amerika der letzten Jahrzehnte wo der Psychiater zum must-have der Mittel- und Oberschichtfamilien mutierte?
Deswegen erlaubte man sich in bunten Bildern vom heroischen Sieg zu träumen und erlaubte sich ebenso in bodenlose Depressionen zu fallen, wenn der Feind nicht mitspielte?

Oder greift das zu kurz? Welche Rolle spielten Maschinen? War der Tagesrhythmus bis dahin doch vom Sonnenaufgang und vom Vieh bestimmt worden, so war es jetzt der Takt der Dampfmaschine. Wie beeinflusste das die Menschen?

Welche Rolle spielten immer kleiner werdende Familien - Modell Großfamilie dürfte nur noch auf dem Land wirklich gepflegt worden sein - wachsender Leistungsdruck, fehlende Identifikation mit dem verfertigten Produkt, weil nur noch einzelne Arbeitsbereiche bedient wurden und ein Produkt so zum Gemeinschaftsprojekt wurde?
Welche Rolle spielten die Medien, die zunehmende Flut an Informationen, Zeitungen, Feuilletons, die Kaffeehauskultur?
Was für Faktoren fallen Euch noch ein?


Du meinst die Zeit des Expressionismus.
Die Zeit des Wandervogels.
Der "Reform-Bewegung" (letztes Zeichen heute die Reformhäuser)
Habe ich dich richtig verstanden?

Das weite Kreise erfassende Gefühl, dass sich die Menschheit in einer Sackgasse befindet. Dass vieles grundlegend anders werden muss.

Wobei das auch heute noch einen eigenartig berührende die Tatsache ist, dass eine große Zahl der Autoren des literarischen Expressionismus im 1. Weltkrieg gefallen sind.
Wie wenn sie es vorausgeahnt hätten.

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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23.10.2013, 22:12
Beitrag: #6
RE: Das Zeitalter der Nervosität
Interessantes Thema, muß ich ein Weilchen drübernachdenken.
Eine Sache fällt mir spontan ein. Aus grauer Vorzeit erinnere ich mich an eine spitze Bemerkung, die man nur gegenüber Frauen machte " Sei nicht so nervös" "die ist so nervös" oder so ähnlich. Das hatte irgendwie was abwertendes, Männer konnten so quecksilbrig sein, wie sie wollten, als nervös wurden sie ganz selten bezeichnet. Kann sein, dass diese Aussagen von der damals älteren Generation ausgingen. Heute höre ich das nicht mehr - Sprachwandel? Heute ist man gestresst, unter Druck, hektisch aber nicht mehr nervös.
Vielleicht war das damals ein Überbleibsel aus der nervösen Zwischenkriegsphase.

Vor den Ursachen sollten wir evtl. erstmal die Symptome vergleichen.
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24.10.2013, 04:00
Beitrag: #7
RE: Das Zeitalter der Nervosität
Ich denke, dass man auch die damaligen Erziehungsmethoden nicht vergessen darf. Besonders bei Menschen mit so genannten "Defiziten" wie Haltungsschwächen, Linkshänder oder Dyskalkulie usw. Da gab es wohl nicht so große Unterschiede zwischen den Maßstäben des Hochadels (siehe Erziehung von Wilhelm II.) und den Maßstäben des Kleinbürgertums oder der Arbeiter. Als besonders schlechtes Beispiel möchte ich Moritz Schreber erwähnen, dessen Erziehungsmethoden später "schwarze Pädagogik" genannt wurden. Seine Söhne wurden später psychiatrisch behandelt und starben durch Suizid. Das war die andere Seite von Moritz Schreber, den man als Pionier der "Schrebergärten" nach wie vor noch ehrt.

Des Weiteren fällt mir noch ein, dass um 1910/14 unter den Jugendlichen bzw. jungen Leuten eine Todessehnsucht geherrscht haben muss. Hans Fallada überlebte einen verunglückten Doppelselbstmord, sein Schulfreund nicht. Johannes R. Becher kam fast durch irgendwelche Exzesse (Drogen, Absinth?) um, die Gedichte von Georg Trakl strotzen nur so von Todessehnsucht... In dieser Hinsicht ist zu überlegen, ob z.B. die "Tollkühnheit" einiger Jagdflieger im 1. WK in Wahrheit nur dieser Todessehnsucht entsprang.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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24.10.2013, 08:09
Beitrag: #8
RE: Das Zeitalter der Nervosität
(24.10.2013 04:00)Sansavoir schrieb:  ./.

Des Weiteren fällt mir noch ein, dass um 1910/14 unter den Jugendlichen bzw. jungen Leuten eine Todessehnsucht geherrscht haben muss. Hans Fallada überlebte einen verunglückten Doppelselbstmord, sein Schulfreund nicht. Johannes R. Becher kam fast durch irgendwelche Exzesse (Drogen, Absinth?) um, die Gedichte von Georg Trakl strotzen nur so von Todessehnsucht... In dieser Hinsicht ist zu überlegen, ob z.B. die "Tollkühnheit" einiger Jagdflieger im 1. WK in Wahrheit nur dieser Todessehnsucht entsprang.


Die Expressionisten unter den Literaten sahen den Krieg als Befreiung! Es sind nicht zufällig so viele gefallen, die zogen als Freiwillige in den Krieg.
Wobei man dies ziemlich sicher auf weite Kreise der Bevölkerung Europas übertragen kann.
In Frankreich und Deutschland meldeten sich jeweils über 1 Million junge und auch nicht mehr ganz so junge Männer freiwillig zum Kriegsdienst.

Der 1. Weltkrieg brach nicht zuletzt auf Grund dieser eigentlich "edlen" Ideale und Gedankengänge aus.

Im/nach dem Krieg fächerte sich diese Haltung stark auf. Während die einen überzeugte und kompromisslose Pazifisten wurden, wurden aus den anderen genauso kompromisslose "Militaristen" denen das Schützengrabenerlebnis über alles ging.
Die Wurzeln von beidem liegt für mich aber klar im Expressionismus der Vorkriegszeit.

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24.10.2013, 14:14
Beitrag: #9
RE: Das Zeitalter der Nervosität
Der Hinweis auf die Kunst bzw. Literatur ist auch sehr wichtig.

In der Wiki-Seite zur Romantik habe ich folgendes mal für mich rausgesucht:

Zitat:Ursprünge
Durch die Industrialisierung fanden große gesellschaftliche Umbrüche statt, die neue Maschinenwelt führte zu Verstädterung und Landflucht, eine unterstellte vormalige Geborgenheit war für die Romantiker in Auflösung begriffen. Die Karlsbader Beschlüsse nahmen die Romantiker auf dem Hintergrund ihrer eher individualistischen Grundeinstellung zum Anlass, um in Melancholie und in phantastische, unwirkliche oder einfach biedermeierliche Welten zu fliehen und sich so eskapistisch aus dem gesellschaftlichen Leben weitgehend zurückzuziehen oder von ihm ab- und einer kleinstädtischen Idylle zuzuwenden.
[...]

Anliegen der Romantik
Die Grundthemen der Romantik sind Gefühl, Leidenschaft, Individualität und individuelles Erleben sowie Seele, vor allem die gequälte Seele. Romantik entstand als Reaktion auf das Monopol der vernunftgerichteten Philosophie der Aufklärung und auf die Strenge des durch die Antike inspirierten Klassizismus. Im Vordergrund stehen Empfindungen wie Sehnsucht, Mysterium und Geheimnis. Dem in die Zukunft gerichteten Rationalismus und Optimismus der Aufklärung wird ein Rückgriff auf das Individuelle und Numinose gegenübergestellt. Diese Charakteristika sind bezeichnend für die romantische Kunst und für die entsprechende Lebenseinstellung.
[...]

„Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.“ – Ricarda Huch [8]
[...]

Da stecken ein paar der Dinge drin, die ich weiter oben angesprochen habe. Und somit wäre der Expressionismus eigentlich nur die konsequente Fortsetzung eines Lebensgefühls, das immer mehr um sich griff.

Wieder eine Parallele zu heute, in der esotherisch und parapsychologisch angehauchte Zirkel immer mehr Zulauf bekommen?

Renegat hat ebenfalls etwas sehr wichtiges geschrieben. Zunächst sollte man mal die Symptome bzw. die Zeichen der "Nervosität" betrachten.
Da versuche ich mal, mir die nächsten Stunden ein paar Gedanken zu machen.

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24.10.2013, 14:47
Beitrag: #10
RE: Das Zeitalter der Nervosität
(24.10.2013 14:14)Uta schrieb:  ./.
Da stecken ein paar der Dinge drin, die ich weiter oben angesprochen habe. Und somit wäre der Expressionismus eigentlich nur die konsequente Fortsetzung eines Lebensgefühls, das immer mehr um sich griff.

Wieder eine Parallele zu heute, in der esotherisch und parapsychologisch angehauchte Zirkel immer mehr Zulauf bekommen?

./.

um 1970 rum hatte ich einen Deutschlehrer, offensichtlicher Fan der Expressionisten,
der die Stimmung unter ihnen mit der in den ausgehenden 60ern verglich.
Die Paralelle Anarchisten - Baader-Meinhof und Co. zog ich dann später selbst.

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24.10.2013, 21:58
Beitrag: #11
RE: Das Zeitalter der Nervosität
Der Wikiartikel ist ganz aufschlussreich. http://de.wikipedia.org/wiki/Neurasthenie

Beim Umgang mit der psychischen Erkrankung könnte es sich um ein ähnliches Phänomen gehandelt haben wie beim aktuellen Burnout. Gesellschaftliche Ursachen werden zwar in Betracht gezogen aber nicht wirklich zu Ende gedacht, weil ja nicht alle betroffen sind. Tiefergehende, psychische Ursachen werden umintepretiert, um die Krankheit gesellschaftsfähig zu machen.
Vom medizinischen Teil verstehe ich zu wenig, die Symptome sind eher vage si. auch http://de.wikipedia.org/wiki/Nervosit%C3%A4t
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25.10.2013, 12:57
Beitrag: #12
RE: Das Zeitalter der Nervosität
(24.10.2013 21:58)Renegat schrieb:  Vom medizinischen Teil verstehe ich zu wenig, die Symptome sind eher vage

Das ist das Problem aller dieser Erkrankungen.
Wobei die Diagnose oder Fehldiagnose völlig unerheblich ist.
Die Behandlung unterscheidet sich überhaupt nicht.

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25.10.2013, 15:16
Beitrag: #13
RE: Das Zeitalter der Nervosität
Danke für die Links Renegat

Ich denke, wir können auf jeden mal festhalten, dass der Begriff "Nervosität" heute anders verwendet wird, als vor 100 - 120 Jahren.

Nervosität bezeichnet heute i.R. eine situationsgebundene Unruhe bzw. latente Angst. Solange dies nicht der Dauerzustand ist,fehlt jede pathologische Komponente. Wird Nervosität aber zum Dauerzustand eines Patienten, findet der Facharzt andere Begriffe dafür, z.B. Depression etc.
"Nervosität" im Sinne des 19. Jh bezeichnete ganz klar eine wie auch immer geartete krankhafte Störung des Gemüts - heute Psyche. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist die Neurasthenie/Nervosität eher als Überbegriff über diverse seelische und neurologische Störungen verwendet worden, z.B. "Chronische Melancholie" oder auch "Moralischer Schw*chsinn" (ganz toll auch "zirklulärer Irrsinn", aber das geht wohl schon eher in die Richtung psychiatrischer Erkrankung)

Die Depression wie wir sie heute Definieren wurde früher mit "Melancholie" bezeichnet. Hier mal ein ganz interessanter Beitrag dazu: http://www.novego.de/wissen/depression/w...elancholie

Ich würde jetzt mal laienhaft davon ausgehen, dass die "Nervosität" des 19. Jh. in etwa vergleichbar ist mit der Palette der heute bei uns definierten depressiven Störungen - von Schlafstörungen und innerer Unruhe angefangen bis hin zum massiven Burn Out oder der hochgradigen Depression mit suizidalen Tendenzen.

Edit: Ich muss "Schw*chsinn" schreiben, denn sonst kommt gleich die NetteKette um die Ecke und ändert das in "Quatsch"... und das wäre dann wirklich Quatsch - hach ja, so ist das halt Rolleyes

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25.08.2015, 10:53
Beitrag: #14
RE: Das Zeitalter der Nervosität
Bin erst jetzt auf dieses interessante Thema gestoßen. Muss ehrlich sagen weiß nicht wieviel ich dazu beitragen kann. Habe mir letztens Gedanken gemacht und bin auf ein paar Ansätze gestoßen.

-Habe vor einiger Zeit mal ein interessantes Interview gelesen, bei dem es auch um eine Theorie ging, warum sich Erkrankungen wie Burn-Out häufen. Ein Faktor der beschrieben wurde, war das heute ein Gefühl besteht, das es in Richtung "Niedergang" und weniger Wohlstand geht. Immer mehr Aufwand ist nötig um den aktuellen Lebensstandard zu halten. Wir werden später in Pension gehen müssen und/oder Abschläge in Kauf nehmen, wir müssen uns sorgen machen ob unsere sozialen Systeme noch zu halten sind, es wird im heutigen Arbeitsleben mehr Flexibilität gefordert, schon in der Schule steigt der Druck usw. Einerseits ist da das Gefühl, das es schwerer wird den Standard zu halten, andererseits zunehmende Unsicherheit (die natürlich nervös macht) und in den Medien (fällt mir gerade im Wirtschaftsbereich auf) wird einem das Gefühl von ständiger Krisensituation gegeben. Beschwichtigungen durch Politiker bringen auch nicht wirklich mehr Vertrauen. Wohl nicht der Hauptfaktor, aber doch einer.

Ob es um 1900 auch dieses Gefühl gab, weiß ich nicht. Andererseits kann ich es mir sogar vorstellen, wenn man z.B. an die koloniale Expansion denkt war die Stimmung ähnlich. Neue Kolonien konnten, wenn überhaupt, nur noch unter extrem schweren Umständen erworben werden. Wie gesagt ist aber schwer zu sagen ob dieses Gefühl "für mehr Aufwand, das gleiche zu bekommen damals schon da war.

-Was das mit dem Schick sein, betrifft kann ich es schwer beurteilen. Aber es ist wohl schon so das damals wie heute die Akzeptanz das es psychische Erkrankungen gibt gestiegen ist (was an sich Ja nicht schlecht ist) und sie deshalb präsenter waren.

-Noch etwas hat die heutige Zeit mit der zwischen 1870 und 1945 gemeinsam: Es sind eher unruhige Zeiten, etliches was Gesellschaftlich als fix galt wird/wurde gelockert. Gewohnte Systeme brechen auf und brachen auch damals auf, das spielt sicher eine große Rolle.

Sind nur ein paar Gedankenansätze zu diesem interessanten Thema.
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25.08.2015, 11:19
Beitrag: #15
RE: Das Zeitalter der Nervosität
(23.10.2013 18:07)Uta schrieb:  Oder greift das zu kurz? Welche Rolle spielten Maschinen? War der Tagesrhythmus bis dahin doch vom Sonnenaufgang und vom Vieh bestimmt worden, so war es jetzt der Takt der Dampfmaschine. Wie beeinflusste das die Menschen?

Welche Rolle spielten immer kleiner werdende Familien - Modell Großfamilie dürfte nur noch auf dem Land wirklich gepflegt worden sein - wachsender Leistungsdruck, fehlende Identifikation mit dem verfertigten Produkt, weil nur noch einzelne Arbeitsbereiche bedient wurden und ein Produkt so zum Gemeinschaftsprojekt wurde?
......

Ich denke schon das, dass eine Rolle spielte. Die Leute waren im Prinzip über Jahrhunderte einen anderen Takt und eine andere Arbeitssituation gewöhnt. Nun veränderte sich das plötzlich. Daneben veränderten sich gesellschaftliche Situationen usw. Man muss bedenken das der Bereich "Arbeit" eine sehr große Rolle im täglichen Leben ausmacht (und damals wohl noch mehr ausgemacht hat).
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25.08.2015, 11:48
Beitrag: #16
RE: Das Zeitalter der Nervosität
Jetzt habe ich wirklich schwer mit mir gekämpft, ob ich das schreiben soll.
Also im Zweifel - löschen.


Noch eine Facette der Nervosität:

Als "nervös" wurden damals, vor dem WK1 und bis in die 20er hinein, oftmals Frauen bezeichnet, die vermutlich über kein ausgefülltes Sexualleben verfügten.
Es gab Fraeuenärzte die sich auf die Behandlung dieser "Leiden" spezialisiert hatten.
Aber es wurde natürlich auch die moderne Technik bemüht. Geräte deren Sinn dem heutigen Betrachter so gar nicht mehr aufgehen will. Aber es handelt sich abseits aller Hersteller-Bezeichnungen und Handbüchern um nichts anderes als Vibratoren.
Frank Patalong, der von Spiegel-Online, hat ein Buch veröffentlicht "Der Victorianische-Vibrator" in dem er unter vielem anderen auch ein solches Gerät beschreibt.

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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