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Das Ende der (Westfränkischen-)Karolinger
14.04.2015, 16:34
Beitrag: #1
Das Ende der (Westfränkischen-)Karolinger
Das Ende der Staufer durch Karl von Anjou ist je recht breit bekannt.
Wobei auf der Piazza Mercato in Neapel gleich noch manch anderer nordalpine Erbstreit "geregelt" wurde. Was aber natürlich wieder eine andere Geschichte ist.
Wobei auch Bologna und Castel del Monte ja eine große Rolle bei dem Thema spielten.

Die Sache hatte aber ein Vorbild, und auch hier sind Capetinger die "Aktoren"
das Ende der westfränkischen Karolinger spielte sich sehr ähnlich ab.

Nun fehlt mir, wie meist im Mittelalter, Detailwissen, deshlab würde ich es toll finden, wenn hier einer, besser noch mehrere der Mediavisten im Forum für erhellende Erkenntnisse sorgen könnte.

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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14.04.2015, 19:15
Beitrag: #2
RE: Das Ende der (Westfränkischen-)Karolinger
Ludwig IV., "der Überseeische", war nach der Gefangennahme seines schwachen Vaters, Karl dem Einfältigen, von seiner englischen Mutter nach Wessex in Sicherheit gebracht worden und kam auf Betreiben Hugos des Großen wieder nach Westfranken zurück, um König zu werden (Hugo wurde afür mit dem eigens geschaffenen Titel eines "Herzogs von Franzien" belohnt und war mächtiger als der König selbst...). Mit 33 Jahren stürzte Ludwig vom Pferd und starb - er hatte 18 Jahre regiert, dabei versucht, sich vom erdrückenden Einfluss Hugos des Großen zu lösen und es tatsächlich geschafft, die Karolinger als herrschende Dynastie - wenn auch von Hugos Gnaden - im Westfrankenreich neu zu etablieren. Immerhin war seine Gemahlin Gerberga die Schwester Kaiser Ottos I.; der ostfränkische Herrscher war zwar damit nicht einverstanden gewesen, sicherte sich Ludwig durch die Heirat mit der Witwe des Herzogs von Lothringen doch eine Zugriffsmöglichkeit auf das alte Stammland der Karolinger, aber Hugo der Große (der mit einer weiteren Schwester Ottos I. verheiratet war) wurde Otto zu mächtig, woraufhin er Ludwig IV. unterstützte. Nun konnte Hugo Ludwig nicht mehr so einfach absetzen, im Gegenteil, als Otto und Ludwig gemeinsam Krieg gegen Hugo führten, unterlag dieser. Ludwig war im Prinzip wieder König im eigenen Land (wenn auch diesmal von Ottos Gnaden...)
Diese Neu-Etablierung der Karolinger war nicht selbstverständlich, mit Odo, Robert I. und Rudolf I. hatte es ja schon drei nichtkarolinigsche Herrscher in Westfranken gegeben...
Lduwigs Sohn Lothar war 32 Jahre König des Westfrankenreichs, dessen Sohn Ludwig V. wiederum nur ein Jahr, damit endete die karolingische Ära, auch wenn Karl von Niederlothringen noch versuchte, die Karolinger erneut auf den Thron zu bringen.
Aber die Herrschatf Lothars stellt noch eine letztes und nicht unbedingt erfolgloses Aufbäumen der Karolinger dar. Indiz dafür ist die Wahl seiner Gattin: Das war nämlich Emma, Tochter Kaiserin Adelheids aus deren erster Ehe mit König Lothar von Italien (!). Emma war damit Halbschwester Kaiser Ottos II. Erst einmal aber baute Hugo der Große seinen Einfluss wieder auf: Der Preis dafür, dass er zum zweiten Mal den Thron ablehnte und einen Karolinger zum König erhob, waren Burgund (das Herzogtum) und Aquitanien. Burgund konnte Hugo über eine Ehe mit der Tochter des dortigen Herzogs tatsächlich in Besitz nehmen, Aquitanien konnte nicht erobert werden (König Lothar musste Hugo auf diesem Feldzug begleiten).
Damit war Hugo der Große Herzog von Franzien (= Neustrien) und Burgund, beherrschte also zwei der drei Teilreiche des alten Karolingerreiches. Nur Austrien war mittlerweile ostfränkisch geworden bzw. lothringisch; und Lothringen sollte für König Lothar stetes Ziel der Eroberung werden, das er allerdings nie wirklich erreichte.

Damit erst mal Pause, ich mach morgen weiter. (es sei denn, es findet sich ein anderer, der weiter macht... Wink )

VG
Christian
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18.04.2015, 11:45
Beitrag: #3
RE: Das Ende der (Westfränkischen-)Karolinger
Nur zwei Jahre nach Lothars Herrschaftsantritt (und nach dem gescheiterten Aquitanienfeldzug von Hugo, bei dem ihn Lothar begleiten musste) starb Hugo der Große. Dessen Sohn, Hugo Capt, war noch zu jung zum Herrschen, seine Mutter Hadwig übernahm es, das Erbe Hugos des Großen zu verwalten.
Damit ergab sich im Westfrankenreich eine interessante Konstellation: Drei Geschwister Kaiser Ottos I. beherrschten das Reich: Hadwig, Mutter hugo Capets, war ebenso eine Schwester Ottos des Großen wie Gerberga, Mutter König Lothars, und dazu kam noch Ottos Bruder Brun, Erzbischof von Köln und Herzog von Lothringen, der von Otto eingesetzt wurde, um die Angelegenheiten des Reiches westlich des Rheins zu organisieren. Brun war immer so eine Art "ehrlicher Makler" zwischen Robertinern und Karolingern gewesen und einer der mächtigsten Männer im Westfrankenreich.

Lothar wurde 956, in dem Jahr, in dem Hugo der Große starb, volljährig, und Brun verlangte von ihm, auf das Herzogtum Lothringen zu verzichten: Die Söhne des verstorbenen Grafen des Hennegau (dessen Vorfahren Herzöge von Lothringen gewesen waren) hatten sich zu Lothar geflüchtet, was wohl Bruns Misstrauen erweckt hatte. 960 gelang es Brun, Robertiner und Karolinger zu versöhnen: Lothar ernannte Hugo Capet zum Herzog von Franzien, dessen jüngerer Bruder Otto wurde zum Herzog von Burgund ernannt, wmoit das Erbe Hugos des Großen wieder in der Hand der Robertiner war. Gegen die mächtigen Grafen von Vermandois - sie stellten einen Zweig der karolingischen Dynastie dar, denn ihr Stammvater war Bernhard von Italien, Enkel Karls des Großen und 818 von Ludwig dem Frommen geblendet - setzte sich Lothar mit Hilfe von Brun ebenfalls durch, als die Vermandois das Erzbistum Reims besetzen wollten und damit in eine ähnliche Schlüsselstellung kommen wollten wie sie z.B. Erzbischof Brun von Köln im Ostreich innehatte.
Pfingsten 965 gab es ein "ottonisches Familienfest" am Hof Ottos I., bei dem Lothar mit Emma, der Halbschwester Ottos II., verheiratet wurde, gleichzeitig wurde der König Konrad von Burgund Schwager König Lothars.
Im Oktober 965 allerdings starb Brun, nachdem er noch erfolgreich einen weiteren Streit zwischen Robertinern und König Lothar vermittelt hatte: Nachdem Herzog Otto von Burgund, Bruder Hugo Capets, gestorben war, wählten die burgundischen Großen einen weiteren Bruder Hugo Capets namens Odo zum Herzog - ohne Lothar zu fragen. Der sah sich natürlich bedroht und ging dagegen vor. Brun vermittelte, Odo blieb Herzog, nannte sich fortan Odo-Henirich (er ging als Heinrich Magnus in die burgundische Geschichte ein, was man wohl eher mit "Heinrich der Ältere" als mit "Heinrich der Große" übersetzen muss) und wurde Lehensmann seines Bruders - das Herzogtum Burgund galt also fortan nicht mehr als königliches Lehen, sondern als Lehen des Herzogtums Franzien!!
Warum Lothar das hinnahm? Es ist wohl einerseits dem Verhandlungsgeschick Bruns zu verdanken, andererseits hatte Lothar damit die Hand frei, um in Lothringen eingreifen zu können. Die Robertiner waren ihrerseits froh, wenn Lothar mit anderen Dingen beschäftigt war als mit ihnen und hatten andererseits auch kein Interesse daran, dass in Lothringen die Ottonen zu stark wurden.
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18.04.2015, 12:16
Beitrag: #4
RE: Das Ende der (Westfränkischen-)Karolinger
968 oder 969 starb Gerberga, Mutter König Lothars und Schwester Kaiser Ottos I. Damit war Lothar eigenständiger König des Westfrankenreiches. Bis zum Tod Kaiser Ottos I., des letzten Mitglieds der ottonischen Schwester-Bruder-Koalition, die das West- und das Ostfrankenreich kontrolliert hatte, hören wir aufgrund der dürftigen Quellenlage wenig von Lothar, danach allerdings legte er los: Er war jetzt nicht mehr der Neffe, der den Onkeln gehorchte, sondern er war mit seinen 32 Jahren fast doppelt so alt wie der neue Kaiser im Osten, Otto II., der ja auch sien Cousin war. Und Lothar war nach wie vor scharf auf Lothringen, auch wenn er vor vielen Jahren auf Druck Bruns darauf verzichtet hatte. Die Söhne Graf Reginars III. "Langhals" von Hennegau versuchten - mit Untersstützung Lothars, an dessen Hof sie das Exil verbracht hatten, das eine Folge davon war, dass ihr Vater von Kaiser Otto I. nach Böhmen verbannt worden war - ihr Erbe zurückzuerobern. Erfolglos zuerst, sie wurden von Otto II. militärisch geschlagen und nach Sachsen ins erneute Exil gebracht, konnten aber bald fliehen. Zwei Jahre später ein erneuter Angriff auf Niederlothringen (hier lagen auch Aache, Lüttich und Antwerpen, das Herzogtum war also von hoher Bedeutung für West- wie für Ostfranken), diesmal nicht nur durch die Reginar-Söhne, sondern dieses Mal waren auch Lothar sowie dessen jüngerer Bruder Karl aktiv am Angriff beteiligt, dazu noch Otto von Vermandois. Wieder wurde der Angriff zurüpckgeschlagen, dieses Mal allerdings mit schweren Folgen für das Verhältnis der Brüder Lothar und Karl: Karl war 23 Jahre alt und Lothar konnte ihn nicht mit irgendeiner Herrschaft betrauen. Er hatte schlicht nichts, mit dem er Karl angemessen belehnen konnte. Daher wollte sich Karl selbst etwas erobern, eben (Nieder-)Lothringen. Emma, Lothars Gemahlin, intrigierte offenbar zusätzlich dagegen, dass Karl eine eigene Herrschaft bekam (sie woltle wohl, dass für ihre Kinder auch noch genügend übrig blieb), woraufhin Karl das Gerücht in Umlauf setzte, Emma habe eine Affäre mit Bischof Adalbero von Laon gehabt, den Lothar genau zu dieser Zeit zum Bischof erhoben hatte. Adalbero war zuvor Kanzler Lothars gewesen und außerdem der Neffe des mächtigen Erzbischofs Adalbero von Reims (in Unterscheidung zu seinem Onkel wurde Adalbero von Laon auch Ascelin genannt, was die Verkleinerungsform von "Adalbero" darstellt...). Die Gerüchte wurden widerlegt (in den 980er Jahren sogar auf einem Konzil bei Reims), aber das Tuch zwischen Karl und Lothar war damit wohl auch von Lothars Seite her durchschnitten.
Kaiser Otto II. machte daraufhin einen genialen Schachzug: Er ernannte die Söhne Reginars IIII. zu Grafen von Hennegau, gab ihnen also genau das, wofür sie zuvor gekämpft hatten, vor allem aber ernannte er Karl zum Herzog von Niederlothringen. Lothar war beispiellos brüskiert: Was er den Söhnen des Grafen des Hennegau und sogar seinem eigenen Bruder nicht ermöglichen konnte, das gab der ostfränkische Kaiser großzügig. Regniar IV. und Lambert sowie Karl, der in Zukunft "von Niederlothringen" genannt wurde, gehörten ab 977 zu getreuen Gefolgsleuten des ostfränkischen Kaisers, Lothar hatte Niederlothringen erst einmal verloren. Und Otto II. im westfränkischen König einen erbitterten Feind gewonnen.
978 versuchte Lothar, Otto II. und dessen Gattin Theophanu gefangen zu nehmen, was ganz knapp scheiterte, aber Otto II. nun seinerseits zu einem gnadenlosen Feind Lothars machte: Otto startete postwendend einen Rachefledzug gegen Lothar, in dessen Verlauf Otto bis vor Paris rückte (das von Hugo Capet erfolgreich verteidigt wurde) und alles zwischen Paris und Lothringen zerstörte: Compiegne, Attigny, Laon, die Gegend zwischen Reims und Laon. Obwohl Lothar während Ottos Rückmarsch nach Lothringen noch die Nachhut von Ottos riesigem Heer besiegen konnte, muss von einem großartigen Sieg Ottos gesprochen werden. Otto hat vielleicht sogar in die Wege geleitet, Karl von Niederlothringen zum Gegenkönig im Westfrankenreich zu machen, aber über Pläne ging dieses Vorhaben wohl nicht hinaus. Lothars Pläne, Lothringen wieder in westfränkische Hände zu bringen, waren aber endgültig gescheitert.
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18.04.2015, 12:44
Beitrag: #5
RE: Das Ende der (Westfränkischen-)Karolinger
Angesichts der Niederlage gegen Otto II. und Karl von Niederlothringen leitete Lothar eine neue Phase seiner Politik ein: Er ließ seinen Sohn Ludwig zum Mitkönig krönen - erstmalig für einen westfränkischen König - und verwöhnte sich mit Otto II., der seine Italienpläne verwirklichen wollte und Ruhe an der westfränkischen Front brauchte.
Hugo Capet witterte Unheil - er war von dem Treffen Lothars, Ludwigs und Ottos nicht unterrichtet worden - und eilte seinerseits 981 nach Italien, um zusammen mit Otto und dessen Familie Ostern zu feiern. Hugo kehrte als Verbündeter Ottos zurück nach Franzien...
983 starb Otto II. überraschend und die Karten wurden neu gemischt: König Lothar und Heinrich der Zänker beanspruchten beide als Neffen Ottos I. die Vormundschaft über Otto III. Heinrich wollte selber König des Ostfrankenreiches werden, Lothar glaubte einen Weg gefunden zu haben, doch noch in den Besitz Lothringens zu kommen. Reginar IV. und Lambert von Hennegau sowie Karl von Niederlothringen hatten sich auf Lothars Seite geschlagen, nachdem ihr Lehensherr und Patron Otto II. ja weggefallen war.

Als Heinrich der Zänker jedoch die Gelegenheit für eine Allianz zwischen ihm und Lothar hatte verstreichen lassen, setzte Lothar auf die militärische Karte. Viel mehr als die wiederholte Besetzung Verduns gelang Lothar aufgrund seiner beschränkten finanziellen Möglichkeiten nicht, aber bei dieser Gelegenheit konnte er Gottfried von Verdun gefangen nehmen, den Bruder Erzbischof Adalberos von Reims (und damit Onkel Ascelins von Laon), der Lothringen erfolgreich gegen die Reginar-Söhne Reginar IV. und Lambert sowie gegen Karl von Niederlothringen verteidigt hatte.
In Oberlothringen, zu dem Verdun gehörte, herrschte aber nach wie vor Beatrix, die Witwe des 983 gestorbenen Herzogs und Schwester Hugo Capets (!). Auch aus dem Ostfrankenreich konnte Lothar keine Unterstützung mehr erwarten, denn Heinrich der Zänker hatte sich mit Mutter udn Großmutter Ottos III. versöhnt (unter Vermittlung von Beatrix von Oberlothringen...). Der Kampf um Lothringen war für König Lothar endgültig aussichtslos geworden, er scheint ihn aber trotzdem nicht aufgegeben zu haben, starb aber 986 mit 44 Jahren. Sein 19jähriger Sohn Ludwig (V.) übernahm, da er ja ohnehin schon Mitkönig war, problemlos die Nachfolge.
Ein einziges Jahr regierte Ludwig V. noch selbstständig, dann starb auch er an den Folgen eines schweren Jagdunfalls. In diesem Jahr war es allerdings hoch hergegangen im Westfrankenreich. Ludwigs Mutter Emma - die ja Ottonin war - und sein Onkel Karl von Niederlothringen hatten beide versucht, Einfluss auf Ludwig V. zu nehmen. Emma wollte im Bunde mit Hugo Capet und Erzbischof Adalbero von Reims ein Ende der aggressiven Lothringenpolitik und eine Aussöhnung mit Otto III., während Karl von Niederlothringen vor allem wollte, dass seine alte Erzfeindin Emma keinen Einfluss auf den König hatte. Ludwig griff Adalbero von Reims an und brach nicht nur mit seiner Mutter, sondern auch mit seiner Großmutter, Kaiserin Adelheid, der Mutter Ottos II. Ludwig hätte Adalbero vielleicht besiegt - eine Belagerung von Reims konnte Adalbero nur mit Mühe überstehen - starb aber, bevor seine Politik irgendwelche längerfristigen Folgen hätte haben können. Ludwigs Beiname "der Nichtstuer" relativiert sich von daher.

Nun war Karl von Niederlothringen der letzte karolingische Thronanwärter, was aber weder von Adalbero von Reims noch von Hugo Capet gewünscht war. Folgerichtig wurde auf Betreiben Adalberos Hugo zum neuen König des Westfrankenreichs gewählt und gekrönt.
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18.04.2015, 13:13
Beitrag: #6
RE: Das Ende der (Westfränkischen-)Karolinger
Mit Hugo Capet hatte eine neue Dynastie die Herrschaft im späteren Frankreich übernommen, aber noch waren die Karolinger nicht ganz untergegangen: Karl von Niederlothringen wollte sich seinen Thron nicht ohen Gegenwehr wegnehmen lassen. Die Wahl Hugo Capets war handstreichartig erfolgt, die Großen des Reichs waren gespalten in Anhänger Hugos und in Anhänger Karls von Niederlothringen, der an sich die besseren Erbfolgeargumente hatte. Die Abwehr von Karls Ansprüchen und die Geteiltheit der Großen sind wohl auch die Gründe dafür, dass Hugo, der mächtigste Fürst des Reichs, als König relativ schwach war.
Die noch von Ludwig in Compiegne einberufene Versammlung der Großen, die eine Verurteilung Adalberos von Reims bewirken sollte, wurde unter Hugos Vorsitz vertagt und nach Senlis einberufen. Hier rechtfertigte Hugo seine Thronfolge mit interessanten Argumenten: Karl sei nicht klug genug für das Königsamt, überdies nicht standesgemäß verheiratet (mit einer Tochter Hugo Capets nämlich...) und dazu noch Lehensmann des ostfränkischen Königs. So langsam war das Bewusstsein, dass Ost- und Westfrankenreich Teilreiche des Fränkischen Reichs waren, geschwunden, verstanden sich die ehemaligen Reichsteile als eigenständige Reiche. Der Weg zu einem Frankreich und einem Deutschland war schon zu einem Großteil gegangen...
Hugo berief sich also NICHT darauf, selber einem königswürdigen Geschlecht zu entstammen -die Robertiner hatten ja tatsächlich schon Könige des Westfrankenreiches gestellt - sondern darauf, der fähigste Thronanwärter zu sein. Er machte sich auch gleich daran, seine Dynastie zu festigen, indem er seinen Sohn Robert schon 987 zum Mitkönig erhob.

Karl von Niederlothringen ließ sich das nicht gefallen: Er nahm die Königsstadt Reims sowie Laon ein. Sein gerade und durchaus nicht ohne Erfolgsaussichten begonnener Kampf um den Thron wurde aber abrupt beendet, als ausgerechnet Bischof Adalbero (Ascelin) von Laon Karl in den Rücken fiel, indem er nachts die Tore von Laon für Hugos Truppen öffnen ließ.
Zuvor hatte Karl Laon eingenommen und dabei die Königsmutter Emma und Ascelin gefangen genommen. Ascelin konnte entkommen, versöhnte sich mit Karl und wurde von diesem erneut als Bischof von Laon eingesetzt. Dass Ascelin dann aber Karl seinem Feind auslieferte, trug Ascelin den Ruf als Vetulus traditor (alter Verräter) ein. Unter diesem Beinamen ist er in der französischen Geschichtsschreibung bekannt. 993 machte er diesem Beinamen noch einmal alle Ehre, als er Hugo Capet und dessen Sohn Robert an Otto III. verraten wollte. Er scheiterte und wurde als Bischof endgültig abgesetzt. Er lebte noch bis 1030 oder 1031.

Karl wurde im Schlaf überrascht und mitsamt seiner Familie gefangengenommen. Er starb in der Haft in Orleans.
Sein Sohn Otto wurde von Kaiser Otto III. zum Herzog von Niederlothringen eingesetzt, das damit (vorerst) endgültig zum Ostfrankenreich gehörte. Der "letzte Karolinger" war treuer Gefolgsmann Kaiser Ottos III. und gehörte zu den Adligen, die dessen Leichnam zurück ins Reich brachten. Danach brechen die Nachrichten über Otto von Niederlothringen ab. Er muss wohl kinderlos gestorben sein, denn sein Nachfolger unter König Heinrich II. war Gottfried II., jener Gottfried von Verdun, der 985 von König Lothar gefangen genommen worden war und erst unter Hugo Capet wieder befreit werden konnte (daher auch sein Beiname "Gottfried der Gefangene") und der der Bruder von Adalbero von Reims war.

Mit dem Tod Ottos von Niederlothringen waren auch die westfränkischen Karolinger endgültig ausgestorben (auch wenn z.B. in dfer Dynastie Vermandois immer noch karolingische Zweigfamilien existierten) und meine kleine Reihe kann damit ihr Ende finden. Ich schließe damit aber nicht aus, dass der Thread noch weitergeführt wird, bitte sogar darum, dass ihr noch Ideen oder Fragen bringt, denn alle Aspekte konnte ich natürlich nicht berücksichtigen.

Meine Hauptquelle war ein Werk der Herausgeber Joachim Ehlers, Heribert Müller und Bernd Schneidmüller mit dem Titel "Die französischen Könige des Mittelalters 888-1498", erschienen 1996 bei C.H.Beck und noch einmal 2006 in der Beck´schen Reihe.
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18.04.2015, 22:04
Beitrag: #7
RE: Das Ende der (Westfränkischen-)Karolinger
Erst einmal ein großes Lob für die umfangreiche Ausarbeitung. Natürlich möchte ich auch Deine Aufforderung zur Mitarbeit bzw. Diskussion nachkommen. Beginnen möchte ich mit der Frage, wann der letzte westfränkische Karolinger starb?

Dazu gibt es unterschiedliche Ansichten. Fest steht, dass 1021 mit dem Tod von Arnulf, Erzbischof von Reims, der letzte, allerdings illegitime männliche Karolinger starb. Arnulf war ein unehelicher Sohn des westfränkischen Königs Lothar, der bereits vor der Eheschließung Lothars mit Emma von Italien (966) geboren war. Aufgrund seiner nichtehelichen Herkunft wurde er für die kirchliche Laufbahn bestimmt. 988 wurde er als Nachfolger von Adalbero von Reims Erzbischof von Reims. 991 unterstützte Arnulf seinen Onkel Karl von Niederlothringen, mit dem er in Gefangenschaft geriet. Ebenso verlor er sein Amt als Erzbischof an Gerbert von Aurillac, dem damaligen Erzieher Ottos III und früheren Erzieher von Adalbero von Laon. Nachdem Gerbert von Aurillac mit Ottos Hilfe 999 Papst (Silvester II.) wurde, sorgte er dafür, dass Arnulf begnadigt wurde und wieder als Erzbischof von Reims eingesetzt wurde. Dies blieb Arnulf dann bis zu seinem Tod.

Karl von Niederlothringen muss spätestens 993 in der Gefangenschaft in Orleans verstorben sein. Genaues ist nicht bekannt, aber es hat während der Herrschaft von Hugo Capet immer oppositionelle Adlige gegeben, die für eine karolingische Restauration kämpften. Aber um 993 setzten sie sich anstatt für Karl für die Rechte von dessen (ebenfalls inhaftierten) jüngsten Sohn Ludwig ein. Dessen weiteres Schicksal ist auch ungewiss. Es gibt Angaben, die seinen Tod für 993 bzw. nach 993 annehmen, aber es gibt auch Thesen für 1012 und 1023. Ähnlich undurchsichtig ist es mit dem Todesdatum seines älteren Bruders Otto, der oft als letzter männlicher Karolinger geführt wird. Er soll von 991 bis 1005 oder 1012 als Herzog von Niederlothringen fungiert haben. Sollte er 1005 verstorben sein, ist es durchaus vorstellbar, dass ihm sein jüngerer Bruder Ludwig folgte, der dann 1012 starb oder ins Kloster ging, wo er 1023 verstarb. Historisch gesichert ist nur, dass im Jahr 1012 der ostfränkisch-deutsche König Heinrich II. Herzog Gottfried von Oberlothringen auch mit Niederlothringen belehnte. Dieser Gottfried war ein Sohn von Gottfried von Verdun und somit ein Angehöriger der Wigeriche (Ardennen-Grafen). Er entstammte also der gleichen Familie wie die Erzbischöfe Adalbero I. und Adalbero II. von Metz, Adalbero von Reims und Adalbero von Laon. Die Wigeriche mussten sich jedoch mit der Rivalität der Grafen von Löwen (Reginare) auseinandersetzen, die sich als natürliche Erben der Karolinger ansahen. Ihren Anspruch begründeten sie von ihrer Abstammung von Gerberga, der älteren Schwester von Otto und Ludwig von Niederlothringen bzw. Tochter von Karl von Niederlothringen, die mit Lambert den Bärtigen, Graf von Löwen verheiratet war. Ironie der Geschichte ist natürlich, dass 1247 mit Heinrich dem Kind, Herzog von Brabant ein Nachfahre Lamberts und Gerberga, somit ein Nachkomme der westfränkischen Karolinger erster Landgraf von Hessen wurde und somit wieder über ein Gebiet herrschte, dass bereits von Karl den Großen beherrscht wurde.

Die Grafen von Vermandois waren eine Nebenlinie der Karolinger. Sie stammten von Karl des Großen Sohn Pippin (Karlmann) von Italien ab, dessen Sohn Bernhard 818 von Ludwig den Frommen geblendet wurde. Deshalb betrachteten sich die Nachkommen Bernhards nicht mehr als Karolinger, sondern als eigenständige Familie. Sie führten in Konkurrenz zu den Karolingern und Robertinern/Kapetingern den Titel „comes (francia)“, anstatt „rex“ oder „dux“. Offiziell beanspruchten sie damit den dritten Rang im Westfrankenreich, tatsächlich betrachteten sie sich den Karolingern und Kapetingern als gleichwertig. Der vorletzte männliche Vertreter Heribert IV. starb um 1080. Er hinterließ einen geisteskranken Sohn, der um 1085 verstarb und eine Erbtochter Adelaide, die Hugo, den jüngeren Sohn des französischen König Heinrich I. heiratete. Hugo von Vermandois war einer der Führer des (für ihn tödlich endenden) Kreuzzuges von 1101. Seine Nachkommen aus der Ehe mit Adelaide werden kapetingische Vermandois genannt. Diese Linie erlosch 1214.

P.S.:Der zweite Teil dieser Ausarbeitung wird bald folgen.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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19.04.2015, 12:16
Beitrag: #8
RE: Das Ende der (Westfränkischen-)Karolinger
(18.04.2015 22:04)Sansavoir schrieb:  Herzog Gottfried von Oberlothringen auch mit Niederlothringen belehnte. Dieser Gottfried war ein Sohn von Gottfried von Verdun

Richtig, hatte ich überlesen.
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19.04.2015, 14:08
Beitrag: #9
RE: Das Ende der (Westfränkischen-)Karolinger
Nun zum zweiten Teil meiner Ausführungen.

Eine interessante, letztlich tragische Figur im Zusammenhang mit den von Chris beschriebenen Ereignissen war die westfränkische Königin Emma von Italien. Sie wird oft als ottonisch bezeichnet, aber sie war genau genommen keine Ottonin. Emma war natürlich die Halbschwester Ottos II., dies aber durch ihre Mutter Adelheid von Hochburgund, die in ihrer zweiten Ehe mit Otto I. verheiratet war. Obwohl Otto I. nur Emmas Stiefvater – jedoch m.E. nicht ihr Adoptivvater - war, hatte sie eine ganz wichtige Rolle in der Familien- und Bündnispolitik der Ottonen zu erfüllen. Dies hing sowohl von ihrer väterlichen als auch mütterlichen Herkunft ab, auf die ich hier kurz eingehen möchte. In einigen Fällen gibt es unterschiedliche Angaben zu den Lebensdaten oder zum Verwandtschaftsgrad, ich habe mich jeweils für die meines Erachtens glaubwürdigste Variante entschieden. Bei den Eigennamen bemühte ich mich, eine genaue Unterscheidung der Personen zu gewährleisten.

Herkunft

Emma stammte aus Adelheids erster Ehe mit Lothar von Italien, dem Sohn Hugo von Arles, aus der aus Niederburgund (Arelat) stammenden Familie der Bosoniden. Diese Bosoniden, die familiär eng mit den Buviniden verbunden waren, stiegen unter dem westfränkischen König Karl II., den Kahlen politisch auf. Benannt wurden die Bosoniden nach Boso von Arles († 855), dessen Kinder bereits zu den bedeutendsten Mitgliedern dieser zwischen 879 und 956 mächtigen Doppelfamilie zählten. Boso von Arles hatte vier historisch belegbare Kinder: Theutberga (um 830/835–869), die kinderlose Ehefrau Lothars II. von Lotharingien, und ihr Bruder Hucbert (um 825/30–864), der als Straßenräuber erschlagene Laienabt von Saint Maurice, deren Schicksal ich im 4. Teil genauer behandeln werde. Ein weiterer, wahrscheinlich der älteste Bruder war Boso von Vienne (820–874), der vor allem bekannt wurde, weil ihm seine Ehefrau mit ihrem Liebhaber durchbrannte und danach beim Papst ihre Ehescheidung erzwingen wollte, die ihr jedoch verweigert wurde. Das vierte Kind des Boso von Arles war seine Tochter Richildis von Arles (* 810/815), die mit Buvin von Amiens († 862), des Grafen von Metz und Laienabt von Görze sowie Namensgeber der Buviniden verheiratet war.

Die 1. Generation der Buviniden

Aus der Ehe von Richildis und Buvin entstammten mehrere Kinder darunter Richildis von Amiens (845–910), die die zweite Gemahlin des westfränkischen Königs und späteren Kaisers Karl II. (der Kahle) wurde. Richildis hatte zwei politisch bedeutende Brüder: Boso von Niederburgund - auch Boso von der Provence oder Boso von Vienne - (* um 830; † 887) und Richard der Gerichtsherr (* um 850; † 921). Boso von Niederburgund herrschte von 879 bis 887 als erster nichtkarolingischer Herrscher in Niederburgund (Provence). Er verstieß seine erste Ehefrau Willa von Hochburgund, um die Karolingerin Irmengard (* um 850/855; † 895/896), einzige Tochter Kaisers Ludwig II., zu heiraten und sich so als Erbe der Karolinger im Königreich Italien zu legitimieren. Bosos Sezession vom Westfrankenreich wurde zwar von Karls II. Söhnen bekämpft, ebenso stellte sich sein Bruder Richard der Gerichtsherr gegen ihn. Trotzdem konnte sich Boso als unabhängiger Herrscher durchsetzen.

Sein Bruder Richard der Gerichtsherr erwies sich dagegen stets als königstreu, sowohl gegenüber Karls II. Söhne, Karl III., den Dicken, Odo von Paris und auch gegenüber Karl III., den Einfältigen, der ihn zuerst als Markgrafen, später (um 918) zum Herzog von Burgund erhob. Dieses Herzogtum Burgund entsprach etwa der heutigen Region Burgund. Richard war mit der Welfin Adelheid verheiratet, deren Bruder Rudolf 888 das unabhängige Königrich Hochburgund begründete. Hochburgund umfasste die heutige Franche-Comte und die heutige Westschweiz, sowie Teile der heutigen Zentralschweiz und das Aostatal in Italien. Nach dem Aussterben der burgundischen Welfen oder Rudolfinger konnte dieses Reich 1032 durch Konrad II. an das Heilige Römische Reich angeschlossen werden. Aber das ist letztlich ein anderes Thema.

Die Nachkommen von Richard den Gerichtsherren

Aus der Ehe von Richard und Adelheid entstammten mehrere Kinder, darunter die Söhne Rudolf (885/890–936), Hugo (um 890–952) und Boso ((890/895–935) und die Tochter Irmengard . Rudolf folgte seinem Vater 921 als Herzog von Burgund. Er war mit Emma verheiratet, einer Tochter Roberts I. bzw. einer Nichte Odos von Paris. Robert (866–923) konnte 922 die westfränkische Königsmacht usurpieren, allerdings fiel er 923 in der Schlacht von Soissons. Roberts Nachfolger als König wurde dann nicht sein Sohn Hugo Magnus (895–956), der es vorzog, als starker zweiter Mann im Hintergrund zu wirken, sondern sein Schwiegersohn Rudolf von Burgund, der als westfränkischer König Rudolf I. bis zu seinem Tod im Jahr 936 herrschte. Der 922 entmachtete Karl III., der Einfältige, lebte bis zu seinem 929 erfolgten Tod in Gefangenschaft des Grafen von Vermandois. Rudolf I. erwies sich als starker Herrscher, deshalb entschied sich 936 der Königsmacher Hugo Magnus nicht für Rudolfs Bruder Hugo den Schwarzen, sondern für den im englischen Exil lebenden einzigen Karolinger Ludwig IV., den Outremer (Überseeischen), den einzigen Sohn Karls III., des Einfältigen. Damit begann das letzte Kapitel in der Geschichte der westfränkischen Karolinger.

König Rudolf I. hatte keine Erben, sein Sohn Ludwig starb vor ihm, deshalb wurde er von seinem Bruder Hugo den Schwarzen beerbt. Hugo der Schwarze war ein starker Herzog von Burgund, der klug zwischen den rivalisierenden Karolingern und Robertinern taktierte. Der dritte Bruder Boso von Burgund - auch Boso von Perthois oder Boso von der Provence - war offiziell der erste Graf der Provence. Politisch agierte er als Führer der westfränkischen Partei in Niederlothringen, wo er sich als Gegner des ostfränkischen Königs Heinrich I. und des Herzogs Giselbert von Lothringen behauptete. Nach seinem Tod im Jahr 935 fielen seine Besitzungen an seinen älteren Bruder Hugo, der sich seitdem auch Markgraf der Provence nannte. Hugo der Schwarze verstarb 952 ebenfalls kinderlos. Sein direkter Erbe war sein Schwager Giselbert von Chalon († 956), der mit Hugos Schwester Irmengard verheiratet war und dessen Mutter eine Tochter aus Bosos von Niederburgund erster Ehe gewesen sein soll. Seine kurze Herrschaft über Burgund war vor allem geprägt vom Konflikt mit Hugo Magnus. Giselbert von Chalon war jedoch ein geschickter und um Frieden bemühter Politiker. Er verheiratete seine ältere Tochter Liutgard mit Odo, dem mittleren Sohn von Hugo Magnus, der ihm 956 als Herzog von Burgund folgte. Einen Teil des Herzogtums Burgund überließ Giselbert seiner jüngeren Tochter Adelaide, die mit Robert von Vermandois verheiratet wurde. Aus diesem Gebiet, der Grafschaft Troyes und der bereits im Besitz der Vermandois befindlichen Grafschaft Meaux wurde die Grafschaft Champagne gebildet, die 1026 an das Haus Blois überging.

Infolge des Ablebens von Ludwig IV. (954), Hugo Magnus (956), aber auch infolge des Ablebens von Hugo den Schwarzen (952) und von Giselbert von Chalon (956) fielen wichtige westfränkische Politiker aus. Dies ermöglichte dann die Regentschaft der ottonischen Geschwister Gerberga, Hadwig und Brun von Köln. Aber darüber werde ich im 4. Teil meiner Ausführung schreiben.

Die Nachkommen des Bosos von Niederburgund

Kehren wir zu Boso von Niederburgund, dem älteren Bruder von Richard den Gerichtsherren zurück. Nach seinem Tod im Jahr 887 musste sich seine Witwe Irmengard und ihr gemeinsamer, noch minderjähriger Sohn Ludwig (881–928) – später der Blinde genannt - sich dem Schutz Kaisers Karl III., des Dicken unterstellen, der den Bosoniden Ludwig sogar adoptierte. Allerdings wurde Karl III. noch im Jahr 887 entmachtet, so dass sich Irmengard und Ludwig dem Schutz Arnulf von Kärnten anvertrauen mussten. Arnulf war Ludwigs Vormund und Lehnsherr sowohl für Niederburgund als auch (Ober-)Italien. 900 wurde Ludwig zum König der Langobarden und zum Kaiser – Ludwig III. - gekrönt. Er wird den so genannten italienischen Nationalkönigen zugeordnet. Allerdings musste sich Ludwig der Konkurrenz Berengars I. von Friaul erwehren.

Berengar I., Markgraf von Friaul (840–924) war ein italienischer Magnat, der sich sowohl der Konkurrenz der Widonen (Herzöge von Spoleto), als auch den Ansprüchen des ostfränkischen Königs Arnulf erfolgreich widersetzen konnte. Seine Mutter war Gisela, eine Tochter Ludwigs des Frommen und somit Schwester von Lothar I., Ludwig den Deutschen und Karl II. den Kahlen. Sein Vater war Eberhard von Friaul aus dem Geschlecht der Unruochinger, einem ursprünglich in Nordfrankreich ansässigen Geschlecht, das seit dem 9. Jahrhundert in Italien mächtig und begütert wurde. Berengar I. von Friaul besiegte schließlich im Jahr 905 seinen Gegner Ludwig III., den er blenden ließ und aus Italien vertrieb. Berengar herrschte seitdem bis zu seiner Ermordung im Jahr 924 als König von Italien und 915 ließ er sich zum Kaiser krönen. Während sich die Widonen, Ludwig III. und Berengar I. als Kaiser in der Nachfolge Karl des Großen sahen, betrachtete sich zwar der nächste Kaiser Otto I. als Nachfolger Karl des Großen, aber nicht als Nachfolger der nichtkarolingischen Kaiser. Aus diesem Grund gilt Ottos I. Krönung zu Kaiser am 2. Februar 962 als Geburtsstunde des Heiligen Römischen Reiches und nicht Karls des Großen Krönung zum Kaiser am 25. Dezember 800.

Der geblendete Ludwig kehrte in die Provence zurück, wo er nominell noch Herrscher blieb. Aber als Blinder galt er als regierungsunfähig und die Regentschaft wurde auf Hugo von Arles übertragen. Ludwig der Blinde war mit Anna von Byzanz († 912/936) verheiratet, ihr gemeinsamer minderjähriger Sohn Karl Konstantin (* 901, † nach 962) musste sich jedoch mit der Grafschaft Vienne begnügen. Im Januar 962 musste er zugunsten Ottos I. auf etwaige Ansprüche auf das Kaisertum verzichten. Der Lebenslauf der Anna von Byzanz ist nicht gesichert. Sie soll eine Tochter Leos VI. gewesen sein und wurde möglicherweise 906 von ihren regierungsunfähigen, blinden Mann geschieden. Entweder starb sie 912 als Nonne oder sie starb erst 936, nachdem sie 914 Berengar I. von Friaul geheiratet hatte. Bisher konnte nicht geklärt werden, ob es sich um eine oder zwei byzantinische Frauen namens Anna handelte.

Hugo von Arles

Hugo von Arles (* um 885; † 947) – auch Hugo von Vienne oder Hugo von der Provence - war ein Enkel des bereits oben genannten Laienabtes Hucbert von Saint Maurice († 864) und somit auch Großneffe Theutbergas, der kinderlos gebliebenen Gattin Lothars II. Seine Eltern waren Hucberts Sohn Theobald von Arles († um 895) und Berta von Lotharingien (863–925). Beide hatten zwei Söhne (Hugo, Boso) und eine Tochter. Bertas Eltern waren Lothar II. (835–869) und dessen von der Kirche nicht anerkannte Friedelfrau Waldrada († 870/875). Über das Schicksal ihres Bruders Hugo von Lotharingien (Hugo von Elsass) habe ich bereits eine Kurzbiografie geschrieben, doch werde ich darauf im 4. Teil meiner Ausführung zurückkommen müssen. Hugos Mutter Berta heiratete nach dem Tod ihres ersten Mannes Theobald von Arles Adalbert II., den Markgrafen von Tuszien. Aus dieser Ehe sind drei weitere Kinder bekannt.

Hugo von Arles gilt als bedeutendster Bosonide. Er herrschte bereits seit 905 als Regent von Niederburgund und bekämpfte Berengar von Friaul in Italien. Während Berengar sich nicht scheute, auf ungarische Hilfe zu setzen, verband sich Hugo mit den Arabern. Beide Herrscher störte es nicht, dass sie damit die Raubzüge der Ungarn bzw. der Araber gegen die italienische Bevölkerung unterstützten. Nach der Ermordung Berengars konnte sich Hugo als König von Italien durchsetzen, allerdings musste er sich der Gegnerschaft Rudolfs II. von Hochburgund stellen. 928 (endgültig 933) einigten sich beide Herrscher, Hugo wurde Italien überlassen und Niederburgund ging an Hochburgund. Die Ansprüche Ludwigs des Blinden bzw. seines Sohnes Karl Konstantin auf Niederburgund und Italien wurden übergangen.

Hugo von Arles war insgesamt viermal verheiratet. Seine erste Ehe schloss er 912 mit Willa von Niederburgund (* um 870; † 926), Tochter Bosos von Niederburgund aus dessen erster Ehe und Witwe Rudolfs I. von Hochburgund. Willa von Niederburgund war die Mutter von Rudolf II. von Hochburgund, mit dem Hugo zwischen 924 und 928 um die Herrschaft in Italien kämpfte. 927 heiratete er Alda († 931/932), deren Familienherkunft nicht bekannt ist. Aus dieser Ehe stammen Lothar (927/930–950) und Alda die Jüngere. Lothar war der erste Ehemann der Adelheid von Hochburgund und Vater der Emma von Italien. Alda die Jüngere war mit Alberich II. von Spoleto verheiratet, der wiederum ein Sohn der berüchtigten Senatrix Marozia (* um 890/895) aus deren erster Ehe mit Alberich I. von Spoleto war. Alda die Jüngere und Alberich II. waren die Eltern des späteren Papstes Johannes XII., der am 2. Februar 962 Otto I. zum Kaiser krönte. In den deutschen Geschichtsbüchern wird natürlich häufig verschwiegen, dass gerade dieser Johannes XII. 964 von einem gehörnten Ehemann erschlagen wurde.

932 heiratete Hugo die Witwe seines Halbbruders Guido von Tuszien († 929), Marozia, die bereits als Teenager Geliebte des Papstes Sergius III. war und danach mit Alberich I. von Spoleto verheiratet wurde. Da sie die Handlung mehrerer Päpste kontrollierte, galt Marozia als die faktische Herrscherin von Rom. Zum Zeitpunkt ihrer Eheschließung war ihr Sohn als Johannes XI. Papst. 936 (oder 937) starb sie. Bereits um 931 ließ Hugo einen weiteren Halbbruder, Lambert von Tuszien († 938), blenden, der so regierungsunfähig gemacht wurde. Die Markgrafschaft Tuszien übertrug er seinen Bruder Boso († 936). Dieser Boso von Tuszien war ursprünglich in Arles und Avignon begütert, die Gebiete übertrug er an seinen Schwiegersohn, den Buviniden Boso von der Provence (895–935). Nach dem Tod von Boso von Tuszien übertrug Hugo seinem unehelichen Sohn Hucbert/Humbert/Hubert die Markrafschaft Tuszien. Dessen Sohn Hugo der Große war ein loyaler Anhänger der Ottonen, er verstarb 1001 als letzter Bosonide.

Ende 937 heiratete Hugo von Arles zum vierten Mal. Seine Ehefrau war Bertha von Schwaben (um 905–966), Witwe von Rudolf II. von Hochburgund (890/900–937) und Mutter der Adelheid von Hochburgund. Faktisch heiratete Hugo die Witwe seines Stiefsohnes bzw. die Schwiegertochter seiner ersten Ehefrau. Bereits 933 wurden erste Vereinbarungen eines Eheprojekts zwischen Lothar von Italien und Adelheid von Hochburgund beschlossen, die 937 bestätigt worden sind. 946/947 wurden schließlich Lothar und Adelheid vermählt. Hugo hatte bereits seinen Sohn Lothar 931 zum Mitkönig krönen lassen. Deswegen muss es für den meist skrupellos agierenden Hugo ein herbe Enttäuschung gewesen sein, als Lothar sich gegen ihn stellte und seinen Gegner Berengar II., Markgraf von Ivrea – einen Enkel von Berengar I., Markgrafen von Friaul – unterstützte. Jedenfalls endete Hugos Herrschaft über Italien 946, 947 verstarb er. Lothar konnte sich aber nicht als selbstständiger Herrscher behaupten. Er stand unter der Kontrolle von Berengar von Ivrea, der ihn möglicherweise 950 vergiften ließ. Adelheid und ihre Tochter Emma (* 948) wurden gefangen gesetzt und 951 von Otto I. befreit. Dies geschah wohl nicht aus romantischen Gründen, sondern aus politischem Kalkül.

Sicher habe ich mich mit dieser Ausarbeitung vom Westfrankenreich etwas entfernt, aber sowohl die von Chris beschriebenen Ereignisse im Westfrankenreich, diese - mehr auf Italien und dem Südosten des Westfrankenreichs angelegte Ausarbeitung und alle Ausarbeitungen im Zusammenhang mit der Schlacht auf dem Lechfeld von 955 bzw. zur Politik der Ottonen sind in einen Zusammenhang zu sehen.

So das war der 2. Teil von insgesamt 4 geplanten Teilen.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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19.04.2015, 14:12
Beitrag: #10
RE: Das Ende der (Westfränkischen-)Karolinger
Die Geschichte vom Aufstieg der Robertiner ist nicht zu trennen von der Geschichte der Karolinger seit Ludwig dem Frommen: Ludwigs erste Ehefrau war Irmingard / Ermengard, und die war Robertinerin! Alle Nachkommen Ludwigs mit Ausnahme Karls des Kahlen waren somit halbe Robertiner.
Die enge Verwandtschaft der damaligen Robertiner und Karolinger zeigt sich auch darin, dass, als Bernhard von Italien unterworfen werden sollte, nicht nur Ermengards Söhne Ludwig ("der Deutsche"), Pippin (König von Aquitanien) und Lothar (der spätere Kaiser Lothar I.) in den Kampf zogen, sondern auch die Grafen Bedo und Adalhard von Paris - und das waren Robertiner.
Adalhard von Paris gab Karl dem Kahlen seine Nichte Irmentrud zur Frau (schon der Name Irmentruds legt eine Verwandtschaft zu Irmengard, Frau Ludwigs des Frommen, nahe). Somit waren die Robertiner also auch mit den von Ludwig dem Frommen und der Welfin Judith abstammenden Karolingern verbunden.
Dass Robert der Tapfere, der Ahnherr der "klassischen" Robertiner (also der späteren Kapetinger) einen so fulminanten Aufstieg hinlegen konnte, dass zwei seiner Söhne, nämlich Odo und Robert (I.) Könige des westfränkischen Reichs werden konnten, hängt unmittelbar mit der Verschwägerung der Robertiner mit den Karolingern eine bzw. zwei Generationen vorher zusammen.
Begonnen hat die Verschwägerung von Robertinern und Karolingern aber wohl schon unter Karl Martell: Dessen Frau Rotrud war über ihre Mutter, die den Widonen Liutwin (den Heiligen) heiratete, eine halbe Robertinerin, Chrodegang von Metz war der Bruder dieser Rotrud und Neffe Roberts I., dem Ururgroßvater von Robert dem Tapferen.
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19.04.2015, 21:01
Beitrag: #11
RE: Das Ende der (Westfränkischen-)Karolinger
Vielen Dank für Eure tollen Beiträge.

Wenn ich hier noch eine Zwischenfrage anbringen darf.
Kann man es tatsächlich so sehen, wie es zB der Ploetz schreibt, dass Capet die Westfränkischen Karolinger ausgemordet hat, wie Anjou die Staufer?
Wenn es so war,
handelt es sich um eine öfter praktizierte Lösung von Rechtsstreitigkeiten unter kokurrierenden Dynastien im MA?

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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20.04.2015, 00:03
Beitrag: #12
RE: Das Ende der (Westfränkischen-)Karolinger
(19.04.2015 21:01)Suebe schrieb:  Vielen Dank für Eure tollen Beiträge.

Wenn ich hier noch eine Zwischenfrage anbringen darf.
Kann man es tatsächlich so sehen, wie es zB der Ploetz schreibt, dass Capet die Westfränkischen Karolinger ausgemordet hat, wie Anjou die Staufer?
Wenn es so war,
handelt es sich um eine öfter praktizierte Lösung von Rechtsstreitigkeiten unter kokurrierenden Dynastien im MA?

Das Vorgehen von Karl von Anjou gegen die Staufer war nicht ungewöhlich.
Die öffentliche Hinrichtung des erst sechzehnjährigen Konradins sollte Karls bzw. die Stellung des Papsttums festigen. Die Söhne Manfreds mussten dann rund 40-50 Jahre in Einzelhaft leben.

Die frühen Karolinger schickten ihre Rivalen ins Kloster, so den letzten Merowinger oder Herzog Tassilo III. von Baiern. Ob Karlmann auf einmal von Reue geplagt und sich zum Mönchtum freiwillig entschloss, kann auch nur ein Märchen sein. Immerhin ließ er seine Frau und Kinder schutzlos zurück und ihr weiteres Schicksal blieb ungewiss. Kam Karlmanns Bruder Pippin sehr gelegen.

Die Blendung oder Verstümmelung war ein Mittel, einen Konkurrenten regierungsunfähig zu machen. Dies geschah z.B. mit dem Bosoniden Ludwig III., den Blinden. Hugo von Arles scheute sich auch nicht, seinen Halbbruder Lambert von Spoleto zu blenden. Ludwig der Fromme ließ seinen Neffen Bernhard von Italien blenden.

Hugo Capet inhaftierte 991 Karl von Niederlothringen. Karl verstarb dann in der Haft. Der westfränkische Karl III., der Einfältige starb nach sechsjähriger Haft als Gefangener der Vermandois. Der ostfränkische König und spätere Kaiser Karl III., der Dicke musste sich öffentlich von seiner Ehefrau als impotent bezeichnen lassen. Damit galt er als schwach und regierungsunfähig.

Man könnte noch viele Beispiele aufführen. Die beiden Karl III. bekamen dann noch zusätzlich Beinamen verpasst, die ihren Ruf für alle Zeit versauten. Auch wenn beide am Ende ihrer Herrschaft unglücklich agierten, war der eine nicht einfältig oder dumm und der andere war auch nicht dick und träge. Aber Verlierer konnten im Mittelalter nicht mit Nachsicht rechnen.

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20.04.2015, 17:08
Beitrag: #13
RE: Das Ende der (Westfränkischen-)Karolinger
Karl von Anjou - eigentlich auch ein Kapetinger, der jüngste Sohn Ludwigs VIII. - kämpfte (wie Hugo Capet) um seine Herrschaft.
Allerdings mit zwei wesentlichen Unterschieden:
Karl lebte mehr als 200 Jahre nach Hugo Capet, die Zeiten und auch die Sitten hatten sich geändert. Siehe die öffentliche Hinrichtung Konradins. Zu Hugo Capets Zeiten wäre Konradin wohl "nur" verstümmelt und/oder ins Kloster geschickt worden. Das reichte im 13.Jh. nicht mehr, um jemanden als Konkurrenten auszuschalten.
Weiters eroberte Karl gerade ein Königreich, saß alles andere als sicher im Sattel (Konradin hatte ihn mehrmals in der Schlacht besiegt, der Papst - neben seinem Bruder Ludwig IX. Karls wichtigster Verbündeter - war von einer Revolte aus Rom vertrieben worden und in der Bevölkerung regte sich ernsthafter Widerstand gegen die hohen Steuern, die Karl erhob) und kämpfte daher mit weit härteren Bandagen als Hugo Capet, immerhin gewählter und relativ unbedrohter König seines Reichs.
Karl von Anjou konstituierte an Konradin ein Exempel, auch um die Unruhen in Neapel zu unterdrücken, während Karl von Lothringen für Hugo Capet keine ernsthafte Bedrohung war. Das mag der wichtigste Grund für die unterschiedliche Behandlung der jeweiligen Kontrahenten gewesen sein. Darüberhinaus konnte sich Karl von Anjou darauf berufen, einen päpstlichen Auftrag auszuführen: Papst Clemens IV. hatte dazu aufgerufen, die Staufer auszurotten.

Also nein: Hugo Capet rottete die (westfränkischen) Karolinger nicht gezielt aus, Karl von Anjou tat das mit den Staufern in Süditalien zumindest im Falle Manfreds und vor allem Konradins sehr wohl, auch wenn selbst Karl von Anjou die Kinder Manfreds "nur" in Haft hielt.
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29.04.2015, 13:27
Beitrag: #14
RE: Das Ende der (Westfränkischen-)Karolinger
Nun zum 3. Teil meiner Ausarbeitung

Kehren wir zu Emma von Italien zurück. 966 wurde sie mit dem westfränkischen König Lothar (941–986) aus Karolinger-Dynastie verheiratet. Lothar war der älteste Sohn von Ludwig IV. und Gerberga, einer Schwester von Otto I. Neben seinem Bruder Karl von Niederlothringen hatte Lothar noch eine Schwester, die das Erwachsenalter erreichte. Diese Mathilde (* um 943) wurde bereits 964 mit dem burgundischen Welfen Konrad III., den Friedfertigen von (Hoch-)Burgund (* um 930; † 993). Dieser Konrad war der wiederum während seiner Minderjährigkeit ein Mündel Ottos I., der dadurch sicher das Weiterexistieren des Königreichs Hochburgund ermöglichte. Konrads Schwester wiederum war Adelheid, Emmas Mutter, die 951 Otto I. ehelichte. Otto garantierte danach Konrad III. die Herrschaft über Niederburgund, so dass wieder ein geeintes Königreich Burgund bestand, wie es bereits von Konrads Vater Rudolf II. von 928/933 bis 937 bestand. Da sowohl die west- als auch ostfränkischen Könige sich um ein gutes Verhältnis und verwandtschaftliche Beziehungen zu den burgundischen Welfen bemühten, zeigt die strategische Bedeutung des seit 888 von den Karolingern unabhängigen Reichs. Dazu schreibe ich noch einiges weiter unten.

Ehebruch ?

Aus der Ehe von Lothar und Emma entstammen zwei Söhne. Ludwig V. (966/967–987) und Otto (967/968–984/985), Domherr zu Reims. 977 unterstellte Karl von Niederlothringen seiner Schwägerin Emma Ehebruch mit Ascelin, dem Bischof von Laon. Auch wenn sie danach von einer Synode unter Leitung des Erzbischofs von Reims, Adalbero, einem Onkel von Ascelin freigesprochen wurde, war ihr Ruf ruiniert. Letztlich war es egal, ob der Ehebruch tatsächlich stattfand oder nicht. Schon allein der Verdacht reichte aus, um seine Ehefrau zu verstoßen oder in ein Kloster abzuschieben.

Die Reaktion von Emmas Mutter Adelheid und Emmas Schwägerin Theophanu war auch dementsprechend. Es wurde gegen Karl von Niederlothringen nichts unternommen, der Emma ungestraft verleumden konnte. Stattdessen wurde er 978 von Otto II. mit dem nördlichen Lothringen (Niederlothringen) belehnt. Der Bischof von Laon wurde ebenfalls nur halbherzig gemahnt, dass er sich in Zukunft von Ehefrauen fern zu halten habe. Dagegen wurde Emma gerügt, dass sie wohl zu vertrauten Umgang mit dem verderbten Menschen Ascelin gehabt hätte. Das heißt letztlich, ihr war vorgeworfen worden, nicht die nötige Distanz zu ihrem Berater eingehalten zu haben.

Für Emma hatte dieser Skandal - trotz ihrer bestätigten Unschuld - zur Folge, dass sich sowohl ihr Mann Lothar, als auch ihr Sohn Ludwig von ihr abwandten. In den Ereignissen um 986/87 (bzw. bis 991) wurde sie weder von ihrem Sohn, noch von der ostfränkischen Regentin Theophanu um irgendeinen Rat oder um Vermittlung gebeten. Sie scheint nach dem Tod Ludwigs V. von der politischen Bildfläche unbemerkt verschwunden zu sein.

Emma von Böhmen ?

Die häufigste Ansicht ist natürlich, dass sie sich 987 oder 988 in ein Kloster zurückzog (oder gezwungen wurde) und bald darauf verstarb. Doch hierzu gibt es unterschiedliche Meinungen. 1998 veröffentlichte Helmut Hentschel seine These, die letztlich auf den tschechischen Historiker Frantisek Palacky aus dem 19. Jahrhundert zurückgeht. Er geht davon aus, dass Emma von Italien identisch mit Emma, der Ehefrau des böhmischen Herzogs Boleslav II. († 999) ist. Die Eheschließung soll 987 stattgefunden haben. Palacky behauptete, dass Emma eine Schwester des burgundischen Königs Konrad III., des Friedfertigen war. Konrad hatte aber nur eine Schwester und dies war Adelheid. Aber Adelheid hatte eine Tochter namens Emma. So ist es durchaus möglich, dass Emma 987 nach Böhmen kam. Aus der Ehe mit Boleslav II. sollen dessen jüngere Söhne Jaromir († 1035) und Oldrich († 1034) stammen.

Gegner dieser Theorie äußerten folgende Zweifel: Emma (* 948) wäre zum Zeitpunkt der Geburt von Boleslavs jüngeren Söhne bereits um die 40 Jahre alt gewesen. Späte Geburten sind bei Frauen des Hochadels ungewöhnlich, aber man kann sie auch nicht völlig ausschließen. So gebar z.B. Konstanze von Sizilien 1194 ihr einziges Kind – den späteren Kaiser Friedrich II. - im Alter von 40 Jahren und Eleonore von Aquitanien gebar 1167 ihr zehntes und letztes Kind – den späteren König Johann Ohneland – im Alter von ca. 45 Jahren. Blanka von Kastilien, die Mutter des oben bereits erwähnten Karl von Anjou, war bei dessen Geburt auch schon um die 39 Jahre alt.

Ebenso möglich ist aber auch, dass Emma nicht die Mutter, sondern nur die Stiefmutter von Boleslavs jüngeren Kindern war. Nach dem Tod ihres zweiten Ehemannes brachen Thronwirren in Böhmen auf und Emma floh mit ihren beiden Söhnen nach Regensburg, wo sie am Hof des damaligen Herzogs von Bayern und späteren König Heinrich II. lebten. 1003/04 kehrte sie mit ihren beiden Söhnen nach Böhmen zurück und 1005/06 soll Emma verstorben sein. Ihre beiden Söhne bekämpften sich danach erbittert. Oldrich ließ schließlich seinen Bruder Jaromir im Jahr 1012 kastrieren und im Jahr 1034 blenden.

Die burgundischen Welfen oder Rudolfinger

Während ich im 2. Teil meiner Ausführung schon die väterliche Herkunft aus der mit den Karolingern verwandten Doppelfamilie der Bosoniden/Buviniden behandelt habe, möchte ich jetzt die Herkunft ihrer Mutter Adelheid untersuchen. Adelheid war die Tochter des Königs Rudolf II. von Hochburgund (895–937) und dessen Ehefrau Berta von Schwaben (902–966).

Die Welfen gehörten zu den ältesten fränkischen Geschlechtern. Ihr Aufstieg begann wohl damit, dass die Töchter Welfs I. ins karolingische Herrscherhaus einheirateten. So ehelichte Judith (795/800– 843) im Jahre Kaiser Ludwig den Frommen (778-840), ihre Schwester Hemma (808–876) – auch Emma – ehelichte im Jahr 827 des Kaisers Sohn Ludwig den Deutschen (804–876). Judith war die Mutter des westfränkischen König Karl II. den Kahlen (823–877) – und damit faktisch die Stammmutter der westfränkischen Karolinger - und von Gisela (820–874), der Mutter des bereits im 2. Teil genannten Berengar I. (840–924), von 864–924 Markgraf von Friaul, von 905–924 König von Italien und von 915–924 Kaiser. Hemma dagegen war die Stammmutter der ostfränkischen Karolinger, ihre Söhne waren Karlmann, Ludwig III, der Jüngere und Karl III., der Dicke und ihr Enkel war Arnulf von Kärnten.

Judiths und Hemmas Bruder war Konrad I. (* 795/800–808; † 862), der zuerst als Berater Ludwigs des Frommen, dann als Berater Ludwig des Deutschen wirkte. Konrad war maßgeblich an der Gestaltung des Vertrags von Verdun (843) beteiligt. Seit den 840er Jahren war er Graf einiger Gaus im Südwesten des Ostfrankenreichs und nomineller Herzog in Alemannien. Aber er war auch Lehnsträger der im Westfrankenreich gelegenen Grafschaft Paris. Im Jahr 859 wechselte Konrad I. mit den Söhnen Ludwigs des Deutschen die Fronten und stellte sich an der Seite Karls II., des Kahlen. Für den Verlust seiner ostfränkischen Besitzungen entschädigte Karl II. Konrad mit der im Hochburgund (Transjurarien) gelegenen Grafschaft Auxerre. Nach dieser Grafschaft erhielt er seinen häufig angewandten Namen Konrad von Auxerre.

Konrad I. war mit Aelis (Adelheid, Adela, Adelaïde) von Tours (* bis 837; † nach 866) verheiratet, die eine Angehörige der im Elsass beheimateten Familie der Etichonen war. Aus dieser Ehe stammen drei oder vier Söhne und eine Tochter: Konrad II., Hugo Abbas, Rudolf und Welf II. sowie eine namentlich nicht bekannte Tochter, die mit dem Lahngaugrafen Udo verheiratet wurde, der ein Vorfahre des ostfränkischen Königs Konrad I. (Konradiner) war.

Die verwitwete Aelis von Tours heiratete 863 oder 864 Robert den Tapferen († 866), der bereits Graf von Paris und Graf im Wormsgau war und durch seine Heirat mit Aelis zusätzlich Graf von Tours wurde. Aus der kurzen Ehe von Aelis von Tours mit Robert den Tapferen stammen zwei Söhne, Odo von Paris (* um 865; † 898) – seit 888 erster nichtkarolingischer König des Westfrankenreich und Robert I. (* 866; † 923), der 922 König des Westfrankenreichs wurde..

Kehren wir zurück zu ihren älteren Halbbrüdern aus Aelis erster Ehe mit Konrad I. von Auxerre: Konrad II. und Hugo Abbas († 886) spielten ebenfalls eine bedeutende Rolle in der westfränkischen Politik. Ihr jüngerer Bruder (vielleicht auch nur ihr jüngerer Cousin) Welf II. war der Stammvater der schwäbischen Welfen und somit auch der jüngeren Welfen. Er war Graf des Linzgaus und des Alpgaus. Für beide Ämter ist er bis ca. 858 nachgewiesen. Ob er sich 859 (wie sein Vater) an der Rebellion gegen Ludwig den Deutschen beteiligte ist ungewiss. Welf II. gilt zwar als Bindeglied der burgundischen und schwäbischen Welfen, aber sowohl über sein Leben, als auch der schwäbischen Welfen des 9. und 10. Jahrhunderts ist wenig bekannt. Der letzte Bruder Rudolf war Abt von Jumieges und war wahrscheinlich zum Zeitpunkt der Wiedervermählung seiner Mutter (864) verstorben. (Die Verwandtschaftsgrade der einzelnen Welfen zueinander sind zum Teil nicht eindeutig, ich habe versucht, mich an den Angaben von Rudolf Schieffer zu halten).

Hugo Abbas

Hugo Abbas fungierte zuerst als Berater Karls II. und war ursprünglich ein Gegner der Robertiner. Inwieweit die zweite Ehe seiner Mutter einem Politikwechsel oder einem Familienzerwürfnis zugrunde lag, ist nicht gewiss. Fakt ist, dass Hugo nach dem Tod von Ludwig des Stammlers 879 (Sohn und Erbe Karls II.) die Regentschaft für dessen minderjährigen Sohn Karlmann († 884) in Burgund und Aquitanien übernahm und die im 2. Teil beschriebene Abspaltung Bosos von Niederburgund (Boso von Vienne) akzeptierte. Nach dem Tod von Karlmanns älteren Bruder Ludwig III. im Jahr 882 herrschte Hugo faktisch über das verbliebene Westfrankenreich (Neustrien, Burgund, Aquitanien). Nach dem Tod von Karlmann 884 wurden die Ansprüche von dessen minderjährigen Bruder Karl (den Einfältigen) übergangen. Die westfränkischen Magnaten wählten nicht ihn zum König des Westfrankenreichs, sondern den ostfränkischen Karl III. zum König. Zu dieser Thematik werde ich im 4. Teil noch einmal zurückkommen. Hugo Abbas verstarb 886, offensichtlich an den Folgen einer Seuche, die infolge der Belagerung durch die Wikinger in Paris ausgebrochen war. Er war bis zuletzt in Machtkämpfen mit verschiedenen westfränkischen Magnaten verstrickt, besonders mit den Bischof Gauzlin von Paris († 886), der ebenfalls ein Opfer der Seuche geworden war. Hugos Vermögen erbten seine beiden Halbbrüder Odo und Robert, deren politische Stellung dadurch erheblich gestärkt wurde, sodass Odo 888 das westfränkische Königtum übernehmen konnte. Dazu werde ich auch im 4. Teil schreiben.

Über den ältesten Sohn von Konrad I. ist wenig bekannt. Nach dem Skandal um den Bosoniden Hucbert, den Laienabt von Saint Maurice und seiner Schwester Theutberga ernannte Karl II., der Kahle im Jahr 864 Konrad II. zum Markgrafen von Transjurarien (entspricht Hochburgund). Er bekämpfte den für vogelfrei erklärten Hucbert, der noch 864 als Straßenräuber erschlagen wurde. Seine Schwester Theutberga musste 865 nach ihrer Scheidung wieder zu Lothar aufgenommen werden. Konrad II. starb zwischen 872 und 878, die Markgrafschaft Transjurarien. Ihm folgte sein Sohn Rudolf I., der 888 das Königreich Transjurarien oder Hochburgund aus dem karolingischen Reichsverband löste. Dieses Gebiet (von der Freigrafschaft Burgund - Franche-Comté - mal abgesehen) konnte faktisch bis heute seine kulturelle und territoriale Einheit bewahren, sei es als Königreich Hochburgund, Rektorat Burgund oder heute als französische Schweiz.

Das Königreich Hochburgund

Das Königreich Hochburgund bestand seit 888. Zwischen 928 und 933 fand die Vereinigung mit Niederburgund statt, d.h. seitdem spricht man vom Königreich Burgund oder vom Königreich Arelat (abgeleitet von der Stadt Arelat). Insgesamt herrschten 4 Könige. Rudolf I. (888–912), Rudolf II. (912–937), Konrad III., der Friedfertige (937–993) und Rudolf III. (993–1032). Die Zählung Konrads erfolgt zur Unterscheidung zu seinen Vorfahren Konrad I. und Konrad II., die aber keine Könige von Hochburgund waren. Aufgrund seiner geografischen Lage und der Kontrolle über bestimmte Alpenpässe spielte das Königreich eine oft konstruktive und deeskalierende Rolle in den Auseinandersetzungen des Hochadels. Rudolfs I. Herrschaft verlief friedlich. Er war mit Willa von Niederburgund, die aus der ersten Ehe des Buviniden Boso von Niederburgund († 887) stammte. Willa von Niederburgund († 926) heiratete nach dem Tod Rudolfs I. den Bosoniden Hugo von Arles († 947), seit 905 Regent von Niederburgund und seit 926/928 König von Italien.

Rudolf II. Herrschaft war vor allem durch seine Einbindung in den Kämpfen im neu gegründeten Herzogtum Schwaben und in Italien geprägt. 916 erwarb Rudolf II. Gebiete des Aargaus, wegen denen er seit 917 mit dem neuen Herzog Burchard II. († 926) in Streit geriet. Nach der verlorenen Schlacht von Winterthur (919) musste Rudolf auf das Aargau verzichten, das wiederum in das Herzogtum Schwaben eingegliedert wurde. Bereits um 922 waren Burchard II. und Rudolf II. versöhnt. Zumindest fand um 922 die Hochzeit von Rudolf II. und Burchards Tochter, Bertha von Schwaben (907–966) statt. Aus dieser Ehe stammen Konrad III. († 993) und Adelheid (931–999), die künftige Ehefrau von Otto I.

Ebenfalls im Jahr 922 rief der oppositionelle Adel Italiens unter Führung Adalbert, des Markgrafen von Ivrea († um 923) Rudolf II. zum König von Italien aus. In den darauffolgenden Krieg des Markgrafen gegen seinen früheren Schwiegervater, den Amtsinhaber Berengar I. von Friaul gewannen die oppositionellen Kräfte, die sowohl von Rudolf II., als auch von Burchard II. militärisch unterstützt wurde. Aber die Situation in Italien beruhigte sich nicht. Berengar II. von Ivrea, der sowohl Sohn des Markgrafen von Ivrea, als auch Enkel des Markgrafen von Friaul war setzte sich immer mehr zum tatsächlichen Herrscher in Italien durch. Rudolf II. begann deswegen mit seinem Stiefvater Hugo von Arles, dem Regenten des Königreichs Niederburgund über einen Tausch ihrer Länder zu verhandeln.

Das Königreich Burgund

Nachdem Berengar I. den ehemaligen italienischen König Ludwig III. abgesetzt und geblendet hatte, amtierte dieser noch nominell als König von Niederburgund. Tatsächlicher Machtinhaber war jedoch Hugo von Arles, dessen Nachfolgemöglichkeiten in Niederburgund nicht geklärt waren. Mit dem Tod von Ludwig III. hätte Hugo seine Macht verloren oder um sie kämpfen müssen. Deshalb stimmte er dem Vorschlag seines Stiefsohns Rudolf II. zu, der über seine Mutter Willa ein Enkel des ersten niederburgundischen Königs Boso (von Vienne) war. Der Tausch wurde zwischen 926 und 928 vollzogen und vertraglich im Jahr 933 geregelt. Seit dieser Zeit besteht das (vereinigte) Königreich Burgund.

Das Königreich darf nicht mit dem westfränkischen Herzogtum Burgund verwechselt werden. Dagegen war die Freigrafschaft Burgund, aus der sich die Franche-Comté bildete, Bestandteil des Königreichs. Allerdings verstarb der erste gesamtburgundische König Rudolf II. bereits 937. Er hinterließ seine Witwe Bertha von Schwaben und zwei Kinder – seinen Sohn und Nachfolger Konrad III. und Adelheid. Bertha von Schwaben begab sich daraufhin mit ihrer Tochter unter dem Schutz von Hugo Arles, den sie noch 937 heiratete. Beide einigten sich dann, dass ihre Kinder Adelheid und Lothar heirateten. Dies geschah dann auch 946.

Die Fortsetzung der Herrschaft der burgundischen Welfen bzw. Konrads III. war vor allem wegen dem Expansionsbestreben des italienischen Königs Hugo von Arles gefährdet. Deshalb sorgte der ostfränkische König Otto I. dafür, dass Konrad III. an seinen Hof in Sicherheit aufwuchs. Dies lag sicher daran, dass nachdem Rudolf II. beim Hoftag in Worms (926) Heinrich I. die Heilige Lanze übergab und seitdem zwischen dem Ostfrankenreich und Burgund (damals noch Hochburgund-Italien) eine Sicherheitspartnerschaft, aber kein Lehensverhältnis bestanden haben muss. Otto I. sorgte jedoch dafür, dass das Königreich Burgund erhalten blieb und Konrad III. mit dem Erreichen der Volljährigkeit (946/948) selbst regieren konnte.

Konrad III. erwies sich aber als schwacher Herrscher, der sich nur mit Mühe gegen seine Vasallen durchsetzen konnte. Er war dreimal verheiratet. Seine Tochter (aus zweiter Ehe) Gisela war mit dem bayrischen Herzog Heinrich den Zänker verheiratet. Beiden waren die Eltern des ostfränkischen Königs Heinrich II., des Bischofs Brun von Augsburg und der ersten ungarischen Königin Gisela (Ehefrau von Stephan I., den Heiligen). Dagegen stammten aus Konrads 964 geschlossener dritten Ehe mit Mathilde, Tochter des westfränkischen Königs Ludwig IV., sein Nachfolger Rudolf III., Bertha und Gerberga.

Bertha (965–1010) war in erster Ehe mit Odo I. von Blois verheiratet, der sich in den Kämpfen gegen Hugo Capet verbrauchte und 996 während einer Belagerung verstarb. Aus dieser Ehe stammen drei Söhne Theobald († 1004), Odo II. und Roger. Die verwitwete Bertha heiratete dann noch im gleichen Jahr Hugo Capets Sohn Robert II. den Frommen (972–1031), der um 992 bereits seine erste Ehefrau wegen deren Kinderlosigkeit verstoßen hatte. Die Ehe zwischen Robert und Bertha wurde jedoch vom Papst wegen zu naher Verwandtschaft nicht anerkannt. Trotzdem blieben beide noch einige Jahre zusammen, erst um 1004 trennte sich Robert offiziell von seiner Frau, weil auch sie ihm keine Kinder gebar. Aber er verstieß sie nicht, Bertha lebte bis zu ihrem Tod am Hofe Roberts II., der wegen des nicht gesicherten Fortbestands seiner Dynastie ein drittes Mal heiratete.

Gerberga (966–1019) wiederum war in erster Ehe mit Hermann I. von Werl und in zweiter Ehe mit Hermann II., Herzog von Schwaben verheiratet. Aus ihrer zweiten Ehe stammen u.a. ihre Töchter Mathilde und Gisela, sowie ihr Sohn Hermann III von Schwaben. Gisela (um 990–1043) war in dritter Ehe mit dem Salier Konrad II. (um 990–1039) verheiratet, ihr gemeinsamer Sohn war wiederum Kaiser Heinrich III. (1017–1056).

Für den burgundischen König Rudolf III. waren die Ehen und die daraus ergebenden verwandtschaftlichen Beziehungen seiner Schwestern wichtig für den Fortbestand seines Königreichs. 995 musste er zwar hinnehmen, dass Otto-Wilhelm von Burgund-Ivrea die Freigrafschaft Burgund aus seinem Staat herauslöste und sich daraufhin König Hugo Capet unterstellte. Aber weitere Annexionen von Odo-Wilhelm scheiterten. Trotzdem blieb Rudolf III. ein schwacher Herrscher. Der regionale Adel wurde mächtiger, er zwang Rudolf III. Bischöfe als weltliche Grafen einzusetzen, z.B. 999 den Bischof von Sitten als Grafen von Wallis oder 1011 den Bischof von Lausanne als Grafen von Waadt.

Da beide Ehen Rudolfs III. († 1032) kinderlos blieben, verhandelte Rudolf III. seit 1016 mit seinem (ebenfalls kinderlosen) Neffen König Heinrich II. einen Erbvertrag aus. Aber Heinrich II. verstarb bereits 1024 und das Erbe fiel auf König Konrad II., der sein Erbe als Nachfolger des ostfränkischen Königs beanspruchte. Er musste sich jedoch bis 1037 in langwierigen Kämpfen gegen Odo II. von Blois durchsetzen. Erst dessen Tod sicherte Konrad II. die Herrschaft über das Königreich Burgund. Odo II. von Blois entstammte der ersten Ehe der Bertha von Burgund, er war somit ein Neffe des Königs Rudolf III. von Burgund. Seine Niederlage gegen Konrad II. zeigt aber auch, dass sich staatsrechtliche Belange gegenüber privatrechtlichen Belangen des Adels durchzusetzen begannen. Konrads Sohn Heinrich III. konnte dann im Jahr 1039 ohne Schwierigkeiten König von Burgund werden.

Fazit

Nachdem ich bereits im 2. Teil einiges zu den Bosoniden/Buviniden bzw. der Entwicklung in Niederburgund und Italien schrieb und in diesem Teil mich auf die burgundischen Welfen konzentrierte, werde ich im 4. Teil noch ein paar Zeilen zu Schwaben und Lothringen schreiben. Insgesamt versuche ich damit, deutlich zu machen, dass die Entstehung Frankreichs, Deutschlands und (Ober-)Italiens aus der Erbmasse des karolingischen Frankenreichs ein langer Prozess war, den man nicht nur an einzelne Ereignisse oder Jahreszahlen wie 806, 817, 833/40, 843, 870, 887/88, 911, 919, 955 oder 987 festmachen kann. Der Prozess vollzog sich über das 9. und 10. Jahrhundert und war danach noch nicht beendet, aber wohl unumkehrbar fortgeschritten. Einen großen Anteil an der Neugestaltung hatte der oft mit den Karolingern verwandtschaftlich verbundene Hochadel, der zum Teil mit strategischem Geschick neue Staaten (Burgund, (Ober-)Italien, Lothringen) oder zumindest Strukturen wie die Stammesherzogtümer Schwaben oder Bayern schuf bzw. erneuerte.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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29.04.2015, 16:09
Beitrag: #15
RE: Das Ende der (Westfränkischen-)Karolinger
Lieber @Sansavoir, mit deinen fast perfekten Beiträgen nimmst du uns ja jede Diskussionsgrundlage. Die gehören eigentlich gedruckt.

„Der Horizont der meisten Menschen ist ein Kreis mit dem Radius 0. Und das nennen sie ihren Standpunkt.“ (Albert Einstein)
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30.04.2015, 13:51
Beitrag: #16
RE: Das Ende der (Westfränkischen-)Karolinger
Vielen Dank fürs Lob. Aber es gibt sicher die eine oder andere Frage noch zu klären, über die wir diskutieren können.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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