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Der Altenburger Prinzenraub, Kriminalcoup od. eine schief gegangene Fehde?
02.01.2017, 20:04
Beitrag: #1
Der Altenburger Prinzenraub, Kriminalcoup od. eine schief gegangene Fehde?
Im Zusammenhang mit dem "Juxrätsel" zu Andreas Baumkircher wurde auch der Name Kunz von Kauffungen genannt. Ich habe zwar nicht den Eindruck, dass Andreas Baumkirchner ein "österreichischer" Kunz von Kauffungen war, wie dort gemutmaßt wurde, aber eine interessante Geschichte ist der Altenburger Prinzenraub, durch den dieser Kunz von Kauffungen bekannt ist, auf jeden Fall, und er wirft jedenfalls ein gewisses Licht auf die Rechtsverhältnisse des 15. Jahrhunderts.

"Kennen gelernt" habe ich diesen Ritter Kunz durch das Buch "Habsburgs verkaufte Töchter" von Thea Leitner (1921-2016) und in dem die Autorin, die als Verfasserin von populärwissenschaftlichen Geschichtsbüchern Erfolg hatte, die sich immerhin ganz unterhaltsam lesen und zumindest als Erstlektüre durchaus zu empfehlen sind, sechs Habsburgerinnen vorstellt, die damals in der breiten Öffentlichkeit noch unbekannt waren, darunter Erzherzogin Kunigunde, die Tochter von Kaiser Friedrich III., Schwester von Kaiser Maximlian I. und Ehefrau von Herzog Albrecht IV. von Bayern bzw. Bayern-München.

Offensichtlich um diesen Teil des Buches aufzulockern, wird hier die Geschichte des "bösen" Kunz von Kauffungen erzählt. Zum einen entsteht der Eindruck, dass die Geschichte damals als Warngeschichte für unfolgsame adelige Kinder im Umlauf gewesen sein soll, nach dem Motto: Wenn du nicht brav bist, holt dich der böse Kunz von Kauffungen, zum anderen zieht Leitner hier eine Parallele zu einer Entführungslegende um die Kaisertochter Kunigunde, an die ein Denkmal am Grazer Schlossberg unterhalb des Uhrturms erinnert. Im Jahr 1481 soll ein bellender Hund Kunigunde davor bewahrt haben, von Söldnern des Ungarnkönigs Matthias Corvinus entführt zu werden, der zuvor vergeblich um ihre Hand angehalten hatte. Zum Dank ließ ihr Vater diesen wachsamen Hund in Form eines Standbilds verewigen.

Dieses Hunde-Denkmal gibt es wirklich, ob diese Entführungsgeschichte zumindest einen historischen Kern hat, ist allerdings nicht geklärt. (Dass König Matthias an einer Heirat mit Kunigunde interessiert war, gilt als gesicherter Fakt. Wie auch seine Heiratspläne mit einer Tochter des polnischen Königs dürfte sie nicht zustandegekommen sein, weil er von beiden Dynastien als "Aufgeruckter" und somit nicht standesgemäß angesehen wurde.)

Friedrich II. der Sanftmütige (1412-1464), Kurfürst von Sachsen, Markgraf von Meißen und Landgraf von Thüringen, hatte 1431 Margarethe von Österreich, eine Schwester von Kunigundes Vater geheiratet. Die Kaisertochter war somit eine Cousine 1. Grades der beiden sächsischen Prinzen Ernst (1441-1486) [später Kurfürst von Sachsen, Landgraf in Thüringen und Markgraf zu Meißen, Begründer der ernestinischen Linie des Hauses Wettin] und Albrecht (1443-1500) [heute bekannt als Albrecht der Beherzte, Herzog von Sachsen, Gubernator von Friesland und Begründer der albertinischen Linie des Hauses Wettin], deren Entführung durch den "bösen" Ritter Kunz im Jahr 1455 als "Altenburger Prinzenraub" in die Geschichte eingegangen ist.

Aber wer war dieser "böse" Ritter Kunz (eigentlich Konrad) von Kauffungen (oder Kaufungen) (um 1410-1455), dieser dreiste Kerl, der es doch wagte unschuldige Prinzen zu entführen?

Er war kein namenloser Paria, zweifelhafter Aufsteiger oder professioneller Krimineller mit entsprechendem Background, wie wir wohl heute erwarten würden, sondern entstammte dem niederen sächsischen Adels mit Besitzungen in Sachsen und Böhmen. Ein Onkel von ihm, Caspar von Schönberg, war Bischof von Meißen, Kunz war übrigens standesgemäß verheiratet und hatte Familie. (Sein Bruder wurde später wegen des Prinzenraubs ebenfalls hingerichtet, seine Besitzungen wurden eingezogen und seine Söhne sind später in Böhmen nachgewiesen, wobei ihr weiteres Schicksal nicht geklärt zu sein scheint.)

Kunz von Kauffungen war unter Kurfürst Friedrich II. eine Zeitlang dessen Burgvogt (Verwalter) von Schloss Altenburg gewesen, dem Ort, wo die Entführung stattfand und nach dem sie benannt ist, und außerdem auch einige Jahre Erzieher der beiden Prinzen. (Opfer und Täter kannten sich somit persönlich.)

Im Sächsischen Bruderkrieg (1446-1451) kämpfte Kunz auf der Seite von Kurfürst Friedrich dem Sanftmütigen, wobei er im Rahmen des Fehderechts Überfälle auf Handelskontigente und Ähnliches unternahm, um dessen Bruder Herzog Wilhelm zu schaden. Allerdings wurden auch seine Besitzungen in Mitleidenschaft gezogen, er selbst geriet später in böhmische Gefangenschaft (Wilhelm, der seit 1446 mit Anna von Österreich, einer Tochter von König Albrecht II. und Enkelin von Kaiser Sigmund, verheiratet war und Ansprüche auf die böhmische Krone bzw. Teile des Königreichs Böhmen erhoben hatte, hatte hier zeitweise Verbündete) und musste sich durch eine für seine Verhältnisse enorme Lösegeldzahlung freikaufen.

Nach dem Friedensschluss forderte Kunz vom Kurfürsten eine Entschädigung für das Lösegeld und seine anderen Verluste. Dabei berief er sich auf einen Artikel des Friedensvertrages. Der Kurfürst allerdings wies seine die Forderungen mit dem Argument ab, dass Kauffungen als freier Ritter auf eigenes Risiko in den Krieg eingetreten sei und machte stattdessen eine Rechnung an Kunz auf. (Diese Vorgehensweise, einer Forderung mit einer Gegenforderung zu begegnen, lässt sich übrigens bei anderen Rechtsstreitigkeiten in dieser Zeit beobachten.)

Prüfungen durch Schiedsgerichte brachten unterschiedliche Ergebnisse, auch das lässt sich in anderen Fällen beobachten, zudem war es eine Frage der Machtverhältnisse, dass und ob solche Schiedssprüche überhaupt von den Konfliktparteien anerkannt wurden. Die Gerichte in Magdeburg und Friedberg gaben Kunz von Kauffungen Recht, das Gericht im sächsischen Leipzig aber dem Kurfürsten und diesem Urteil aus dem Jahr 1455 konnte Kunz von Kauffungen nichts mehr entgegensetzen. Er selbst fühlte sich offensichtlich ungerecht behandelt, und das dürfte ihn veranlasst haben, seine Forderung an den Kurfürsten mit Hilfe einer Fehde durchzusetzen. Vermutlich waren es dann seine Ortskenntnisse im Schloss Altenburg und sein früherer Posten als Prinzenerzieher, die ihn auf die Idee gebracht haben könnte, die Söhne des Kurfürsten zu entführen und so Druck auf den Kurfürsten auszuüben.

Am frühen Morgen des 8. Juli 1455 entführte er zusmmen mit seinem Verwandten Wilhelm von Schönfels und einem weiteren Adeligen namens Wilhelm von Mosen die beiden sächsischen Prinzen Ernst und Albrecht aus dem Altenburger Schloss. Die Absicht der Entführer, mit den beiden Prinzen nach Böhmen zu seinen Besitzungen unter der Lehnsherrschaft des böhmischen Königs zu gelangen und von dort ein Lösegeld auszuhandeln, scheiterte jedoch schon am ersten Tag. Kunz mit Albrecht und seine Mithelfer mit Ernst trennten sich auf der Flucht, er wurde allerdings (angeblich dank eines aufmerksamen Köhlers) noch am selben Tag gefasst und schon eine Woche später in Freiberg enthauptet.

Was die rechtliche Seite betrifft, so hatte Kunz übrigens vor der Durchführung der Entführung dem Kurfürsten offiziell die Fehde ansagen lassen. Es scheint nicht ganz klar, ob er dabei die Frist, die rechtlich nach der Zustellung des Fehdebefehls einzuhalten gewesen wäre, nicht eingehalten hat oder ob dies später als Vorwand missbraucht oder erfunden wurde, um ihn gleich standrechtlich verurteilen zu können.

Seine Helfer waren da erfolgreicher, aber als sie von seiner Festnahme erfuhren, zogen sie es vor, Verhandlungen aufzunehmen und gegen Straffreiheit und freien Abzug mit anschließendem Exil im Austausch gegen den Prinzen Ernst, aus dem Entführungscoup sozusagen auszusteigen.

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Aus heutiger Sicht mutet es zumindest merkwürdig an, dass Kunz tatsächlich geglaubt haben soll, dss er mit dieser Aktion durchkommen würde. Selbst wenn er den Kurfürst mit Entführung seiner Söhne hätte erpressen können, ist eigentlich nicht vorstellbar, dass danach Friede, Freude und Eierkuchen für ihn geherrscht hätte, denn der Kurfürst hätte ihn wohl kaum nach Rückgabe seiner Söhne in Ruhe gelassen, und Friedrich II. saß wohl eindeutig am längeren Hebel. Zudem hat es nicht den Anschein, dass Kunz irgendeinen anderen mächtigen Reichsfürsten oder eine mächtige Institution hinter sich hatte, der bzw. die ihn (und sein Familie) in der Folge vor der Vergeltung des Kurfürsten erfolgreich hätte schützen können.

War Kunz also so verblendet oder verzweifelt, dass er das nicht sehen wollte?

Oder gibt es da noch Aspekte, die der Forschung bisher nicht aufgefallen sind oder nicht als solche erkannt wurden. Vorstellbar wäre es, da Kunz von Kauffungen und sein Vorgehen gegen den Kurfürsten (Typus eines Konflikts zwischen Ritter / Graf / Edelfreier u.vÄ. und Landesfürst / Reichsfürst) zwar recht bekannt wurde (weil er eben mit der Prinzenentführung doch sehr weit ging), aber keineswegs ein Einzelfall ist.

Eine weitere Möglichkeit wäre natürlich auch zu überlegen, wie zuverlässig ist die Überlieferung? Könnte es sein, dass Kunz von Kauffungen in Wirklichkeit Opfer einer Intrige wurde und dass ihm eine Falle gestellt wurde?

Auf jedem Fall scheint hinter diesem Fall doch mehr zu stecken, als ein tolldreister Entführungscoup.

Quellen:
Thea Leitner: Habsburgs verkaufte Töchter, 1987 (in der Folge mehrere weitere Auflagen)
die Wikipedia-Artikeln zu Kunz von Kauffungen und den Altenburger Prinzenraub

Ein sehr interessantes und aufschlussreiches wissenschaftliches Buch zum Thema "Raubrittertum: „Raubritter“ oder „Rechtschaffene vom Adel“? Aspekte von Politik, Friede und Recht im späten Mittelalter. Hrsg. von Kurt Andermann, 1997. (Um Kunz von Kauffungen geht es hier nicht, aber um seine Zeit.)

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02.01.2017, 21:59
Beitrag: #2
RE: Der Altenburger Prinzenraub, Kriminalcoup od. eine schief gegangene Fehde?
(02.01.2017 20:04)Teresa C. schrieb:  Zudem hat es nicht den Anschein, dass Kunz irgendeinen anderen mächtigen Reichsfürsten oder eine mächtige Institution hinter sich hatte, der bzw. die ihn (und sein Familie) in der Folge vor der Vergeltung des Kurfürsten erfolgreich hätte schützen können.
Bei solchen "Stories" aus dem Mittelalter ist man immer wieder für die Aufklärung und die Menschenrechte dankbar. Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, dass Menschen vor dem Gesetz nicht gleich sind.

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03.01.2017, 01:23
Beitrag: #3
RE: Der Altenburger Prinzenraub, Kriminalcoup od. eine schief gegangene Fehde?
Teresa, schön, dass Du Dich so intensiv mit Kunz von Kaufungen beschäftigt hast. Die Lebenswege von Andreas Baumkircher und Kunz von Kaufungen sind natürlich unterschiedlich, aber beide sind letztlich Opfer der Rechtsverhältnisse und der Fürstenwillkür im 15. Jahrhundert geworden. Daher der Vergleich. Allerdings hast Du auch ein klein bisschen Pech, im Sinne, wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Bis ca. 2012 wurden in Altenburg Prinzenraub-Festspiele veranstaltet, für Freunde von Freiland-Theateraufführungen durchaus sehenswert.

Ich denke, dass es eine Verzweiflungstat war. Der sächsische Bruderkrieg ruinierte den niederen Adel, dessen Existenzgrundlage zerstört wurde. Nicht einmal Caspar von Schönberg, Bischof von Meißen konnte seinen Neffen helfen. Die Schönbergs waren bereits im 15. Jh. einflussreich, obwohl ihr Aufstieg zum Berghauptmann von Freiberg erst im 16. Jh. erfolgte. Dass Kunz von Kaufungen von keinen anderen Fürsten Unterstützung bekam, ist m.E. ein Indiz dafür, dass die Interessen des niederen Adels von den Fürsten nicht mehr beachtet wurden.

Für den Ausbau der Landesherrschaft wurden Amtmänner eingesetzt, militärisch ließ man sich von Söldnern unterstützen. Offensichtlich wurde bereits mit dem Ausbau der Territorialherrschaften durch die Fürsten im 15. Jahrhundert begonnen und neben den nicht leibeignen Bauern gehörte der niedere Adel zu den Verlierern dieser Entwicklung. Dass Kunz von Kaufungens Witwe und seine Kinder später nur vom böhmischen König Georg Podiebrad Hilfe bekamen, liegt vielleicht auch daran, dass der böhmische König ebenfalls dem niederen Adel entstammte. Angehörige des niederen Adels begannen im 15. Jh. ihre soziale Bedeutung zu verlieren.Wenn dann noch die wirtschaftliche Basis zerstört wurde, war der gesellschaftliche Abstieg vorprogrammiert. Eigentlich blieb den meisten Angehörigen des niederen Adels nur Tätigkeiten als Söldner oder Raubritter übrig und dies erklärt wohl auch den Prinzenraub.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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04.01.2017, 10:29
Beitrag: #4
RE: Der Altenburger Prinzenraub, Kriminalcoup od. eine schief gegangene Fehde?
(03.01.2017 01:23)Sansavoir schrieb:  Teresa, schön, dass Du Dich so intensiv mit Kunz von Kaufungen beschäftigt hast. Die Lebenswege von Andreas Baumkircher und Kunz von Kaufungen sind natürlich unterschiedlich, aber beide sind letztlich Opfer der Rechtsverhältniss niederen Adels von den Fürsten nicht mehr beachtet wurden.
./.
war der gesellschaftliche Abstieg vorprogrammiert. Eigentlich blieb den meisten Angehörigen des niederen Adels nur Tätigkeiten als Söldner oder Raubritter übrig und dies erklärt wohl auch den Prinzenraub.

Sehr interessant, was ihr hier schreibt.

Gewisse Paralellen kann man zu Götz von Berlichingen ziehen. wobei den beiden vermutlich nur "ein Goethe" fehlte zu größerem Nachruhm. Wobei der Ausspruch "Er aber, sags ihm, er kann mich ...." anscheinend historisch ist. Und Goethe evtl. auf Götz aufmerksam machte.

Der "niedere" Adel im 14.15.16. Jahrhundert hatte vielfache Probleme, auch die "Reisläuferei" des Niederadels zdZ insbesondere nach Italien hatte darin ihre Wurzeln.
Als einer der Gründe werden wirtschaftkiche Probleme im gefolge der Pest-Entvölkerung genannt.

Müssen wir auch mal versuchen "aufzudröseln".

Ach war das eine Freude, als Gott der Herr mich schuf, ein Kerl wie Samt und Seide .....
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04.01.2017, 19:22
Beitrag: #5
RE: Der Altenburger Prinzenraub, Kriminalcoup od. eine schief gegangene Fehde?
(04.01.2017 10:29)Suebe schrieb:  Der "niedere" Adel im 14.15.16. Jahrhundert hatte vielfache Probleme, auch die "Reisläuferei" des Niederadels zdZ insbesondere nach Italien hatte darin ihre Wurzeln.
Als einer der Gründe werden wirtschaftkiche Probleme im gefolge der Pest-Entvölkerung genannt.

Müssen wir auch mal versuchen "aufzudröseln".

Im Spätmittelalter gerieten viele kleinere adlige Grundherren infolge der Aufrechterhaltung eines immer aufwendigeren, standesgemässen Lebens und des Unterhalts von ritterlichen Statussymbolen in wirtschaftliche Bedrängnis. Sie waren gezwungen, ihren Besitz, ob Eigen oder Lehen, mit Hypotheken zu belasten, deren Rückzahlung ausserhalb ihrer Möglichkeiten lag oder als Pfandschaft aus der Hand zu geben, ohne Hoffnung auf eine Auflösung. Der Pfandherr, eine reichsfreie Stadt, ein hochadliger Grundherr oder auch ein reich gewordener, einzelner Stadtbürger wandelte die Pfandschaft gelegentlich in festen Besitz um, indem er gegen eine einmalige Abfindungssumme das Pfandlösungsrecht aufkaufte. Oft blieb dem kleinadligen Grundherr nichts anderes übrig, als seinen Besitz einem hochadligen Territorialfürsten oder einer reichsunmittelbaren Stadt zu verkaufen. Im besten Fall konnte er dabei seinen veräusserten Eigenbesitz als Lehen wieder zurückerhalten, was ihn jedoch automatisch in die Abhängigkeit zum Käufer brachte, dem er dann in der Folge Abgaben und Gefolgschaft schuldete, und was ihn auf den Status des Vasallenadels herunterstufte.

In einigen Regionen Europas (der Niedergang des Kleinadels war keine spezifisch deutsche Entwicklung) setzte die Entmachtung des Kleinadels bereits im 14. Jahrhundert ein. Die selbständigen freiherrlichen Herrschaften gingen im Territorialstaat der hochadligen Fürsten und reichsunmittelbaren Städte auf. Neue Waffen und vor allem neue Kampfformen brachten die ritterliche Kampfweise der kleinadligen Grundherrn zum Teil hoffnungslos ins Hintertreffen. In den reichsfreien Städten ging die politische Macht von der adligen Oberschicht an das kapitalistische Patriziat der Kaufleute oder an die in Handwerkszünften organisierte Bürgerschaft über. Der Abstieg des klein- und mittelständischen Adels ist eine an sich unbestrittene Tatsache, doch sollte man sich vor einer voreiligen Beurteilung dieses Vorgangs hüten. Seine Gründe sind jedenfalls nicht in einer allgemeinen Dekadenz oder gar einer biologischen Degeneration zu suchen. Sein politischer Niedergang wurde vielmehr durch die Übermacht der neuen, hochadligen und städtischen landesherrlichen Gewalten verursacht, gegen die der Kleinadel mit seinen beschränkten wirtschaftlichen Mitteln unter keinen Umständen hätte aufkommen können. Zudem hinderte ihn seine konservative Lebenshaltung daran, sich neuen Verhältnissen und Erfordernissen anzupassen.

Zur politischen und militärischen Entmachtung gesellte sich der wirtschaftliche Ruin. Er wurde durch die Agrarkrisen des Spätmittelalters und die aufkommende städtische Geldwirtschaft hervorgerufen, welche die Einkünfte des Kleinadels schmälerten. Dazu trat um 1300 ein verhängnisvoller Wandel des adligen Lebensstils ein, der die Kosten für eine standesgemässe Lebensführung vervielfachte (u.a. Turnierteilnahmen), ohne dass die Einkünfte hätten erhöht werden können (die geschuldeten Abgaben der Bauern blieben immer gleich und unterlagen nicht der Teuerung). Die adligen Feste entwickelten sich zu aufwendigen Schaustellungen, das standesgemässe Auftreten in der Öffentlichkeit verursachte hohe Repräsentationskosten, und auch das Leben auf den Burgen wurde teurer. Um gesellschaftlich auf der Höhe zu sein, musste man sich eine prachtvolle Innenausstattung anschaffen. Schöne Möbel, kostbares Geschirr, Wirkteppiche und Prunköfen zierten die adlige Behausung des Spätmittelalters. Oft genügten auch die alten Wohnbauten nicht mehr und wurden durch neue, bequeme Palastgebäude ersetzt. Die Fensterverglasung kam auf, die Ziegelbedachung, die Holztäferung. Darüber hinaus musste der kleinadlige Burgherr an seiner Feste umfassende bauliche Verstärkungen vornehmen, um sich gegen die neuartigen Pulvergeschütze behaupten zu können.

Viele klein- und mittelständische Adelsfamilien zogen, um den drohenden Ruin zu entgehen, an die Höfe der hochadligen Grundherren, wo sie unter Verlust ihrer Unabhängigkeit als Hofritter im Fürstendienst ihr standesgemässes Leben weiterführen konnten oder wurden gleich Söldnerführer (nicht nur in Italien).

Andere suchten nach einem standesgerecht-stilvollen Untergang, indem sie sich, auf ihrem Standesprivileg der privaten Kriegführung pochend, in aussichtslose Fehden verstrickten. Dies brachte sie zwangsläufig in Konflikt mit der, durch hochadlige Fürsten und reichsunmittelbaren Städte getragenen, seit dem 13. Jahrhundert erstarkten Landfriedensbewegung, deren Gerichtshoheit zwangsläufig im Widerspruch zur hochmittelalterlichen Rechtsausübung der privaten Fehde stand. Die um ihre Existenz und Unabhängigkeit kämpfenden Vertreter des Kleinadels verloren dabei immer mehr Rechtsboden und rutschten im ausgehenden Mittelalter in die Illegalität und teilweise sogar in die Kriminalität ab. Um den wirtschaftlichen Ruin aufzuhalten, begannen Einige damit, auf ihren Gebieten neue Strassenzölle zu erheben und bei Nichtbezahlung Waren zu beschlagnahmen und Händler mit Arrest zu belegen, was ihnen aus der Sicht der städtischen Kaufleute den Vorwurf des Raubrittertums einbrachte und sie in die Nähe von gemeinen Strassenräubern brachte. Die kleinadligen Grundherren standen in einer solchen spätmittelalterlichen Fehde gegen eine Übermacht, die sie längerfristig nicht gewinnen konnten. Sie wurden als Raubritter diskriminiert und bekämpft und starben schliesslich als Vertreter einer unzeitgemäss gewordenen Lebensform aus. Die Fehden eines Franz von Sickingen oder Götz von Berlichingen im ausgehenden Mittelalter sind vor diesem Hintergrund eines hoffnungslosen Existenzkampfes des Kleinadels im Spätmittelalter zu sehen. Der letzte kleinadlige Grundherr Europas, der den hoffnungslosen Kampf zur Bewahrung seiner Unabhängigkeit aufnahm und dabei, auf sein Fehderecht pochend, als Raubritter sein Ende fand, dürfte der sächsische Reichsritter Wilhelm von Grumbach (1503 – 1567) gewesen sein.

Wiederum andere Vertreter des spätmittelalterlichen Kleinadels, welche sich nicht in den Dienst und die Gefolgschaft eines hochadligen Fürsten oder einer aufstrebenden Stadt begaben und auch nicht in einer aussichtslosen Fehde den standesgemässen Untergang suchten, wanderten in die Städte ab oder sanken sogar ins Bauerntum ab. Infolge dieser Entwicklung wurden bereits vom frühen 14. Jahrhundert an einige Burgen verlassen und dem Zerfall preisgegeben. Andere Anlagen fielen Bränden zum Opfer und blieben Ruinen, da sich ihre Besitzer keinen Wiederaufbau leisten konnten, und schliesslich wurden im Spätmittelalter recht viele Burgen im Lauf von kriegerischen Auseinandersetzungen zerstört.

Obwohl der mittelalterliche Kleinadel im 14., 15. und 16. Jahrhundert politisch entmachtet und wirtschaftlich ruiniert wurde, blieben seine Lebensformen noch lange als Leitbilder der Oberschicht erhalten. So begann bereits um 1300 auch das reiche Bürgertum nach ritterlichem Vorbild ein Wappen zu führen und Turniere abzuhalten. Patrizier heirateten in Ritterfamilien hinein, kauften Adelsherrschaften auf, bezogen die Burgen als neue Wohnsitze und übten, soweit es die territorialen Gewalten zuliessen, herrschaftliche Rechte aus.

Eigentlich könnnen sie einem Leid tun - das meine ich ganz ohne Ironie.
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04.01.2017, 19:41
Beitrag: #6
RE: Der Altenburger Prinzenraub, Kriminalcoup od. eine schief gegangene Fehde?
Ich habe mir erlaubt aus diesem interessanten Komplex ein neues Thema zu machen

http://www.forum-geschichte.at/Forum/sho...p?tid=7299

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20.01.2017, 15:11
Beitrag: #7
RE: Der Altenburger Prinzenraub, Kriminalcoup od. eine schief gegangene Fehde?
Nochmals zurück zu Kunz von Kauffungen: dass er bei der Rechtsangelegenheit gegen den Kurfürsten zumindest auch Schiedssprüche erhielt, die für ihn günstig ausfielen, lässt vermuten, dass seine Ansprüche aus Sicht seiner Zeitgenossen nicht ganz unberechtigt waren.

Welche Möglichkeiten hätte er gehabt, gegen den Kurfürsten vorzugehen? Ein Anrufen der Reichsgerichte war nicht nur kostspielig, sondern es hätte Jahre gedauert, bis dort eine Entscheidung gefällt worden wäre und ob der Kurfürst dieser nachgekommen wäre, ist eine andere Frage.

Zwar bestand "per forma" für jeden im HRR die Möglichkeit, die Sache direkt vor den Kaiser zu bringen (selbst dann, wenn der Landesfürst das Recht hatte, dass nur er über seine Untertanen richten dürfe), aber abgesehen davon, dass er hier wohl auch Unterstützung am Kaiserhof benötigt hätte, dürfte Friedrich III. selbst kein Interesse daran gehabt haben, den Fall um Kunz als Vorwand zu nützen, um gegen den Kurfürsten vorzugehen. Dieser war nämlich ein Schwager des Kaisers und gehörte mit dem Markgrafen von Brandenburg zu jenen beiden Kurfürsten, die gewöhnlich bei Konflikten, auf deren Unterstützung der Kaiser gewöhnlich bauen konnte. (Anders als Sigmund ist Friedrich III. nie in die Situation geraten, dass die sieben Kurfürsten eine "Einheitsfront" gegen ihn gebildet hätten, was übrigens insofern interessant ist, als Friedrich III. anders als Sigmund keine der weltlichen Kurfürsten erst in diese Position gebracht hatte.)
Kurz gefasst: ein Konflikt Kaiser und Kurfürst (von Sachsen), den der Ritter Kunz vielleicht hätte für sich nutzen können, den gab es zu seiner Zeit nicht.

Eine weitere Möglichkeit wäre gewesen, die internen Konflikte unter den sächsischen Herrschern für sich zu nutzen, aber offensichtlich war Ritter Kunz nicht wichtig genug, dass jemand von ihnen seinen Konflikt mit dem Kurfürsten als Vorwand für eine Auseinandersetzung mit diesem genützt hätte, wovon Kunz auch hätte profitieren können. Mag sein, dass er als (treuer?) Gefolgsmann von Kurfürst Friedrich es verabsäumt hatte, Kontakte mit den anderen Wettinerhöfen zu knüpfen.

Der Umstand, dass Kunz die entführten Prinzen nach Böhmen schaffen wollte, dort Besitzungen hatte und seine Witwe und seine Söhne dort später vom böhmischen König etwas wie Unterstützung erfuhren, könnte sich vielleicht daraus erklären, dass beide Nachbarn waren und wohl auch nicht unbedingt die "besten" Freunde. Doch dürfte König Georg insgesamt auch nicht sicher etabliert gewesen sein, dass er an einem richtigen Konflikt mit dem Kurfürsten interessiert war. (Der Umstand, dass Georg letztlich selbst die Nachfolge des polnischen Königs anerkannte, obwohl er eigene Söhne hatte, zeigt deutlich, dass auch er ihrer Nachfolge offensichtlich keine wirklichen Chancen einräumte.)

Kunz hatte offensichtlich das Problem, dass er letztlich zu unwichtig und der Kurfürst zu mächtig war bzw. mit anderen Instanzen wie eben Kaiser zu eng "verbandelt" war, sodass es niemanden gab, dem sein Fall attraktiv genug gewesen wäre, um ihn als Vorwand für eine Auseinandersetzung zu nutzen. Ob er, wenn dieser Fall möglich gewesen wäre, letztlich auch der Verlierer gewesen wäre, ist natürlich auch zu bedenken.

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