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Pargfrieder
04.02.2019, 19:15
Beitrag: #1
Pargfrieder
Den Roman Pargfrieder von Stefan Heym habe ich seit geschätzt 20 Jahren im Bücherregal stehen. Damals gelesen.
Jetzt wieder entdeckt.
Und wieder gelesen.

Und mich versucht über wiki etwas kundig zu machen.
Den "Heldenberg" in Niederösterreich gibt es ja bis heute, der Web-Site nach inzwischen eine Art Disneyland.

Hat eine/r hier tiefergehenderes als Wiki?
Liest man Wiki, war die reale Person eigentlich noch "romanhafter" als Heyms Pargfrieder.

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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04.02.2019, 22:43
Beitrag: #2
RE: Pargfrieder
Hi Suebe,

wenn Du eine Vorliebe für bizarre Orte hast und es Dich einmal nach Österreich verschlägt, würde ich mir den Heldenberg schon anschauen. Es ist von Wien mit den Öffis erreichbar, allerdings ein Tagesausflug, daher empfiehlt sich eine Besichtigung im Sommer, wenn alle Museen geöffnet sind. Eine weitere Attraktion (wenn gleich nicht für mich) ist ein Automuseum. Außerdem hat ein Teil der Lippizaner am Heldenberg sein Sommerquartier.

Der Artikel auf Wikipedia mag nicht überwältigend sein, zumindest, was die biographischen Daten betrifft, dürfte er allerdings zutreffen. Die Artikel auf des Österreichischen Biographischen Lexikon, die als Lexikon in Buchform publiziert wurden und heute alle auch digital abrufbar sind, sind ab dem Buchstaben G durchaus gute, empfehlenswerte Erstinformation (zu Pargfrieder, siehe http://www.biographien.ac.at/oebl_7/325.pdf, ist auch bei Tante Wiki verlinkt.) Er dürfte im Wesentlichen den Wikipedia-Artikel zu Grunde liegen. Der Artikel bei Wurzbach ist vor allem von historischem Interesse, da er nur einige Jahre nach dem Tod von Pargfrieder publiziert wurde.

Da ich den Roman von Heym nicht kenne, kann ich nicht beurteilen, wie gut beziehungsweise wie glaubwürdig-authentisch sein Pargfrieder ist. Der Mann hatte jedenfalls eine durchaus bemerkenswerte Karriere, einen gewissen Sinn für die Inszenierung seines bleibenden Nachruhmsund dürfte selbst bereits zu Lebzeiten an seiner Legenden gebastelt haben.

"Der Heldenberg" ist auf Wikipedia ganz gut für eine erste Information beschrieben. Allerdings empfiehlt sich doch ein Besuch und die bizarre Szenerie tatsächlich begreifen zu können. Mit Disneyland würde ich ihn allerdings nicht vergleichen, für Kindern dürfte er doch zu langweilig sein.

Der übrigens auf Wikipedia empfohlene Roman "Narr" von Gerd Schilddorfer und David G.L. Weiss ist der zweite Teil einer Trilogie, die sich recht unterhaltsam liest (wenn gleich stellenweise doch ziemlich brutal), allerdings müssen die Lesenden schon bereit sein, ein paar unlogische Details hinzunehmen und etwas für den skurrilen, österreichischen Humor übrig haben. Die Trilogie ist allerdings ein toller Fremdenführer für Österreich-Touristinnen und -Touristen, die sich für ausgefallenere Orte (Geheimtipps) interessieren. "Narr" kommt einem Thriller vermutlich am nächsten, der erste Teil ist "Ewig" (das häufig mit Dan Browns "Sakrileg" verglichen wurde (Brown hat allerdings die logischere Handlung, Schilddorfer-Weiß die interessanteren Figuren), allerdings mich auch stark an den Roman "Das Montglane-Schachspiel" erinnert (vermutlich wäre es für den Roman besser gewesen, wenn er nicht nur Motive, sondern auch bei der Struktur sich an diesem Roman orientiert hätte). Der letzte Teil "Teufel" ist vermutlich am ambitioniertesten. Mir haben alle drei gut gefallen, wenn gleich mit einigen Abstrichen.

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05.02.2019, 20:53
Beitrag: #3
RE: Pargfrieder
Stefan Heym hat, im Roman, die eigenhändigen Aufzeichnungen Pargfrieders von einem sowjetischen Leutnant bekommen, den er in seiner Eigenschaft als US-Offizier 1945 in Wien kennenlernte. Der Sowjet-Leutnant war bei der sowjetischen Erstürmung des Heldenberges im April 45 dabei, und hat sich im Mausoleum diese Auzeichnungen angeeignet.
Soweit der Anfang des Romans.

Die Mutter der Kinder Pargfrieders ist bei Heym eine ital. Harfenistin, die er ein Leben lang "vera....." hmmm "zum besten hält".
Weiter unterschlägt Heym die Tochter, die im Real-Life einen Wiener Ziegelfabrikanten heiratet, und Pargfrieder beerbt.

Gut, Roman halt.

Was mich überaus verwundert hat, Heym nennt als Quellen zwei Professoren der Humbold-Uni Berlin, und weiter nur Deutsche, genauer Mitteldeutsche.
Lediglich zwei Damen aus Groß-Wetzdorf, eine damals schon verstorben, benennt er als Quellen aus Österreich.

Das erscheint mir nun so absolut nicht zielführend.
Roman halt.

Insofen denke ich, dass da über die faszinierende Person des Pargfrieder noch manches zu erfahren sein müsste.

Mal schauen wie ich an die von Dir genannte Literatur komme.

Könnte es sein, dass dieser Pargfrieder, genauer sein Heldenberg manchem in Ö. etwas peinlich ist?

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06.02.2019, 08:47
Beitrag: #4
RE: Pargfrieder
Interessant wäre allerdings, ob diese Pargfrieder-Aufzeichnungen, die Heym erhalten haben soll, tatsächlich existiert haben. Als Romanautor könnte diese Quelle auch ein Erfindung von ihm sein. Dass der Heldenberg von russischen Soldaten bei Kriegsende 1945 verwüstet und Pargfrieders Grabstätte zerstört wurde, ist Fakt, dass ein Autor dazu die Geschichte erfindet, dass einer dieser Soldaten dabei Pargfrieders Aufzeichnungen entwendet oder gefunden und zum Glück nicht zerstört hat, könnte ich mir gut vorstellen. Ein historischer Ansatzpunkt und eine glaubwürdige Fiktion - das spricht durchaus für die Fähigkeiten des Romanschriftstellers. (Ein solches, nebenbei sehr gelungenes Spiel mit Quellen, findet sich später bei Umberto Eco / "Der Name der Rose", doch bereits bei dem Autor Wolfram von Eschenbach (im Mittelalter) wird ein solches Spiel mit angeblichen Quellen für sein Epos "Parzifal" für möglich gehalten.)

Ob Pargfrieder den Österreichern schon immer peinlich war oder ob er ursprünglich, nach seinem Tod, nur mehr eine lokale Bekanntheit war, lässt sich nicht beurteilen. In diesem Fall darf auch nicht übersehen werden, dass das Weinviertel und das Waldviertel (und auch das Mühlviertel) 1945-1955 "russische Besatzungszone" waren und in wenige Jahre später durch den "Eisernen Vorhang" und die Grenze zum "Ostblock" zu jenen Gebieten zählten, die wirtschaftlich und auch touristisch mit Blick auf damalige politische Lage stark vernachlässigt wurden. (Gerade das Weinviertel hat sich davon noch nicht wirklich erholt, auch wenn heute natürlich touristisch hier einiges versucht wird.)

Es wäre daher durchaus vorstellbar, dass der "Heldenberg" aufgrund seiner geographischen Lage seine touristischen Möglichkeiten in jener Zeit der Zweiten Republik Österreich nicht entfalten konnte, wo diese tatsächlich so etwas wie ein "Österreichbewusstsein" besaß. Das ist inzwischen längst selbst Geschichte.

Im heutigen Österreich wird sehr viel touristisch gefördert, denn der Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftszweig und die, welche im heutigen Land Österreich das Sagen haben, haben keine Skrupel, alles, was tatsächlich Geld bringt, zu nützen.

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06.02.2019, 17:36
Beitrag: #5
RE: Pargfrieder
Ich halte die Geschichte über den Fund der Aufzeichnungen Pargfrieders für "Roman"
was wird auch im Wien des Jahres 1945 ein sowjetischer Leutnant einem US-Offizier, das war Heym zdZ, irgendwelche handrschriftlichen Aufzeichnungen anbieten, dafür in Sibirien landen, die Base des Leutnants bewahrt den Kladden dankenswerter Weise auf.
Nach 1990 trifft sich der ehem. Sowjet-Leutnant mit Heym und übergibt ihm den ´45 versprochenen Kladden.

Wenn das nicht Roman ist.

Ich habe vor vielen Jahren im Nirnwana einen Wiener (damals dort Moderator) auf den Heldenberg angesprochen, der war aber irgendwie gar nicht amüsiert.
Daher meine Vermutung.

Freitag muss mein Sohn ein paar Tage geschäftlich nach Wien, ich bat ihn wenn möglich den "Heldenberg" für mich zu besuchen.
Vielleicht macht ers ja. Er ist/war Radetzky-Fan.

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