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Amphicar und Hans Trippel oder die Faszination der Nazi-Technik-Projekte
05.07.2013, 20:25
Beitrag: #1
Amphicar und Hans Trippel oder die Faszination der Nazi-Technik-Projekte
Heute morgen las ich in der Autobild Klassik, dass sehr gut erhaltene Exemplare des Amphicar
[Bild: 250px-Amphicar_front_20080315.jpg]
inzwischen die 100.000 Euro Marke überschritten hätten.

Es bleiben Zweifel bei mir, ob es von dieser techn. "Gurke" überhaupt jemals "gut erhaltene Exemplare" gab. Mag ja sein, dass irgendein Gutachter eine Wertschätzung in dieser Höhe erstellt hat, aber dass es einer tatsächlich auf den Tisch gelegt hat, glaube ich nur mit notariell beglaubigtem Nachweis. OK, soll hier nicht Thema sein.

1968 in Eckernförde am Ludwigsburger Strand sah ich so ein Ding in Aktion.
Die DLRG dort hatte einen Amphicar und ist immer mal wieder damit "gewassert".

Das optisch ansprechende Auto war in der ersten Hälfte der 60er ein Blickfang auf allen Ausstellungen.

Der Amphicar war eine Konstruktion Hans Trippels, der als Finanziers für die Produktion des Amphicars die Quandt Brüder (damals nach Flick vermutlich die reichsten Deutschen) gewonnen hatte. Aber auch ihnen gelang es nicht, trotz erheblichem Einsatz an Geld, das Fahrzeug irgendwie Produktionsfähig zu machen. Insgesamt sollen kanpp 4.000 Stück mehr oder weniger "Werkstatt-mäßig" zusammengeschustert worden sein. Nur mit ganz erheblichen Anpassungsarbeiten an den meisten Teilen konnte Stück für Stück zusammengebaut werden.
So hat Quandt 1965 die Notbremse gezogen und die Produktion eingestellt. Was man damals mehr oder weniger "geheim" hielt und verkaufte noch jahrelang "Neuwagen".

Hans Trippel, von der Ausbildung her "Kaufmannsgehilfe" und technischer Autodidakt, hat sich lebenslang als Konstrukteur von Schwimmfahrzeugen betätigt.
Es gelang ihm immer wieder potente Geldgeber für seine Pläne zu gewinnen, vermutlich wird er für das 20. Jahrhundert den Rekord halten, was ein Einzelner an Geldern aus allen möglichen Quellen für seine "Ideen" in den Sand setzte.
In den 30ern, als alter Kämpfer (SA, später SS) bei Hitler vorstellig geworden, der ihm großzügig unter die Arme griff.
Die Militärs hätten bekanntlich sowieso am liebsten ein Auto, das gleichzeitig als Kriegsschiff, schwerer Panzer, Jagdflugzeug und strategischer Bomber einzusetzen wäre. insofern darf einen das Interesse der Wehrmacht für Trippel, der ja auch vom Führer s.o. höhere Weihen empfangen hatte, nicht weiter verwundern.
Seine Engagements in den 30ern gingen trotz allem kpl. in die Hose, nichts desto trotz gelang es ihm, 1941 das Bugatti-Werk in Molsheim im Elsass in die Finger zu bekommen. Produktionszahlen in Molsheim für die von ihm entworfenen Schwimmwagen werden in der Literatur genannt, die nie und nimmer sein können. Es kam eigentlich gar nichts heraus, viele verschiedene Projekte und einzelne Muster, aber nichts, gar nichts zählbares.
Irgendwann 1943 erkannte man reihum, Milch und auch Himmler, dass er für die Position dort völlig ungeeignet war, aber er schaffte es, wie auch immer, sie weiter innezuhaben.
1944 wurde der Betrieb, weiter unter seiner Leitung, nach Sulz am Neckar kriegsbedingt verlagert. wo in einem Stollen noch, völlig ohne irgend welche Ergebnisse, KZ-Häftlinge mit "Produktions-Versuchen" gequält wurden.

Zu Trippels Aktivitäten nach dem Krieg, nicht weniger interessant, morgen mehr.

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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06.07.2013, 11:36
Beitrag: #2
RE: Amphicar und Hans Trippel
Ein bißchen bedaure ich, dass ich nie die Bekanntschaft Trippels gemacht habe.
Er muss eine überaus faszinierende Persönlichkeit gewesen sein, (das ist jetzt meine Einschätzung) wem der alles Geld für seine Ideen aus der Nase gezogen hat, fast unglaublich.
Und die Ideen, man muss es in aller Deutlichkeit sehen, waren allesamt untauglich.
Wer so etwas so "verkauft" bringt, nicht nur einmal sondern zigmal über Jahrzehnte toppt den berühmten Verkäufer der den Eskimos Kühlschränke verhökert noch um Längen.

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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06.07.2013, 14:31
Beitrag: #3
RE: Amphicar und Hans Trippel
(05.07.2013 20:25)Suebe schrieb:  Das optisch ansprechende Auto war in der ersten Hälfte der 60er ein Blickfang auf allen Ausstellungen.

Mich erinnert das Ding immer an den DKW Junior bzw. F11/12.
(https://en.wikipedia.org/wiki/File:DKW_J...xe_02.jpg)

Auch der war bei seinem Erscheinen 1963 zumindest optisch up to date.

VG
Christian
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06.07.2013, 17:20
Beitrag: #4
RE: Amphicar und Hans Trippel
Trippel ist 1945 in Richtung Alpenfestung geflüchtet. Dort von den Amis festgenommen, und den Franzosen übergeben. Die haben ihn wegen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" zu einer langjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, 1948 amnestiert. Bei der Entnazifizierung mit einiger Mühe als Mitläufer davongekommen, wobei er die Allgemeinheit auf den Verfahrenskosten sitzen ließ. Nach ursprünglich über 40.000 DM forderte man am Schluss nur noch 300 DM von ihm, die man aber auch ausbuchen musste.

In alliierter Haft hatte er Fritz Kiehn aus Trossingen, Efka-Zigarettenpapier, kennengelernt.
Kiehn, in den verfluchten 12 Jahren auch eine größere Nummer, hatte damals eine ganze Anzahl von Personen, die "bessere Zeiten" erlebt hatten, bei sich am Rande der Schwäbischen Alb versammelt. Elly Beinhorn fällt mir gerade ein. In diese Gesellschaft passte Trippel vermutlich nicht schlecht. Jedenfalls heiratete er umgehend Kiehns Tochter.
Aber Trippel hatte natürlich Autopläne, Kiehn verschaffte sich und ihm die "chiron-Werke" in Tuttlingen und zusätzlich einen 2 Millionen DM Kredit des Landes Württemberg-Hohenzollern. Und das war sehr viel Geld damals.
Diesmal wollte Trippel keinen Schwimmwagen bauen, die Alliierten verstanden so etwas als Kriegsgerät, sondern ein winzig kleines 1 Meter und zehn Zentimeter hohes Fahrzeug ausgerüstet mit einem Horex-Motorradmotor. Es hätte relativ preiswert sein sollen, und wäre an mangelnder Nachfrage eingegangen. Leute die es wissen müssen, haben allerdings die Meinung vertreten, dass es bei weitem nicht "fertig" gewesen wäre, es Trippel auch in dem Fall am "Engineering" mangeln ließ.
Angeblich sollen später noch von verschiedenen "Lizenznehmern" mehrere hundert Stück gebaut worden sein. Aber ich habe erhebliche Zweifel.

Sei es wie es will, 1951 waren die 2 Millionen weg, Kiehn schmiß Trippel raus, die Tochter ließ sich scheiden, und das Land Württemberg-Hohenzollern hatte seinen ersten und einzigen Landtags-untersuchungsausschuss. Wie, wer und warum Trippel und Kiehn die
2 Millionen DM vom Land in den Rachen geworfen hätte....

Trippel hatte inzwischen natürlich längst wieder Schwimmwagenprojekte in Frankreich vernichtete er damit größere Summen, ein paar Geldvernichtungsschwimmwagen initiirte er in Deutschland, bis er an die Quandts mit dem Amphicar geriet. Ergebnis siehe oben.

Anschließend kam er als Gutachter zur Bundeswehr Huh laut Selbstzeugnis haben ihn die "erbärmlichen Konstruktionen" der damaligen Eurojeep-Projekte veranlasst, selbst wieder etwas "besseres" zu entwerfen.

Ich will jetzt und hier keine weitere Auflistung bringen, der interessierte kann dies anderweitig nachlesen. Es ist alles gescheitert, und seine jeweiligen Partner haben alle viel Geld verloren.

Jedenfalls hat Trippel noch 1990, er starb 2001, an seinem letzten Projekt "selbst Hand angelegt" was ihn mMn gut charakterisiert, er war ein Bastler, zeitlebens.
Es ist ihm gelungen, das "normale" Prinzip: Erfinder scheitert an mangelndem Geld, ins umgekehrte zu verdrehen:
Geld scheitert an mangelhaftem Erfinder. Angel


Die Gründe für seine "Erfolge"? Nun neben dem Eingangs genannten, möchte ich behaupten, dass er ohne die in den verfluchten 12 Jahren gewonnene Reputation undenkbar ist. Eine Karriere die nur so denkbar ist.



NS:
Noch eines, Trippel hatte nichts, aber auch gar nichts mit dem VW-Schwimmwagen zu tun. Derartige Berichte mangeln jeder Grundlage.

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08.07.2013, 11:23
Beitrag: #5
RE: Amphicar und Hans Trippel
Vielleicht sollte man diesen Thread erweitern.

Die Faszination der Nazi-Technik-Projekte

Trippel ist da allerdings ein Musterbeispiel. Insbesondere wie er sich diese Faszination zu Nutze machte.

Die Liste der dieser Faszination erliegenden ist allerdings sehr lang, wird täglich noch länger.
Wer in ein Computerspiel zum 2. WK schaut, begegnet allen möglichen solchen "Projekten" die ausgebreitet werden, als hätte es sie in Wirklichkeit gegeben.
Die Reichsflugscheiben und der gesamte Neuschwabenlandkomplex gehört hier rein.
Auch Jonastal und Co. wo immer neue Entdeckungen angekündigt werden, die dann doch nicht gemacht werden.

Aber so mancher seriöse ist auch reingefallen. Noch nicht lange her, hat sich der angesehene Technik-Historiker Karlsch mit "Hitlers Bombe" geoutet und sich damit böse in die braunen Kuhfladen gesetzt.

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