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Richard III und seine Darstellung in der Literatur
18.09.2016, 16:43
Beitrag: #1
Richard III und seine Darstellung in der Literatur
In englischen Geschichtsbüchern gilt er als der Schurke schlechthin- Richard III, der Neid- und Ehrgeiz zerfressene letzte Herrscher aus dem Hause Plantagenet, der beschuldigt wird, die Krone Englands widerrechtlich an sich gerissen und dafür seine beiden Neffen, die Söhne seines Bruders Edward IV ermordet zu haben.

Richard III ist der letzte König aus dem Haus Plantagenet, der letzte König der Familie York, der den Thron innehat. Sein Nachfolger, Heinrich Tudor beendet als Lancaster König Heinrich VII das Zeitalter der Rosenkriege, in dem er Elizabeth von York heiratet und somit die Häuser Lancaster un York wiedervereint.
Seine Geschichtsschreibung ist es, die seinen Vorgänger Richard als Monster auf dem Königsthron erscheinen läßt. Und doch...

Seit ich mich in Bezug auf die Kelten mit Caesars gallischem Krieg beschäftigt habe, habe ich keinen historischen Text mehr gelesen, ohne mir die Frage zu stellen, welchen Zweck der Autor verfolgt. Und als ich bei meiner sommerlichen Lektüre über Richard III erneut mit dieser Frage konfrontiert war, war klar, dass ich dazu meinen Senf abgeben wollte.

Ich werde den bereits vorverfaßten Text in mehreren aufeinanderfolgenden Beiträgen verfassen (lange Beiträge liest keiner) und nach und nach hier einstellen.

Auf dem Grabstein dess Kapitalismus wird stehen: "Zuviel war nicht genug"
Volker Pispers
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18.09.2016, 16:49
Beitrag: #2
RE: Richard III und seine Darstellung in der Literatur
(18.09.2016 16:43)Bunbury schrieb:  In englischen Geschichtsbüchern gilt er als der Schurke schlechthin-

Wenn man seine blutige Biografie betrachtet, ist das nicht verwunderlich.
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18.09.2016, 16:57
Beitrag: #3
Kurzer Überblick über Daten
Bevor ich an die literarische Darstellung gehe, ein ganz kurzer Abriß über die Fakten: (Manche Daten sind umstritten, ich folge hier Josephine Tey, die sich vermutlich auf Horace Walpole beruft)

Edward IV stirbt am 9. April 1483 völlig überraschend in London. Thronfolger ist sein damals 13 jähriger Sohn Edward. Zum Vormund und Protector hat Edward in seinem Testament seinen Bruder Richard von Gloucester ernannt, der sich zum Zeitpunkt von Edwards Tod in London aufhält.
Der Bruder der Königin und Erzieher Edwards, Lord Rivers und der Sohn aus erster Ehe der Königin, Thomas Grey, der Earl of Dorset, versuchen, die Kontrolle über den Thronfolger sowie den Staatsschatz und das Militär zu übernehmen und erlassen ohne Zustimmung Richards Gesetze.
Richard kommt von Norden und mit der Hilfe des Earl of Buckingham entwaffnet er Rivers und setzt ihn gefangen. Er nimmt seinen Neffen in Obhut und erreicht mit ihm am 4.Mai London.
Am 8. Juni sprach der Bischof von Bath, Robert Stillington, vor der Ratsversammlung, am 9. Juni vor dem Parlament. Er gab an, Edward IV mit Eleanor Butler getraut zu haben, bevor dieser Elizabeth Woodward geheiratet habe. Die Ehe mit letzterer sei somit ungültig gewesen, die gemeinsamen Kinder illegitim.
Am 20. Juni bezieht Richard mit kleinem Gefolge den Tower, um dort eine Verschwörung aufzudecken. Er läßt seinen früheren Freund Lord Hastings, Lord Stanley und John Morton, den Bischof von Ely wegen eines angeblichen Mordkomplottes gegen ihn verhaften. Am 25. Juni bestätigt das parlament Richards Thronanspruch mit dem "Titulus Regius". Es erklärt die Kinder Edward IV und Elizabeth Woodvilles für illegitim und Richard zum rechtmäßigen Thronfolger. Am 6. Juli wird Richard zum König gekrönt.
Im Oktober 1483 scheitert eine Invasion Heinrich Tudors in England, der Earl of Buckingham, henry Stafford, bis dahin enger Vertrauter Richards, wird verhaftet und hingerichtet. Im April 1484 starb Richards Sohn, im März 1485 seine Frau Anne.
Im Sommer startete Heinrich VII eine erneute Invasion in England, und am 22.8. 1485 fiel Richard in der Schlacht von Bosworth, nachdem Lord Stanley zu Heinrich übergelaufen war.
Heinrich VII heiratete Elizabeth von York, die älteste Tochter Edwards IV und begründete die Linie der Tudors.

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18.09.2016, 17:02
Beitrag: #4
Darstellung bei Shakespeare
Die Darstellung bei Shakespeare hat Richards Bild über die Jahrhunderte geprägt. Da sie das ist, was den meisten geläufig ist, werde ich mich mit einer sehr kurzen Darstellung begnügen- es steht jedem frei, diese entsprechend zu ergänzen. Smile

Shakespeares Richard ist ein skrupelloser, von Neid und Eifersucht zerfressener Bösewicht, innerlich wie äußerlich verkrüppelt, der sich seinen Weg zum Thron freigemordet hat. Er lässt erst seinen Bruder George, Herzog von Clarence ermorden, später dann seine beiden Neffen, um sich selbst zum König zu erklären. Als König verstößt er seine Frau, um seine Nichte Elizabeth heiraten zu können, und sein Weg ist gesäumt von Hinrichtungen. Shakespeares Richard ist paranoid, grausam, rachsüchtig.

Shakespeares Bild von Richard III stürtzt sich auf die Darstellung von Thomas Morus, dem Lordkanzler Heinrichs VIII.

Allerdings sollte bei beiden eines nicht außer Acht gelassen werden- Morus wie auch Shakespear wirkten unter den Tudors...

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18.09.2016, 17:05
Beitrag: #5
Darstellung bei Jean Plaidy I
Im Jahr 1950 verfasste die Schriftstellerin Eleanore Hibbert unter ihrem Pseudonym Jean Plaidy einen Roman mit dem Originaltitel „The Goldsmith Wife“. Hauptperson ihres Romans ist Jane Shore, die Hauptmätresse Edward IV. Das Hauptaugenmerk richtet sich in diesem Roman zwar vor allem auf Janes Beziehung zu den Männern (Richard ließ sie später wegen Hurerei zu einem Bußgang verurteilen), aber Plaidy beschreibt auch Edward und Richard. Edward wird als charmanter, leichtlebiger Charakter beschrieben, der das Leben vor allem genießen will, und Schwierigkeiten am liebsten nicht zur Kenntnis nimmt oder aber durch Mord beseitigt. Ohne ihn jemals so zu nennen, zeichnet Plaidy das Bild eines Größenselbst- Narzissten. (Edward IV weist in ihrer Darstellung viel Ähnlichkeit mit Henry VIII, dem sie ebenfalls einige Bücher gewidmet hat). Richard dagegen ist der stille, ernsthafte, dem das Wohl des Königreichs über alles geht. Je ausschweifender Edward sich verhält, umso mehr gelangt Richard zu der Überzeugung, besseres für England bewirken zu können. Zugleich leidet er darunter, dass sein Bruder so mühelos die Zuneigung der Menschen gewinnt, was ihm nicht möglich ist.
Ständiger Intrigant ist der mittlere Bruder, George, der Herzog von Clarence. Es ist ausschließlich dem Familiensinn seiner beiden Brüder zu verdanken, dass George überhaupt so lange am Leben bleibt. Als er jedoch eine letzte Intrige gegen Edward anzettelt, wird es seinem Bruder zu viel. In Plaidys Roman ist es George, der Bischof Stillington aufspürt, der die Eheschließung Edwards IV mit Eleanor Butler bezeugt und somit Edwards Ehe mit Elizabeth Woodville für ungültig erklärt. Die Kinder der beiden wären somit illegitim und George der Erbe seines Bruders. In Plaidys Darstellung beratschlagen Edward und Richard, was sie mit George anstellen sollen. Während Richard zwar erkennt, dass der Mord an George ihn zum König machen würde, sobald Edward stürbe, ist er zu diesem Schritt nicht bereit. Edward hingegen sieht seine Familie bedroht und gibt den Mordbefehl.

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18.09.2016, 17:11
Beitrag: #6
Darstellung bei Jean Plaidy II
Nach Edwards Tod gerät Jane unter den Einfluss von Thomas Grey, dem Earl of Dorset. Grey ist der Sohn Elizabeth Woodvilles aus erster Ehe. Grey und seine Mutter widersetzen sich Edwards Anordnung, die Richard zum Vormund für Edwards Sohn machen. Grey hat Hastings Vor-liebe für Jane erkannt und benutzt diese, um Hastings auf die Seite der Woodville Fraktion zu ziehen. Hastings bezahlt dafür mit seinem Leben, Jane wird zum Bußgang und Gefängnis verurteilt.
Durch Janes Haft drückt sich die Autorin um die Frage, warum Richard die Ehe Edwards IV mit Eleanor Butler bekannt gemacht hat. Jane erfährt in der Haft von dem Gesetz, das die Kinder Edwards IV zu Bastarden und Richard zum Thronfolger er-klärt.
Obwohl die Autorin Richard Verfolgungswahn und Neid unterstellt (wenn auch nicht in dem Maße wie Shakespeare es tat) ist für sie ein anderer der wahre Bösewicht.
John Morton, Bischof von Ely, plante den Sturz Richards und zog dafür den Herzog von Buckingham, Henry Stafford, den engsten Vertrauten Richards, auf seine Seite. Stafford stammte selbst von Edward III ab und galt als Thronanwärter (und wird bei Wikipedia als einer der Verdächtigen für den Tod der Prinzen gesehen).
Gemeinsam schmiedeten sie ein Komplott, bei dem der ehrgeizige Bischof Stafford in dem Glauben ließ, es ginge darum, ihm den Thron zu verschaffen. In Wahrheit hatte Morton schon längst Kontakt zu Henry Tudor aufgenommen. Morton überzeugte Stafford davon, dass Richard am Ende als Usurpator dastehen müsse, der den Thron widerrechtlich an sich gerissen habe und der seine beiden erbberechtigten Neffen Edward und Richard hatte er morden lassen, damit er, Stafford den Thron bestei¬gen könne. Morton plant, die beiden Prinzen ermorden zu lassen, wenn Richard tot ist. Um es ihm aber anhängen zu können, streut er mit Staffords Hilfe schon vorher Gerüchte, die Prinzen seien tot.
Stafford stachelt einen Aufstand an, der niedergeschlagen wird und für den er hingerichtet wird, aber Morton verfolgt seine Pläne mit Heinrich Tudor weiter. Nach der Thronbesteigung Henrys VII und seiner Hochzeit mit Elizabeth von York werden die beiden Jungen nachts im Schlaf ermordet und im Tower begraben, Plaidy lässt offen, ob auf Mortons oder Henrys Befehl.

Als Quellen gibt Plaidy neben der Schrift des Thomas Morus das Geschichtswerk von James Gairdner an sowie die Schrift "Historic Doubts of the life of Richard III" von Horace Walpole

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18.09.2016, 17:23
Beitrag: #7
Darstellung bei Josephine Tey I
In kurzem zeitlichem Abstand zu Jean Plaidy veröffentlichte die schottische Schriftstellerin Elizabeth MacIntosh unter ihrem Pseudonym Josephine Tey 1952 den Roman "Daughter of Time."

Im Gegensatz zu Plaidys Roman ist "Daughter of Time", (dtsch: "Alibi für einen König") kein historischer Roman. Er spielt in London 1950 und Hauptakteur ist Alan Grant, der Polizeiinsepektor, über den Tey schon sechs weitere Bücher zuvor verfaßt hatte.
"Daughter of Time" wurde von der Vereinigung britischer Krimiautoren zum besten Krimi aller Zeiten gewählt.

Insepktor Alan Grant muss wegen eines Unfalls das Krankenhausbett hüten. Um sich die Zeit zu vertreiben, beauftragt er eine Freundin, ihm Rätsel der Vergangenheit zu besorgen, mit denen er sich beschäftigen kann. Unter den angebotenen Rätseln ist das Verschwinden der Prinzen im Tower, das in den englischen Geschichtsbüchern Richard III angekreidet wird.
Ein zugehöriges Porträt von Richard III weckt Grants Neugier.
Zuerst verschafft er sich einen Überblick durch die Geschichtsbücher. Erstaunt stellt er fest, dass Richard III politisch als ehrenwert und als Mann mit großen Fähigkeiten, im persönlichen Bereich aber von Neid und Ehrgeiz zerfressen beschrieben wird. Ein Buch über die parlamentarische Geschichte Englands bescheinigt Richard gar, das liberalste und fortschrittlichste Parlament geführt zu haben, das es in England je gegeben habe, der Vergleich zwischen dem Leben eines französischen und eines englischen einfachen Mannes fällt zu Richards Gunsten aus. Auch bescheinigem ihm auch seine ärgsten Feinde große Anhänglichkeit an seinen Bruder Edward.
Grants Neugier ist jetzt erst recht geweckt und er nimmt die Ermittlungen auf.
(Und wer in Erwägung zieht, dieses überaus lesenswerte Buch, das beste, das ich in den letzten Jahren gelesen habe, selbst zu lesen, sollte die nächsten Absätze am besten überspringen.)

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18.09.2016, 17:28
Beitrag: #8
Josephine Teys Ermittlungen: Thomas Morus
Wie in einem Kriminalfall wendet sich Grant jetzt dem wichtigsten Zeugen zu- Thomas Morus. Auf Morus geht Shakespeares Richard III zurück, es ist Morus, der Richards Bild in der Geschichte geprägt hat.
Aber Grant findet heraus, dass Morus zum Zeitpunkt, als Richard zum König erklärt wurde, erst fünf Jahre alt war und acht, als Richard starb. Morus hat sein Wissen also aus zweiter Hand- und ist als Zeuge in Grants Augen somit ungeeignet. Umso mehr, als Grant herausfindet, dass Thomas Morus im Haushalt John Mortons´,des Bischofs von Elys erzogen wurde. Genau jenes John Mortons, der gemeinsam mit Hastings und Stanley wegen der Verschwörung gegen Richard verhaftet wurde. Mit Hilfe Brent Carradines, eines jungen Mannes, der für Grant die Laufarbeit übernimmt) findet Grant heraus, dass die Schrift über Richard Thomas Morus überhaupt nur deshalb zugeschrieben wird, weil man sie nach seinem Tod in seiner Handschrift unter seinen Schriften fand. Da zu jener Zeit die Buchdruckerei noch nicht weitverbreitet war, gilt es heute als ziemlich wahrscheinlich, dass Morus gar nicht der Verfasser war, sondern dass es sich bei dem Bericht nur um die Kopie handelte, die Morus für sich selbst anfertigte.
Grant spricht im folgenden dann auch von "John Mortons Bericht"- er glaubt, dass Morus den bericht von seinem Mentor abgeschrieben hat.

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18.09.2016, 17:34
Beitrag: #9
Josephine Teys Ermittlungen: Heinrichs VII Anklage gegen Richard & Richards Motiv
Für Grant ist Morus damit kein zuverlässiger Zeuge mehr. Seine Suche nach einer anderen zeitgenössischen Quelle bleibt insofern erfolglos, weil die Schreiber, die Richard noch gekannt hatten, für die Tudors schrieben.

Grants Adjutant Carradine stößt auf eine weitere Ungereimtheit. Nach Heinrichs VII Sieg über Richardbei Bosworth ließ Heinrich Anklage gegen Richard vor dem Parlament erheben. Er bezichtigte ihn der Grausamkeit und der Tyrannei.
Wessen er ihn nicht anklagt ist- der Mord an den beiden Prinzen. Dies erscheint Grant und Carradine seltsam- Quellen berichten, Heinrich VII hätte sofort den Tower übernommen. Wenn die Prinzen verschwunden gewesen wären, warum schlug Heinrich daraus kein Kapital? Es wäre doch eine stärkere Anklage gegen Richard gewesen als wegen unbestimmter Tyrannei und Grausamkeit.
Grant zieht daraus den Schluss, dass die Prinzen noch gelebt haben müssen, als Heinrich VII den Tower übernahm.
Grant zieht seine eigene Schlussfolgerung in Zweifel, als er sich daran erinnert, dass ein Mann namens Tyrrell den Mord an den Prinzen gestanden hat und dafür geköpft wurde.
Dann jedoch findet er heraus, dass Tyrrell den Mord erst im Jahr 1502 gestanden hat- also 19 Jahre nach dem angeblichen Mord und auch das erscheint ihm seltsam.
Eine weitere Frage, die er sich stellt, ist die Frage nach dem Motiv. In der Tat fehlt für Richard das eindeutige Motiv. Er hatte seine Neffen für illegitim erklären lassen- und somit war sein Motiv für den Mord an ihnen nicht stärker als für mindestens weitere sieben Personen. Jeder von ihnen hätte als Thronanwärter herhalten können, um Richard zu stürzen. Der Mord an den beiden Jungen hätte diese Gefahr also nicht gebannt.

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18.09.2016, 17:41
Beitrag: #10
Josephine Teys Ermittlungen: Ablauf der Ereignisse
Grant und Carradine fangen an, nach Hinweisen in den Büchern zu suchen, die keine geschichtlichen sein sollen. Persönlich Briefe, Grundbücher, Haushaltsabrechnungen. Sie fangen damit an, zu überprüfen, was jeder einzelne tat, als Edward IV unerwartet starb.
Carradine ermittelt, dass Elizabeth Woodville, ihre Töchter und Prinz Richard in Westminster waren, als Edward am 9. April 1483 starb. Prinz Edward wurde vom Bruder der Königin, Lord Rivers in Ludlow erzogen und Richard war an der schottischen Grenze. Er ließ in York ein Requiem für seinen toten Bruder halten und leistete Edward V den Treueeid. Lord Rivers brach am 24.4. mit Edward, 2000 Mann und einer Menge Waffen nach London auf. Der älteste Sohn von Elizabeth Woodville, Halbbruder von König Edward V, Lord Dorset, übernahm den Befehl über das Arsenal und die Schatzkammer im Tower. Im Namen von Rivers und Dorset wurden Ratsbeschlüsse erlassen, wobei Richard entgegen dem Willen seines Bruders, der Richard zum Vormund seines Sohnes und Regenten für ihn ernannt hatte, völlig übergangen wurde.
Richard traf am 29.4. mit 600 Edelleuten aus dem Norden in Ludlow ein, wo ihn der Herzog von Buckingham mit 300 Leuten erwartete. Gemeinsam nahmen sie Rivers und seine Gefolgsleute fest, Richard ritt mit seinem Neffen nach London, wo er am 4.Mai eintraf.
Mit diesen Fakten gilt für Grant Morus Aussage widerlegt, dass Richard die Königin zu überredet versucht habe, den Prinzen nur mit einer kleinen Eskorte zu ihm zu schicken.
Als Richard in London eintraf, hatte sich Elizabeth Woodville mit ihren Töchtern, ihrem jüngeren Sohn und Dorset in die Freistatt nach Westminster begeben. Richard brachte den Prinzen im Bischöflichen Palast unter und nahm selbst bei seiner Mutter Quartier, bis am 5. Juni seine Frau Anne Neville in London eintraf, danach bezog er ein eigenes Quartier.

Dokumente belegen, dass es keine Einwände gegen Richard als Protektor gegeben hat, er wird sogar als Protektor anerkannt, bevor er in London eintraf. Am 5. Juni gab er detaillierte Anweisungen für die Krönung des Thronfolgers zum König am 22. Juni, Carradine spürt sogar eine Bestellung für die Krönungsroben für Edward auf. Alles sei normal gewesen bis zu einer Ratssitzung am 8. Juni, an der der Bischof von Bath vor der Ratsversammlung erschien, um eine wichtige Ankündigung zu machen. Carradine hat darüber einen zeitgenössischen Bericht in den Memoiren des Philippe de Commines gefunden- dem einzigen, der vor Richards Tod schrieb und somit nicht zur Tudor Zeit.
Der Bischof von Bath, Robert Stillington, erzählte dem Rat am 8. Juni 1483, dass er Edward IV heimlich mit Eleanor Butler getraut habe, bevor Edward Elizabeth Woodville heiratete. Am 9. Juni wurde die Angelegenheit im Parlament besprochen, und am 10. Juni schickte Richard einen Brief an die Stadt York und bat um Truppen für seinen Schutz, am 11. Schickte er einen Brief gleichen Inhalts an seinen Cousin Lord Nevill.
Am 20. Juni (bei Wikipedia steht 13. Juni) bezog Richard mit einem kleinen Gefolge den Tower, um eine Sitzung der Verschwörer zu sprengen. Er ließ Lord Hastings, Lord Stanley und John Morton, den Bischof von Ely verhaften. Es gab eine Proklamation, die Einzelheiten des Mordkomplotts gegen Richard enthielt, von der jedoch keine Abschrift enthalten ist.

Carradine widerspricht Morus´ Aussage, Hastings sei in den Hof gezerrt und sofort hingerichtet worden, durch einen zeitgenössischen Brief, der das Datum der Hinrichtung eine Woche später nennt. Gleichwohl sprach Richard der Witwe von Hastings die eingezogenen Besitzungen wieder zu und sicherte seinen Kindern das Erbrecht, das mit der Hinrichtung automatisch verloren gegangen war.
Stanley wurde begnadigt, Morton wurde unter Buckinghams Obhut in Ehrenhaft gegeben. Hingerichtet wurden der Earl of Rivers und seine drei Gehilfen. Jane Shore, die als Zwischenträgerin zwischen Hastings und den Woodvilles verhaftet wurde, wurde zur Buße verurteilt.
Eine besondere Rachsucht seitens Richards ist hier also nicht festzustellen.

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18.09.2016, 17:45
Beitrag: #11
Josephine Teys Ermittlungen: Titulus Regius
Das Parlament erließ ein Gesetz, den Titulus Regius, der die Kinder Edwards IV mit Elizabeth Woodville für illegitim und Richard III zum rechtmäßigen König von England erklärte.
Am 16. Juni schickte Elizabeth Woodville ihren Sohn Richard auf Wunsch des Erzbischofs von Canterbury zu seinem Bruder in den Tower.

Carradine findet heraus, dass Heinrich VII nach seiner Thronbesteigung befahl, den Titulus Regius ungelesen zu widerrufen Die Urkunde sowie jede vorhandene Abschrift sollte vernichtet werden, auf behalten einer Abschrift stand eine Gefängnisstrafe.
Grant liest erneut im Morus nach, den er nun für sich als „John Mortons Bericht“ bezeichnet. Morton musste genau gewusst haben, was sich im Juni 1483 abgespielt hatte- aber er erwähnt nichts davon. Weder den Titulus Regius noch Eleanore Butler. Er erwähnt eine Elisabeth Lucy, die mit Edward früher verheiratet gewesen sein solle, was diese aber geleugnet habe.
Morton wurde Heinrich VII zum Erzbischof von Canterbury ernannt und galt als treuer Anhänger Heinrichs, und Grant wertet Mortons Bericht über den Juni 1483 als Versuch, Heinrichs Bemühen, den Titulus Regius in Vergessenheit geraten zu lassen, zu unterstützen.
Grant findet heraus, dass Morton seine Gastfreundschaft bei Buckingham dazu genutzt hatte, eine weitere Verschwörung gegen Richard anzuzetteln, nach deren Niederschlagung er zunächst nach Ely und dann nach Frankreich geflohen war.

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18.09.2016, 17:52
Beitrag: #12
Josephine Teys Ermittlungen: Das verhalten der königlichen Familie
Obwohl Historiker (Tey nennt hier insbesondere Olliphant) den Mord an den Prinzen nicht in Zweifel ziehen, wundern sie sich dennoch darüber, dass Richard den Tod seiner Neffen nicht öffentlich gemacht hat. Tödliche Krankheiten waren zu jener Zeit nicht ungewöhnlich- Richard hätte einfach behaupten könne, die beiden seien einem Fieber zum Opfer gefallen, hätte sie öffentlich aufbahren lassen können. Grant befindet, dass jemand, der so viel Weitblick bewiesen habe wie Richard bei seinen militärischen Aktionen, könne unmöglich so dumm gehandelt haben. Laut Morus soll der Mord zwischen dem 7. Und 15. Juli geschehen sein, in einer Zeit, in der nicht ein einziges zeitgenössisches Dokument Unzufriedenheit mit Richard nahelegt.

Im Herbst danach fand die von John Morton geplante Invasion Heinrich VII statt, die mangels Unterstützung in der englischen Bevölkerung scheiterte und Grant fragt sich erneut, warum die Lancaster Anhänger die Morde nicht als Aufhänger benutzt hätten, wenn die Gerüchte doch angeblich schon überall im Land verbreitet waren?

Grant überprüft, was mit Stillington nach seiner Aussage vor dem Parlament passierte. Stillington lebte normal weiter, ohne besondere Beförderung, ohne besondere Belohnung- für Grant ein Anzeichen dafür, dass Stillingtons Aussage der Wahrheit entspricht.
Carradine und Grant ermitteln weiterhin, dass Elizabeth Woodville und ihre Töchter bald nach der Niederschlagung des Aufstandes die Freistatt in Westminster verließen und an Feierlichkeiten im Königlichen Schloss teilnahmen. Elizabeth Woodville schrieb ihrem Sohn Lord Dorset ins französische Exil, er solle heimkommen und seinen Frieden mit Richard machen.
Beides für Grant und Carradine überzeugende Hinweise darauf, dass Edward und Richard zu jenem Zeitpunkt noch lebten.
Carradine ermittelt weiter, dass aller Personen, die Ansprüche auf den Thron hätten erheben können, Richards Regierungszeit nicht nur überlebten, sondern während seiner Zeit sogar hervorragende Stellungen hatten und gut versorgt waren. Richard hatte nach dem Tod seines Sohnes Georges Sohn zum Erben bestimmt.

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18.09.2016, 17:53
Beitrag: #13
RE: Darstellung bei Shakespeare
(18.09.2016 17:02)Bunbury schrieb:  Die Darstellung bei Shakespeare hat Richards Bild über die Jahrhunderte geprägt. Da sie das ist, was den meisten geläufig ist, werde ich mich mit einer sehr kurzen Darstellung begnügen- es steht jedem frei, diese entsprechend zu ergänzen. Smile

Shakespeares Richard ist ein skrupelloser, von Neid und Eifersucht zerfressener Bösewicht, innerlich wie äußerlich verkrüppelt, der sich seinen Weg zum Thron freigemordet hat. Er lässt erst seinen Bruder George, Herzog von Clarence ermorden, später dann seine beiden Neffen, um sich selbst zum König zu erklären. Als König verstößt er seine Frau, um seine Nichte Elizabeth heiraten zu können, und sein Weg ist gesäumt von Hinrichtungen. Shakespeares Richard ist paranoid, grausam, rachsüchtig.

Shakespeares Bild von Richard III stürtzt sich auf die Darstellung von Thomas Morus, dem Lordkanzler Heinrichs VIII.

Allerdings sollte bei beiden eines nicht außer Acht gelassen werden- Morus wie auch Shakespear wirkten unter den Tudors...

Kleine Ergänzung dazu:

Richard III. ist vor allem als Hauptfigur des gleichnamigen Dramas von William Shakespeare bekannt, er spielt aber bereits eine Nebenrolle im dritten Teil der Trilogie "Henry VI.", die ebefalls Shakespeare zugeschrieben wird. (Muss man gelesen haben, ist aber tatsächlich so etwas wie eine Vorgeschichte von "Richard III."?) Die Charakteristik Richards ist bei Shakespeare jedenfalls in beiden Werken aufeinander abgestimmt.

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Nur die Geschichtenschreiber erzählen uns, was die Leute dachten.
Wissenschaftliche Forscher halten sich streng an das, was sie taten.

Josephine Tey, Alibi für einen König
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18.09.2016, 17:54
Beitrag: #14
Josephine Teys Ermittlungen: Gerüchte
Als sie in ihren Ermittlungen so weit sind, kommt ein Rückschlag- Carradine entdeckt in einer zu Richards Lebzeiten verfassten Chronik (Croydon Chronicles) die Behauptung, die Prinzen seien tot. Aber Grant kommt ein Verdacht, und er beauftragt Carradine zu überprüfen, ob ein gleiches Gerücht in Frankreich kurze Zeit später auftaucht. Tatsächlich findet Carradine es (philippe des Commines)- und für Grant steht fest, dass der Urheber des Gerüchtes niemand anderer ist als John Morton. Die Chronik stammt aus der Gegend, in die Morton floh, nachdem Heinrichs VII Invasion gescheitert war, und es taucht in Frankreich auf, als Morton dort hin flüchtet.

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18.09.2016, 17:57
Beitrag: #15
Josephine Teys Ermittlungen: Schlussfolgerungen
Grant zieht letztendlich den Schluss, dass die beiden Prinzen eben nicht im Sommer 1483 ermordet wurden. Das Verhalten aller Mitglieder der königlichen Familie weist nicht darauf hin, dass innerhalb der Familie ein Mord geschehen war. Richard hätte darüber hinaus keinen Vorteil vom Tod der Jungen gehabt.
Heinrich VII hingegen ließ den Titulus Regius annullieren. Und mit der Annullierung des Titulus Regius wäre Edward der rechtmäßige Thronfolger gewesen, sein Bruder Richard nach ihm. Heinrich VII, der die älteste Tochter Edwards IV, Elizabeth von York, geheiratet hatte, hatte also ein Motiv, die Prinzen zu ermorden.
Um diese These zu überprüfen, überprüft Grant zweierlei: Was hat es mit dem Geständnis von Tyrrell auf sich? Und was wurde aus den Thronerben, die Richard überlebt hatten, unter Heinrich VII?

Elizabeth von York wurde mit Heinrich VII verheiratet, drei ihrer jüngeren Schwestern mit zuverlässigen Lancaster Leuten, die jüngste Schwester wurde Nonne. Georges Sohn wurde wegen angeblicher Verschwörung verhaftet und hingerichtet. Georges Tochter wurde unter Heinrich VIII verhaftet und hingerichtet, ihr Tod gilt bis heute als Justizmord. Der älteste Sohn der ältesten Schwester von Edward und Richard kam bei einem Aufstand gegen Heinrich um, sein jüngerer Bruder wurde auch wieder von Heinrich VIII hingerichtet, nachdem sein Vater ihn „nur“ lebenslang einkerkern wollte. Richards illegitimer Sohn wurde von Heinrich VII hingerichtet, weil er eine Einladung nach Irland empfangen hatte.

Die Ermittlungen über Tyrrell ergaben, dass er eine wichtige Persönlichkeit war und unter Edward IV viele Ämter innehatte. Unter Heinrich VII wurde er zum Festungskommandanten von Gusiness, später zum Gesandten nach Rom ernannt. Heinrich bewilligte ihm lebenslang die Einkünfte einiger Güter in Wales, später wurden sie gegen Einkünfte in Gusiness getauscht. Grant fällt sofort aus, dass alle Ehrenämter und später sogar alle Einnahme außerhalb Englands liegen.
1502 kommt Heinrich zu Ohren, dass Tyrrell bereit gewesen sei, einem Yorkisten zur Flucht zu ver-helfen, weswegen er die Burgfeste in Gusines zunächst belagerte. Dann schickte ihm Heinrich den Lord Siegelbewahrer und sicherte ihm freies Geleit zu, wenn er an Bord eines Schiffes käme und mit dem Schatzkanzler spräche. Tyrrell kam und landete im Verlies im Tower, wo er am 6.5.1502 ohne Verhandlung in großer Eile geköpft wurde. Ein schriftliches Geständnis von James Tyrrell ist nicht überliefert. Heinrichs Geschichtsschreiber behauptet zwar, Tyrrell habe den Mord gestanden, aber das Geständnis selbst existiert nicht. Von Tyrrell Geständnis erfuhr man also erst nach Tyrells Tod.
Grants Recherchen ergeben weiterhin, dass Bischof Stillington unter Heinrich VII verhaftet und ein-gekerkert wurde. Ein Prozess findet nicht statt, und Stillington verschwindet. Im August 1485 besteigt Heinrich VII den Thron, im Januar 1486 heiratet er Elizabeth. Im September, bei der Taufe des Sohnes Arthurs, ist Elizabeth Woodville noch dabei- im Februar 1487 wird die für den Rest ihres Lebens in einem Kloster eingesperrt, ihre Besitztümer eingezogen.
Am 16. Juni 1486 erhielt James Tyrrell Generalpardon, was nicht unüblich war, wenn ein neuer König auf dem Thron saß. Ungewöhnlich ist lediglich, dass James Tyrrell am 16.Juli 1486 ein zweites Mal ein Generalpardon erhielt- Kommandant der Burg Guisness wurde er beinahe unverzüglich danach.

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18.09.2016, 17:59
Beitrag: #16
Josephine Teys Ermittlungen: Quellen
Für Grant ist der Mörder der Prinzen Heinrich VII. Richard hatte kein Motiv- der einzige Sinn, den ihr Tod für Richard gehabt hätte, wäre es, einen Aufstand zu ihren Gunsten zu verhindern. Aber in dem Fall hätte ihr Tod öffentlich gemacht sein müssen.
In Heinrichs Fall war das anders- er musste verschleiern, wann oder wie sie gestorben waren. Für ihn war es nur wichtig, dass sie aus dem Weg waren und dass man ihr Verschwinden nicht mit ihm in Zusammenhang brachte. Für Heinrich gab es ein zwingendes Motiv für den Mord- er legitimierte seinen eigenen Thronanspruch auch damit, dass er mit Elizabeth von York die legitime Nachfolgerin Edward IV heiratete- wäre aber Elizabeth legitim gewesen, wären ihr älterer Bruder König und der jüngere Thronfolger gewesen.
Teys Buch endet damit, dass Carradine herausfindet, dass Grant und er nicht die ersten sind, die Richards Unschuld ermittelten. Ein Mann namens Buck schrieb eine Rechtfertigung Richards nach dem Ende der Tudor- Linie, Horace Walpole eine im 18. Jahrhundert, ein gewisser Markham im 19. Jahrhundert.

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18.09.2016, 18:18
Beitrag: #17
Fazit
So, jetzt muss ich natürlich auch noch meinen Senf dazu geben.

Mich hat Inspektor Grant überzeugt. Zumindest davon, dass Richard III nicht schuldig ist. In vielen anderen Passagen, die ich hier natürlich nicht widergegeben habe, widerlegt er durch Briefe und Berichte das Bild, das die Geschichte von Richard gezeichnet hat. Tatsächlich, wenn man z.B. an Lord Stanley oder Jane Shore denkt, ist Richard erstaunlich wenig rachsüchtig.
Und natürlich ist es nur sehr schwer vorstellbar, dass eine Frau dem Mörder ihrer Söhne ihre Töchter anvertraut und dem ältesten Sohn rät, sich diesem Mörder zu unterwerfen.

Ob es wirklich Heinrich VII war, der die Prinzen ermordete? Dessen bin ich mir nicht so sicher. Er hat ein Motiv- aber Grants Ermittlungen zeigen auch, dass er gewisse Skrupel hatte. Stillington, der jüngere de la Pole- er ließ sie ins Gefängnis werfen, aber er brachte sie nicht um.
ich frage mich, was mit John Morton war. Er war es, der die Gerüchte streute. Morton wurde unter Heinrich VII Erzbischof von Canterbury, Morton zettelte eine Invasion zugunsten der heinrichs und nicht der Prinzen an...

Eine andere Frage, die ich mir stelle, ist die, was die Bücher von Jean Plaidy und Josephine Tey miteinander zu tun haben. Es ist wohl kein Zufall, dass beide relativ kurz nach einander erschienen und von der tendenz her den gleichen Inhalt- und den gleichen Bösewicht (John Morton) hatten. Aber einen Zusammenhang zwischen den beiden Büchern habe ich bisher nicht ermitteln können.

Es gibt ein weiteres Buch zu dem Thema, das ich da liegen habe. Aber ich bringe es nicht fertig, es zu lesen. Es ist Philippa Gregorys "Die Königin der Weißen Rose". Hauptperson hier ist Elizabeth Woodville. Nur ins Ende habe ich reingeschaut. Auch hier ist Richard nicht der Bösewicht.

Thomas Morus. Damit fing es an. Wenn Grant recht hat (und ich vermute, dass es eigentlich Horace Walpole war, der diesen Schluss zog- beide Autorinnen verweisen auf ihn als Quelle) so hat das gehässige, rachsüchtige Geschreibe eines Mannes- John Mortons- über die Jahrhunderte das Bild Richards in der Geschichte bestimmt.
Genug Anlass zu fragen, ob das, was in Büchern so geschrieben steht, auch so stimmt...

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Volker Pispers
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19.09.2016, 14:57
Beitrag: #18
RE: Richard III und seine Darstellung in der Literatur
Nun, Philippa Gregory ist das, was zurzeit am Buchmarkt als historischer Roman gilt. Während ich ein Buch wie "Das Erbe der Königin" noch ganz interessant fand, werde ich den Eindruck nicht los, dass sie sich zurzeit durch Ausschlachten der Rosenkriege eine goldene Nase verdient, indem sie zu allen möglichen weiblichen Persönlichkeiten ein eigenes Büchlein schreibt. Bringt auch mehr Kohle, als wenn sie daraus einen umfangreichen Roman gemacht hätte. Soll heißen, ich kann sie nicht mit gutem Gewissen empfehlen, und dass sie sich inzwischen bereits Deutungshoheit anmasst, hat endgültig zur Folge gehabt, dass ich nichts mehr von ihr lese.

Was Richard III. betrifft, ist er bei ihr nicht der Mörder. In "Die Königin der Weißen Rose" gelingt es Elizabeth Woodville einen ihrer Söhne zu retten, indem sie ihn durch ein anderes Kind austauschen lässt, was Gregory für sehr glaubwürdig hält. (Ich hatte eher den Eindruck, dass das vorkommt, weil es für ihr drittes Büchlein um Elisabeth of York notwendig war: "Das Erbe der weißen Rose".

In "Die Königin der Weißen Rose" wird Elisabeth Woodville, nachdem die Prinzen verschwunden sind, von Richard III. besucht, der wissen will, ob sie es war, die ihre Söhne aus dem Tower geholt hat, was er übrigens hofft. Im Roman ist er ratlos, seine Neffen sind verschwunden, er hat keine Ahnung, was da passiert ist.

Im Fortsetzungsroman "Der Thron der roten Königin" mit Margaret Beaufort, der Mutter von Henry VII. als Heldin, erfahren wir dann, dass diese Dame die Prinzen umgebracht und ihre Leichen verschwinden hat lassen.
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Was Josephine Tey betrifft - für mich ist gar nicht entscheidend, ob sie in Bezug auf Richard III. recht hat oder nicht.

Aber ich finde, dass ihr Roman auf großartige Weise zeigt, wie fragwürdig die gängigen Geschichtsdeutungen, selbst wenn sie sogar auf zeitgenössische Überlieferung zurückgehen, sind. Josephine Tey führt im Rahmen ihrer spannenden Kriminalhandlung alle möglichen Probleme in Bezug auf geschichtliche Überlieferung vor, und ihr Buch ist auf jedem Fall ein Plädoyer für eigenständiges Denken und kritische Hinterfragung dessen, was als geschichtliche Fakten verbreitet ist.

Das erscheint mir gerade im 21. Jahrhundert sehr wichtig, wo zurzeit auf dem Unterhaltungssektor wieder mit fragwürdigen Optionen wie Deutungshoheit, angeblich tolle Autoren/innen-Recherche, der einzigen wahren Version etc. geworben wird.
(Mich wundert daher auch nicht, dass eine zeitgenössische Autorin wie Rebecca Gablé auf ihrer Website Autoren/innen wie eben Tey für ihre Sicht auf Richard III. lächerlich macht. Gablé ist - meine Meinung - eine erfolgreiche Schreiberin von historischen Trivialromanen (Marke "Eskapismus). Dagegen wäre auch nichts einzuwenden, aber sie vermarktet sich (und als Erfolgsautorin verfügt sie bei ihren Verlag über entsprechende Extras wie Hardcover, Nachwort, Deutungshoheit etc.) als Historikerin. Das ideale Publikum, das Gablé benötigt, um nicht als "Märchentante", sondern eben als Historikerin auf dem Buchmarkt zu reüssieren, soll "träge" sein und vor allem, sich mit dem, was sie ihm gibt, begnügen, statt sich selbst eine Meinung zu bilden. Ein Buch wie das von Tey ist für Autoren/innen für sie eigentlich gefährlich.

Übrigens gibt es inzwischen (nach Rezensionen bei Amazon schon Leser/innen, die maulen, wenn es Autor/in einmal wagt, Richard III. nicht als den "bösen" Onkel darzustellen.

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Bei Rebecca Gablé "Das Spiel der Könige" (2009) ist Richard III. eindeutig böse und die Tudors die Guten.


"Ginster und Schwert. Eine Liebe zur Zeit der Rosenkriege" (2005) von Kerstin Tomiak ist eine seichte, aber nette Liebesgeschichte mit Richard III. und Anne Neville als Hauptfiguren. Hier ist Richard ein ausgesprochen netter, anständiger Kerl. Positiv finde ich, dass dieser Roman auch keinen höheren Anspruch hat, als eben zu unterhalten.

Empfohlen wurde mir immer wieder "The Sunne in Splendour" (1982) von Sharon Kay Penman, dieses Buch wurde allerdings bis heute nicht ins Deutsche übersetzt. Ich selbst habe es bisher nicht gelesen. Außerdem soll auch Edward Bulwer-Lytton ("Die letzten Tage von Pompeji") und erfolgreicher englischer Autor des 19. Jahrhunderts einen Roman über die Rosenkriege geschrieben haben, in dem Graf von Warwick "the kingsmaker" im Mittelpunkt steht.
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Was Richard III. auf dem Buchmarkt betrifft, kann ich auch ganz gut mit einem bösen Richard leben, solange er im Mittelpunkt einer stimmigen Geschichte steht und als interessanter Charakter dargestellt ist, letzteres ist Shakespeaere zumindest gelungen.

Was seine Schurkenrolle betrifft, finde ich Josephine Teys Argumentation überzeugend, aber selbst wenn Richard III. doch der Böse war, finde ich, dass ihr Buch als historischer Roman eines der besten ist, dem ich diese Bezeichung zugestehe. (Auch wenn sie vielleicht nicht ganz zutrifft.)

Ob es gegenseitige Beeinflussung von Jean Plaidy und Josephine Tey gibt - vielleicht spielte eine Rolle, dass beide durch den Zweiten Weltkrieg geprägt waren. Immerhin war zu ihrer Zeit noch vieles, was inzwischen für (seriöse) Historiker/innen ein Muss ist, noch keineswegs üblich. Mag sein, dass die beiden Weltkriege (und der dort zu findende Missbrauch für Propaganda) wesentlich dazu beigetragen haben, dass die Fragwürdigkeit von geschichtlicher Überlieferung für sie ein Anliegen wurde.

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Nur die Geschichtenschreiber erzählen uns, was die Leute dachten.
Wissenschaftliche Forscher halten sich streng an das, was sie taten.

Josephine Tey, Alibi für einen König
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19.09.2016, 15:11
Beitrag: #19
RE: Richard III und seine Darstellung in der Literatur
Erst einmal vielen Dank für die Infos- da muss ich ja doch nicht mehr alles lesen.Smile

(19.09.2016 14:57)Teresa C. schrieb:  Was Richard III. betrifft, ist er bei ihr nicht der Mörder. In "Die Königin der Weißen Rose" gelingt es Elizabeth Woodville einen ihrer Söhne zu retten, indem sie ihn durch ein anderes Kind austauschen lässt, was Gregory für sehr glaubwürdig hält. (Ich hatte eher den Eindruck, dass das vorkommt, weil es für ihr drittes Büchlein um Elisabeth of York notwendig war: "Das Erbe der weißen Rose".

Soweit ich weiß, gab es später die Verschwörung, Perkin Warbeck auf den Thron zu bringen, um den es immer auch Gerüchte gab, er sei in Wahrheit Richard gewesen. Das hat sich Gregory also nicht ausgedacht.

(19.09.2016 14:57)Teresa C. schrieb:  Im Fortsetzungsroman "Der Thron der roten Königin" mit Margaret Beaufort, der Mutter von Henry VII. als Heldin, erfahren wir dann, dass diese Dame die Prinzen umgebracht und ihre Leichen verschwinden hat lassen.

Keine unwahrscheinliche Vermutung, wenn man bedenkt, in welche Ränkeschmiede die Dame verwickelt war... Sie taucht nur auf der Verdächtigenliste von Wikipedia nicht auf.

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19.09.2016, 15:30
Beitrag: #20
RE: Richard III und seine Darstellung in der Literatur
(19.09.2016 14:57)Teresa C. schrieb:  Was Josephine Tey betrifft - für mich ist gar nicht entscheidend, ob sie in Bezug auf Richard III. recht hat oder nicht.

Aber ich finde, dass ihr Roman auf großartige Weise zeigt, wie fragwürdig die gängigen Geschichtsdeutungen, selbst wenn sie sogar auf zeitgenössische Überlieferung zurückgehen, sind. Josephine Tey führt im Rahmen ihrer spannenden Kriminalhandlung alle möglichen Probleme in Bezug auf geschichtliche Überlieferung vor, und ihr Buch ist auf jedem Fall ein Plädoyer für eigenständiges Denken und kritische Hinterfragung dessen, was als geschichtliche Fakten verbreitet ist.


Ich finde es vor allem hervorragend dargestellt, dass das Bild Richards wirklich nur auf dem Bericht von Thomas Morus beruht. Ob nun John Morton der wahre Verfasser war oder nicht, ist dabei zweitrangig. Was ich daraus gelesen habe, zeigt, dass der Verfasser über all die üblen Eingeschaften verfügt, die er seinerseits Richard andichtet, insbesondere Grausamkeit und Rachsucht. Hier zitiere ich jetzt einmal mich selbst, wenn ich sage, dass der geschriebene Text immer auch ein Abdruck der Seele des Verfassers ist.
(Dagegen paßt der Brief, den Richard über Jane Shore geschrieben hat, überhaupt nicht in dieses Charakterbild.)


(19.09.2016 14:57)Teresa C. schrieb:  Was seine Schurkenrolle betrifft, finde ich Josephine Teys Argumentation überzeugend, aber selbst wenn Richard III. doch der Böse war, finde ich, dass ihr Buch als historischer Roman eines der besten ist, dem ich diese Bezeichung zugestehe. (Auch wenn sie vielleicht nicht ganz zutrifft.)

Kommt es auf die Kategorie an? Ich habe seit Jahren beim Lesen nicht mehr so viel Vergnügen empfunden wie beim Lesen dieses Romans

(19.09.2016 14:57)Teresa C. schrieb:  Ob es gegenseitige Beeinflussung von Jean Plaidy und Josephine Tey gibt - vielleicht spielte eine Rolle, dass beide durch den Zweiten Weltkrieg geprägt waren. Immerhin war zu ihrer Zeit noch vieles, was inzwischen für (seriöse) Historiker/innen ein Muss ist, noch keineswegs üblich. Mag sein, dass die beiden Weltkriege (und der dort zu findende Missbrauch für Propaganda) wesentlich dazu beigetragen haben, dass die Fragwürdigkeit von geschichtlicher Überlieferung für sie ein Anliegen wurde.

Abgesehen von der zeitlichen Nähe zueinander fällt halt auf, dass sie beide John Morton als den Hauptübeltäter sehen. Und da vermute ich, dass sie sich beide auf die Schrift von Horace Walpole berufen, den sie beide als Quelle angeben.
Ich könnte mir fast vorstellen, dass Tey nach der Lektüre von Plaidys Buch festgestellt hat, dass diese dann einfach nicht genug Mut hatte, mit Richards hsitorischem Bild endgültig zu brechen. Ich glaube, dass es für Tey schon ein wichtiges Anliegen war, Gerüchte aufzudecken. Einer ihrer anderen Kriminalromane, "Die verfolgte Unschuld" dreht sich um genau das gleiche Thema- zwei bis dahin unbescholtene Frauen sehen sich dem Verdacht ausgesetzt, ein junges Mädchen entführt und versklavt zu haben. Auch weist Grants Schwester Laura auf einen Fall in Schottland hin, der sich in der Nähe von Teys Geburtsstadt Inverness ereignet hat.
Ja, ich könnte mir gut vorstellen (aber das ist nur eine Vermutung), dass Tey sich darüber geärgert hat, dass Plaidy nur so halbherzig vorgegangen ist...

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Volker Pispers
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