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Jugoslawiens "blockfreier Kurs"
01.12.2016, 21:01
Beitrag: #1
Jugoslawiens "blockfreier Kurs"
Der kürzlich gestorbene Kubaner Castro konnte sich gegen die USA behaupten, in dem er zum Anhängsel der Sowjetunion wurde.

Ein Jahrzehnt zuvor ist Jugoslawien unter Tito aus dem Ostblock "ausgebrochen" und konnte seinen "Blockfreien Kurs" bis zum Ende der Blöcke durchhalten. Ohne sich von der Nato, den USA vereinnahmen zu lassen.

Tito war zusammen mit Ägyptens Nasser und Indiens Nehru die Gaalionsfigur der Blockfreien.

Nur,
wie ist das Tito gelungen?
Hat er nicht auch maßgeblich vom Ost-West-Konflikt provitiert?
Für die Briten war ein Mittelmeeranrainer Sowjetunion ein absoluter Horror.
Traditionell schon seit vor dem Krimkrig (dort natürlich noch das Zarenreich)

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02.12.2016, 12:56
Beitrag: #2
RE: Jugoslawiens "blockfreier Kurs"
Ich mag mich täuschen, aber Titos vordringlichstes Problem war ja nicht die Blockfreiheit- sein vordringlichstes Problem war der Zusammenhalt Jugoslawiens. Und das ging nur, wenn er sich sowohl aus dem Warschauer Pakt als auch aus der Nato raushielt.
Serbien ist tendenziell pro - russisch- Die Abstimmung in Serbien darüber, ob sich Serbien der EU anschließt oder die Nähe zu Russland sucht, war denkbar knapp, während vor allem Slowenien und Kroatien immer den Anschluss an den Westen gesucht haben. Im Süden grenzt an Jugoslawien Albanien, und die haben ja, obwohl auch nicht zum Warschauer Pakt gehörend, ihre ganze eigene Art gehabt, den Kommunismus zu leben. Tito hat also innerhalb seines Landes auch die Grenze zwischen zwei Ideologien gehabt- Jugoslawien war gewissermaßen der Pufferstaat dazwischen.
Tito mußte Jugoslawien neutral halten, um den Zusammenhalt des Landes zu sichern- und ich denke, dass beide Seiten das wußten. Der Warschauer Pakt verzichtete daher auf Serbien, die Nato auf Slowenien und Kroatien.
Dass die Einheit Jugoslawiens Tito nicht lange überstand, hat dann die Geschichte gezeigt...

Auf dem Grabstein dess Kapitalismus wird stehen: "Zuviel war nicht genug"
Volker Pispers
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02.12.2016, 13:04
Beitrag: #3
RE: Jugoslawiens "blockfreier Kurs"
(02.12.2016 12:56)Bunbury schrieb:  Serbien ist tendenziell pro - russisch- Die Abstimmung in Serbien darüber, ob sich Serbien der EU anschließt oder die Nähe zu Russland sucht, war denkbar knapp, während vor allem Slowenien und Kroatien immer den Anschluss an den Westen gesucht haben.

Durch den Balkan verläuft eine Kulturgrenze, die ihre Wurzeln in der Spätantike hat. Slowenen und Kroaten sind katholisch, die Serben orthodox. Kein Wunder, dass Serbien sich eng an Russland orientiert. Ähnlich ist es in der Ukraine, der Gegensatz zwischen westlichem und östlichem Landesteil ist vornehmlich religiös bedingt.

„Der Horizont der meisten Menschen ist ein Kreis mit dem Radius 0. Und das nennen sie ihren Standpunkt.“ (Albert Einstein)
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02.12.2016, 17:04
Beitrag: #4
RE: Jugoslawiens "blockfreier Kurs"
Die Religion ist vielleicht der Ursprung dieser Teilung,aber sie ist schon lange nicht mehr wichtigster Grund- ich kenne zumindest keine Ex-Jugoslawen, denen die Religion an sich sonderlich wichtig ist. ich denke, dafür hat Tito gesorgt. Er hat die Religion nicht so krass bekämpft wie der in den Staaten des Warschauer Paktes üblich war, aber es ist ihm gelungen, den religiösen Einfluss zu begrenzen.
Es ist eher so, dass die Ursprungsreligion für kulturelle Zugehörigkeit steht. Im Umfeld meiner Ex- Schwiegerfamilie feiern die eine Freundin am 6. Januar Weihnachten, nicht weil sie Orthodox ist, sondern weil sie Serbin ist. Und die Kroaten feiern es ganz normal, nicht weil sie katholisch, sondern weil sie Kroaten sind, wenn du den Unterschied verstehst. Viele ursprünglich religöse Gebräuche sind heute vor allem ein Mittel der Abgrenzung gegenüber anderen Volksgruppen und kein Zeichen stenger Gläubigkeit. Ich weiß nicht, ob das in der Ukraine genauso ist.

Einen starken Einfluss in Serbien haben auch die Türken hinterlassen. Nicht von der Religion her, aber in der Familienstruktur. Das gilt natürlich auch für Bosnien und Mazedonien, aber nicht für Kroatien und Slowenien...

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02.12.2016, 20:50
Beitrag: #5
RE: Jugoslawiens "blockfreier Kurs"
Stalin und Churchill hatten in Jalta vereinbart, dass Jugoslawien ein "Pufferstaat" zwischen West und Ost werden sollte.
zB Regierungsbeteiligung von Nichtkommunisten.

Aber natürlich hatte Stalin in keiner Weise vor, sich daran zu halten.
Umgehend, noch schneller, als zB in der CSSR wurde das System stramm kommunistisch ausgerichtet.

Tito hatte aber weitergehende Ambitionen. Ihm schwebte eine Vormachstellung auf dem Balkan vor. So wurden umfangreiche Grenzverschiebungen auf Kosten Italiens und Österreichs angestrebt.
Hier traf Jugoslawien auf den entschiedenen Widerstand der West-Alliierten.

Der griechische Bürgerkrieg "lebte" erheblich von jugoslawischer Unterstützung. Auch hier traf man auf die Briten und die USA.

Als sich Tito nur noch wenig Hoffnung auf nördliche Gebietserweiterungen machen konnte, verhandelte er zunächst recht erfolgreich mit Bulgarien und Albanien über eine Zusammenarbeit. Jugoslawische Truppen wurden in Albanien stationiert.
Stalin zitierte die Bulgarische, albanische und jugoslawische Führung nach Moskau. Bulgarien und Albanien sahen ihre "Fehler" ein, und krochen zu Kreuze. Jugoslawien machte keinerlei Versprechungen.
Es begann das übliche Stalnistische Spiel, sowjetische Truppen wurden an Jugoslawiens Grenzen verlegt, allerlei Druck ausgeübt, wirtschaftlich, geheimdienstlich und propagandistisch.

Jugoslawien beendete daraufhin die Unterstützung des griechischen Bürgerkrieges und suchte Verbindungen mit dem Westen. Jedenfalls bis zu einem gewissen Grad. Was Tito gelang.
1951 wurde dann offiziell eine jugoslawische - US-Amerikanische militärische Zusammenarbeit vereinbart.

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03.12.2016, 04:45
Beitrag: #6
RE: Jugoslawiens "blockfreier Kurs"
Jugoslawien kann man nicht mit der CSSR vergleichen, denn Tito selbst sorgte für die Umsetzung des kommunistischen Gesellschaftsmodell - nicht Stalin. Nach dem 29.11.1945 hatten bürgerliche oder bäuerliche Politiker keine Beteiligung an der Macht. Tito versuchte anfänglich mit der kommunistischen Ideologie die verschiedenen Nationalismen zu überwinden und einen kommunistischen Jugoslawismus als Überbau zu schaffen. Die Kommunisten Jugoslawiens waren anfänglich in eine Tito-Fraktion und eine Stalin-Fraktion zerstritten. Tito führte politische Säuberungen durch, spätestens 1948 waren die Stalinisten entmachtet und aus Partei und Staatsapparat entfernt. Dieser Konflikt zwischen Titoisten und Stalinisten fand auch in Kommunistischen Partei Griechenlands statt. Dies führte dazu, dass zuerst Tito (ca. 1948), später auch Stalin (1948/49) ihre Unterstützung für die griechischen Kommunisten aufgaben.

Diese politischen Ereignisse führten 1948/49 zum Bruch zwischen Stalin und Tito. In der Sowjetunion fanden Parteisäuberungen statt, den entsprechenden Funktionären warf man Titoismus vor. Der Begriff Titoismus wurde für tatsächliche oder vermeintliche Abweichler verwendet, er ersetzt praktisch den bisherigen Begriff Trotzkismus. Inwieweit Bulgarien, Albanien und Griechenland in einer von Tito beherrschten Balkanföderation verblieben wären, ist eine interessante Frage.

Enver Hodscha hatte bereits aus eigener Kraft 1944 die Macht über Albanien übernommen. Er wäre sicher nicht bereit gewesen, zugunsten Titos auf seine politische Macht zu verzichten. Seine spätere Außenpolitik zeigte, dass er, um autark zu bleiben, sich starke Partner (SU, China) aussuchte. In Bulgarien war es ähnlich.

Der starke Mann Bulgariens war bis 1949 Georgi Dimitroff, der im Westen aufgrund seines Auftretens im Reichtagsprozess Ansehen besaß. Als langjähriger Vorsitzender des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI) konnte er sich eine relative Unabhängigkeit vor Stalin bewahren. Nach 1944 baute er allerdings ein repessives System in Bulgarien auf. Allerdings spielte dort die Partei der Landwirte auch noch eine gewisse Rolle. Nach dem Tod Dimitroffs fanden 1949/50 Säuberungen innerhalb der Kommunistischen Partei und Schauprozesse gegen ehemalige Funktionäre statt. Etwa ab 1954 hatte sich mit Todor Schiwkow die pro-sowjetische Parteilinie durchgesetzt. Meines Erachtens hätte sich Bulgarien nicht der Balkan-Konföderation angeschlossen. Die Außenpolitik des Landes wird meistens von pro-russischen (pro-sowjetischen) Positionen bestimmt. Es hat aber auch immer antirussische Politiker gegebe. Bei Dimitroff ist es möglich, dass er zwischen Stalin und Tito lavieren wolllte.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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03.12.2016, 11:24
Beitrag: #7
RE: Jugoslawiens "blockfreier Kurs"
Der bekannteste "Titoist" zumindest in Deutschland war übrigens Wolfgang Leonhardt "Die Revolution entlässt ihre Kinder"
Als Mitglied der Gruppe Ulbricht aus Moskau nach Berlin gekommen.

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03.12.2016, 12:28
Beitrag: #8
RE: Jugoslawiens "blockfreier Kurs"
Im griechischen Bürgerkrieg waren die Briten und US stark engagiert.
Als Albanien den Russen den Stuhl vor die Tür setzte und die sowjetischen U-Boot-Basen an der Adria wegfielen, löste dies ein Problem für die Nato.
Dass Stalin die Finger von Jugoslawien ließ, ist vermutlich auch nur im Zusammenhang zu sehen.

Ich wage die These, dass es auf den diversen Konferenzen zwischen Theheran und Potsdam konkrete Absprachen über die Mittelmeeranrainer gab, und nur dies Tito die notwendige Rückendeckung für seinen selbständigen Kurs gab.

Den Ungarn hat jedenfalls keiner geholfen.

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03.12.2016, 18:24
Beitrag: #9
RE: Jugoslawiens "blockfreier Kurs"
(03.12.2016 12:28)Suebe schrieb:  Ich wage die These, dass es auf den diversen Konferenzen zwischen Theheran und Potsdam konkrete Absprachen über die Mittelmeeranrainer gab, und nur dies Tito die notwendige Rückendeckung für seinen selbständigen Kurs gab.

Davon ist auszugehen, aber auch, dass dabei solche Überlegungen eine Rolle spielten, dass die Sowjets nicht wollten, dass die Amerikaner Zugang zur östlichen Adria erhielten.
Tito erhielt die nötige Unterstützung, weil man ihm zutraute, das Gebiet einigermaßen neutral zu halten und nicht, dass es in einen Ost- und Westteil zerfiel. Jugoslawien war gewissermaßen der "Pufferstaat" dazwischen.

Die übereilte Anerkennung Sloweniens und Kroatiens zeigen ja, dass der Westen nur sehr zähneknirschend auf den Westen und Norden Jugoslawiens verzichtet hat- offensichtlich, damit Serbien nicht an die Sowjets fiel.
Es ist sicher kein Zufall, dass Jugoslwien zwar (wenn auch eher schlecht als recht) Titos Tod überlebte, nicht aber den Zusammenbruch der innerdeutschen Grenze...

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