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Der "Anschluss" Österreichs
20.02.2018, 11:19
Beitrag: #1
Der "Anschluss" Österreichs
(18.02.2018 14:12)Teresa C. schrieb:  
(18.02.2018 11:49)Suebe schrieb:  ...
Auch das ist nicht korrekt. Die erste echte Eroberung fand erst im März 1939 durch die BEsetzung der sog "Resttschechei" statt.
Das Sudetenland und Österreich wurden ja mit Einverständnis der jeweiligen Bevölkerung kassiert. Österreich war total verarmt. In diesem Fall war es sogar umgegkehrt, Deutschland kurbelte die österreichische Wirtschaft an.
Davor musste alles finanziert werden! Nicht nur Rüstung, sondern auch die staatlichen Beschäftigungsprogramme bzw die Schaffung von Infrastruktur.
...

Das ist allerdings sehr ungenau, die Lage war damals wesentlich komplexer. Die damalige erste Republik Österreich wurde nicht mit dem Einverständnis der Bevölkerung "kassiert", sondern nur mit dem Einverständnis von Teilen der Bevölkerung. (Wobei sich für mich heute die Frage stellt: Welche reellen Alternativen hätte die österreichische Bevölkerung damals gehabt, nachdem Hitler einmarschierte und die von ihm gestürzte Regierung auf Widerstandsaktionen verzichtete, an denen sie sich hätte orientieren können?)

Auch wenn Hitler zugejubelt wurde, dass es so leicht sein würde, das hätte wohl Hitler selbst nicht erwartet. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass Hitler es nicht etwa riskiert hat, erst die von Kurt Schuschnigg geplante Volksabstimmung abwartete, sondern dessen Regierung beziehungsweise diesen zum Rücktritt nötigte, zugunsten eines "Strohmannes", der dann Hitler ganz legal ins Land holte. Eine Volksabstimmung fand erst statt, als er bereits da war, und es handelte sich nur scheinbar um eine "geheime" Abstimmung.

Eine wesentliche Rolle, die bis heute nicht wirklich berücksichtigt wird, war, dass diese erste Republik durch den Bürgerkrieg im Februar 1934 und den ("austrofaschistischen") Ständestaat zutiefst gespalten war, was ein gezieltes, gemeinsames Vorgehen aller politischen Akteure, das damals unbedingt notwendig gewesen wäre, um gegen Hitler und den "Anschluss" von 1938 etwas zu unternehmen, nicht möglich machte.

Ein schwerer Fehler war auch, dass Schuschnigg zwar einen verbalen Hilferuf an die anderen Staaten richtete, aber es leider vorzog, den Märtyrer zu geben und gewaltsamen Widerstand ausdrücklich untersagte.

Eine militärische Aktion, die Hitlers Einmarsch wirkungsvoll gestoppt hätte, wäre zwar mit dem damaligen Potential nicht wirklich möglich gewesen (deswegen dürfte sich Schuschnigg dagegen ausgesprochen haben), aber, abgesehen davon, dass sie einige Tote bedeutet hätte, hätte sie es auch den ausländischen Staaten nicht so leicht gemacht, da wegzuschauen. (Auf den Fall aber hätte ein solcher Schritt, schon wegen einiger zukünftiger Märtyrer, für die Nachwelt gut gemacht, da er die bis heute umstrittene Beurteilung des "Anschlusses" eindeutig zugunsten einer "Eroberung" entschieden hätte, wenn gleich eine "Eroberung", die von einem Teil der Bevölkerung gut geheißen wurde.

Ein weiterer schwerer Fehler war, dass es in der Folge nicht gelang, eine österreichische Exil-Regierung aufzubauen. Die meisten Politiker des Ständestaates, den Hitler beendete, schafften es nicht, ins Ausland zu flüchten oder zogen es vor zu bleiben. Die meisten wurden verhaftet. Sie waren also keineswegs imstande, für die frühere erste Republik Österreich dort einzutreten beziehungsweise diese zu vertreten.

Diejenigen Politiker, die ins Ausland flüchteten, dürften zwar für ihr Land eingetreten sein, aber es gelang, nicht, so etwas wie eine "Exilregierung" aufzubauen, auf die sich alle verständig hätten und damit von anderen Staaten hätte anerkannt werden können.

Das Problem dürfte gewesen sein, dass es weder der (ersten) Republik und auch dem Ständestaat Österreich in den fast zwanzig Jahren, die seit dem Friedensvertrag von Saint Germain vergangen waren, sich tatsächlich im Europa der Zwischenkriegszeit als neuer Staat zu etablieren und so etwas wie ein nationales Bewusstsein aufzubauen.

Die Rolle der ersten Republik als Nachfolgestaat des Kaiserreichs Österreich wurde dieser aus politischen Gründen von den Alliierten aufgezwungen, die einen (formal souveränen) Nachfolgestaat benötigten, dem die Lasten des Kriegsverlierers aufgehalst werden konnten.

Wäre 1919 der Anschluss dieser Republik Österreich an Deutschland zugestimmt worden, hätte es zwar keine zweite Republik Österreich (die einzige Zeit in der Geschichte des heutigen Landes Österreich, wo dieses tatsächlich ein souveräner Staat war) und kein EU-Land Österreich gegeben, ob es für das heutige Österreich besser gewesen wäre, hängt vom Blickwinkel ab.

Wäre der nach dem Weltkrieg entstandene Staat Österreich 1918/19 zu Deutschland gekommen, wäre er wahrscheinlich als ein "Freistaat Österreich" in Deutschland aufgegangen.

Die "Hypotheken" durch den Friedensvertrag von Saint Germain konnten die, die diese neue Land Österreich zu regieren versuchten, und auch die übrige Bevölkerung in den folgenden fast zwanzig Jahren nicht wirklich bewältigen. Dies ist sogar sehr bedauerlich, da die wissenschaftliche Forschung vom Ende des 20. Jahrhundert ergeben hat, dass die erste Republik Österreich sehr wohl Potential gehabt hätte, auf dem sie als neuer, eigener Staat hätte aufgebaut werden können. Doch offensichtlich gelang es nicht, dieses Potential zu nützen beziehungsweise fehlten den Politikern beziehungsweise der Bevölkerung der Glaube daran, so dass es nicht zur Ausbildung eines (vernünftigen) Österreichbewusstsein kommen konnte. (Es gehört zu den Ironie der Geschichte des heutigen Österreichs, das dies erst unter dem Zweiten Weltkrieg gelang.)
Die schweren politischen und wirtschaftlichen Probleme, die das Europa der Zwischenkriegszeit und nicht nur dieses heimsuchten, haben die Lage verschärft, und später kam noch im Ständestaat die Anlehnung auf die langfristig falschen Verbündeten hinzu.

(18.02.2018 21:14)Suebe schrieb:  Darf ich da korrigierend eingreifen, Teresa?

Das Statement auf das du hier antwortest, stammt von Titus Feuerfuchs,
nich von mir.

(18.02.2018 22:18)Teresa C. schrieb:  Die Antwort gilt aber auch nicht der Person, die gepostet hat, sondern dem Inhalt. "Zwinkern"

(18.02.2018 22:32)Suebe schrieb:  
(18.02.2018 22:18)Teresa C. schrieb:  Die Antwort gilt aber auch nicht der Person, die gepostet hat, sondern dem Inhalt. "Zwinkern"

Natürlich.
Nur ist das Posting des Österreichers Titus in dem Fall "mehr Wert" als das des von Detailkenntnissen völlig unbeleckten Sueben.

(19.02.2018 23:25)Titus Feuerfuchs schrieb:  
(18.02.2018 14:12)Teresa C. schrieb:  Das ist allerdings sehr ungenau, die Lage war damals wesentlich komplexer. Die damalige erste Republik Österreich wurde nicht mit dem Einverständnis der Bevölkerung "kassiert", sondern nur mit dem Einverständnis von Teilen der Bevölkerung.[...]

Dass die Mehrheit der österreichischen Bevölkerung für einen Anschluss an D war, ist wohl unbestritten.
Und zwar nicht, weil alle überzeugte Nazis waren, sondern weil sie sich

1) als Deutsche fühlten und

2) weil wirtschaftliche Überlegungen diese Vereinigung nahelegten.

Goldene 20er hatte es in Ö nicht gegeben. (Und auch heute sind Österreich und Deutschland wirtschaftlicha auf's Engste verflochten)


Deshalb hieß es auch in Art 2 der provisorischen Verfassung vom November 1918:

Zitat:Deutschösterreich ist ein Bestandteil der Deutschen Republik.


1921 sprachen sich über 90% der Salzburger und Tiroler für einen Anschluss an die Weimarer Republik aus.
Daraus lässt sich die Meinung der damaligen BEvölkerung sehr gut abschätzen. Der breite Jubel 1938 und der quasi nonexistente Widerstand erhärten diesen Befund nochmals.




(18.02.2018 14:12)Teresa C. schrieb:  Eine wesentliche Rolle, die bis heute nicht wirklich berücksichtigt wird, war, dass diese erste Republik durch den Bürgerkrieg im Februar 1934 und den ("austrofaschistischen") Ständestaat zutiefst gespalten war, was ein gezieltes, gemeinsames Vorgehen aller politischen Akteure, das damals unbedingt notwendig gewesen wäre, um gegen Hitler und den "Anschluss" von 1938 etwas zu unternehmen, nicht möglich machte.

Letztendlich war der Anschluss nicht vermeidbar. Lediglich erschweren hätte man ihn können.

Zwei der drei relevanten Parteien der Ersten Republik traten vehement für einen Anschluss ein. Deutschnationale und Sozialdemokraten.

Die Christlich Sozialen waren vehement dagegen. Aber nicht weil sie so wackere Antifaschisten waren, sondern weil sie nicht nur schwarz, sondern auch zu einem erheblichen Teil gelb waren.
Katholische Habsburger hatten für protestantische Preußen nicht viel übrig. Und auch keinerlei Lust, unter deren Pfeife zu tanzen. Sie wollten selbstbetimmt Macht ausüben.




(18.02.2018 14:12)Teresa C. schrieb:  Ein schwerer Fehler war auch, dass Schuschnigg zwar einen verbalen Hilferuf an die anderen Staaten richtete, aber es leider vorzog, den Märtyrer zu geben und gewaltsamen Widerstand ausdrücklich untersagte.

Aus seiner damaligen Position gesehen, war das auch die richtige Entscheidung. Er vermied damit Gewalt unt Tote. Dass ein Weltkrieg und Völkermord ins Haus stand, an dem sich Österreich maßgeblich mitschuldig machte konnte Schuschnigg 1938 vermutlich nicht abschätzen.
Es post weiß man es freilich besser. Österreich hätte nach dem Wk 2 viel bessere Karten bei den Alliierten und auch vor den Augen der Welt gehabt, als es Widerstand leistete.
Ein paar Staaten gab es aber, die gegen den Anschluss diplomatisch protestierten, ua. Mexiko.





(18.02.2018 14:12)Teresa C. schrieb:  (Auf den Fall aber hätte ein solcher Schritt, schon wegen einiger zukünftiger Märtyrer, für die Nachwelt gut gemacht, da er die bis heute umstrittene Beurteilung des "Anschlusses" eindeutig zugunsten einer "Eroberung" entschieden hätte, wenn gleich eine "Eroberung", die von einem Teil der Bevölkerung gut geheißen wurde.

Von einem sehr großen Teil. Aus den genannten Gründen.


(18.02.2018 14:12)Teresa C. schrieb:  Ein weiterer schwerer Fehler war, dass es in der Folge nicht gelang, eine österreichische Exil-Regierung aufzubauen. Die meisten Politiker des Ständestaates, den Hitler beendete, schafften es nicht, ins Ausland zu flüchten oder zogen es vor zu bleiben. Die meisten wurden verhaftet. Sie waren also keineswegs imstande, für die frühere erste Republik Österreich dort einzutreten beziehungsweise diese zu vertreten.
[...]

Es fehlte vermutlich nicht nur das Personal, sondern auch der entsprechende Rückhalt aus Österreich. Der wäre mutmaßlich frühestens '43, als die ersten Bomben auf Wien fielen, zu finden gewesen.
Nichtsdestotrotz ist die Frage der Exilregierung eine spannende, die ich mir so noch nicht gestellt habe.



(18.02.2018 14:12)Teresa C. schrieb:  Das Problem dürfte gewesen sein, dass es weder der (ersten) Republik und auch dem Ständestaat Österreich in den fast zwanzig Jahren, die seit dem Friedensvertrag von Saint Germain vergangen waren, sich tatsächlich im Europa der Zwischenkriegszeit als neuer Staat zu etablieren und so etwas wie ein nationales Bewusstsein aufzubauen.

Wie soll man in 20 Jahren ein nationales Bewusstsein aufbauen, besonders unter solch widrigen Umständen?

Österreich war aus einem zusammenhängenden Wirtschaftsraum herausgeschnitten worden. Der Großteil der Industrie und alle Kohlegruben lagen lag ebenso im Ausland (Sudetengebiet) wie der Großteil der Nahrungsmittelversorgung (Ungarn). Dazu noch der fehlende Meerzugang, zerschnittene Bahnlinien, Kriegsschulden, ein radikaler politischer Systemwechsel, Umstellung von Kriegswirtschaft (Schwerindustrie) auf Friedenswirtschaft (Leichtindustrie), usw...



(18.02.2018 14:12)Teresa C. schrieb:  Die Rolle der ersten Republik als Nachfolgestaat des Kaiserreichs Österreich wurde dieser aus politischen Gründen von den Alliierten aufgezwungen, die einen (formal souveränen) Nachfolgestaat benötigten, dem die Lasten des Kriegsverlierers aufgehalst werden konnten.


Was Renner (zurecht!) in St. Germain schrf kritisierte. Er setzte sich dafür ein, das (Deutsch)Österreich genauso behandelt werden soll, wie die übrigen Nachfolgestaaten (außer Ungarn).

Es gab rein objektiv keine Rechtfertigung dafür, Ungarn als Kriegsverlierer und die Tschechen als Gewinner zu behandeln.



(18.02.2018 14:12)Teresa C. schrieb:  Wäre 1919 der Anschluss dieser Republik Österreich an Deutschland zugestimmt worden, hätte es zwar keine zweite Republik Österreich (die einzige Zeit in der Geschichte des heutigen Landes Österreich, wo dieses tatsächlich ein souveräner Staat war) und kein EU-Land Österreich gegeben, ob es für das heutige Österreich besser gewesen wäre, hängt vom Blickwinkel ab.
[...]

Das ist kontrafaktische Geschichte. Wenn der Wk2 dadurch zB glimpflicher verlaufen wäre oder überhaupt verhindert worden wäre, wäre das nat zu begrüßen gewesen.

Eine Vereinigung von Ö und D hätte die Kriegsverlierer gestärkt aus dem Weltkrieg hervorgehen lassen. Dass da die Entente nicht mitspielte, ist nachvollziehbar.


(18.02.2018 14:12)Teresa C. schrieb:  Die "Hypotheken" durch den Friedensvertrag von Saint Germain konnten die, die diese neue Land Österreich zu regieren versuchten, und auch die übrige Bevölkerung in den folgenden fast zwanzig Jahren nicht wirklich bewältigen. Dies ist sogar sehr bedauerlich, da die wissenschaftliche Forschung vom Ende des 20. Jahrhundert ergeben hat, dass die erste Republik Österreich sehr wohl Potential gehabt hätte, auf dem sie als neuer, eigener Staat hätte aufgebaut werden können. Doch offensichtlich gelang es nicht, dieses Potential zu nützen beziehungsweise fehlten den Politikern beziehungsweise der Bevölkerung der Glaube daran, so dass es nicht zur Ausbildung eines (vernünftigen) Österreichbewusstsein kommen konnte. (Es gehört zu den Ironie der Geschichte des heutigen Österreichs, das dies erst unter dem Zweiten Weltkrieg gelang.)
Die schweren politischen und wirtschaftlichen Probleme, die das Europa der Zwischenkriegszeit und nicht nur dieses heimsuchten, haben die Lage verschärft, und später kam noch im Ständestaat die Anlehnung auf die langfristig falschen Verbündeten hinzu.

Nicht nur verschärft, sondern letztendlich sogar ausgelöst. Ohne Weltwirtschaftskrise wäre die NSDAP eine Fußnote der Geschichte geblieben.

Während sie bei den Wahlen Anfang/Mitte der 20er einige Stimmen erringen konnten, verlor sie im Laufe des Wirtschaftsaufschwunges immer mehr Zuspruch und musste sich 1928 mit lediglich 2,6% zufrieden geben. Ihr Wahlprogramm gründete sich abseits de sattsam bekannten Positionen auf die Warnung vor Auslandskrediten und wirtschaftlicher Abhängikeit vom Ausland. 1928 hatte die NSDAP "fertig". Aber dann kam 1929 der schwarze Freitag, der die NSDAP-Position (scheinbar) bestätigte, als Geschenk für Hitler.
Und 1930 waren es dann nicht mehr 2,6% sondern 18,3%....

[Bild: ergebnisse-der-reichstagswahlen-in-der-w...9-1933.jpg]


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20.02.2018, 12:55
Beitrag: #2
RE: Der "Anschluss" Österreichs
Was mich in dem Zusammenhang schon länger interessiert, ohne belastbares zu finden.
Ich nehme mal an, dass im Vertrag von St. Germain die verlangten Reparationen wie im VV noch nicht spezifiert wurden.
Geschah das später? Wann und wie hoch waren die Forderungen?
Was zahlte Österreich tatsächlich?
Oder verzichteten die Alliierten angesichts der Unmöglichkeit von Anfang an.

Es ist auch die Rede von Reparationen mit denen die CSR belegt wurde.
Gab es da Zahlungen?

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20.02.2018, 22:13
Beitrag: #3
RE: Der "Anschluss" Österreichs
Der Staatsvertrag von St. Germain-en-Laye vom 10. September 1919 beinhaltet folgende Bestimmungen:
1. Gebietsabtretungen
- Südtirol und Kärntner Kanaltal fallen an Italien
- Die Südsteiermark unf das Kärnter Mießtal kommen an das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenien (SHS-Staat, seit 1929 Königreich Jugoslawien)
- Den niederösterreichischen Grenzstreifen um Feldberg und Böhmzell erhält die Tschechoslowakei
- Das Sudetenland fällt an die Tschechoslowakei.

Von den ca. 10 Mio. Deutschösterreicher müssen ca. 4 Mio. als nationale Minderheiten in den angrenzende Nationalstaaten leben. Oft erfolgte eine Enteignung der Deutschösterreicher.

2. Österreich erhält das Burgenland (ehemaliges Westungarn), in gemischsprachigen Gebieten in Kärnten soll eine Volksabsprache stattfinden. (Beachte: Im Mai 1919 besetzten SHS-Truppen Gebiete in Kärnten, z.B. das Klagenfurter Becken. Auf Druck der Franzosen zogen sich die SHS-Truppen Ende Juli 1919 südlich einer Linie vom Wörthersee bis Völkermarkt zurück. Am 10. Oktober 1920 entschieden sich 59 % der Abstimmungsberechtigten für den Verbleib bei Österreich.)

3. Der Name des Staates soll statt Deutschösterreich nur Österreich sein. (Beachte: Am 12. November 1918 wurde die Republik Deutschösterreich ausgerufen. Während der Verhandlungen in St. Germain kursierten auch Vorschläge wie "Norische Republik", "Ostalpinische Republik", "Ost-Alpenlande" oder "Deutsch Alpenland")

4. Der Anschluss an Deutschland wird untersagt.

5. Österreich muss die neu entstandenen Staaten Polen, Tschechoslowakei, Ungarn und das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenien in den festgelegten Grenzen anerkennen.

6. Eine allgemeine Wehrpflicht wird verboten. Jedoch wurde die Aufstellung eines 30.000 Mann starken Söldnerheeres gestattet.

7. Österreich wird zu Wiedergutmachungsleistungen verpflichtet.

Der Vertrag wurde am 17. Oktober 1919 vom Wiener Parlament ratifiziert.

Karl Renner war bereit die Verantwortung "als eines der Teile des besiegten und untergegangenen Reiches" zu übernehmen. Dies stieß auf Widerstand des tschechoslowakischen Außenministers Edvard Benes, der Deutschösterreich nicht nur eine teilweise, sondern die volle Verantwortung anlastete. Ebenso hoffte Renner: "Wir setzen voraus, dass die praktische Vernunft der Welt auch unseren wirtschaftlichen Untergang nicht wünschen und ertragen kann." Im August 1919 äußerte er: "Es ist eben nicht möglich, dass 6 Mio. Menschen den größten Teil der 30 Mio. Einwohner eines früheren Staates tragen. Wie erst nach einem tödlich erschöpfenden fünfjährigen (!) Krieg! Wie erst nach der Auflösung des Jahrhunderte alten Wirtschaftsgebietes, welche die wirtschaftlichen Kräfte Deutschösterreichs so außerordentlich geschwächt hat!"

Infolge der Gebietsabtretungen konnte Deutschösterreich nur noch 25 % der benötigten Nahrungsmittel produzieren, der Rest musste importiert werden. Es war erforderlich, 12 Mio Tonnen Kohle zu importieren. Ebenso mussten Zucker, Textilien, Glas, Porzellan oder Produkte der chemischen Industrie im Ausland gekauft werden. Wegen diesen wirtschaftlichen Problemen reiste Renner im Dezember 1919 zu Clemenceau, in dessen Privatwohnung der Staatskanzler untergebracht war. Ihm wurde Hilfe zugesagt, aber es erfolgten keine genaue Angaben über die Höhe des Kredits oder Lieferungen bzw. Termine. Praktisch kehrte Renner ergebnislos nach Wien zurück.

Renner hatte um die Gewährung eines langfristigen Kredits von 100 Mio. Dollar und um die Freigabe von österreichsischer Vermögenswerte aus dem Generalpfandrecht gebeten, um weitere Kredite und Rohstoffe für den Wiederaufbau zu beschaffen.

Im Januar 1920 verständigten sich Renner mit dem tschechoslowakischen Außenminister Benes. Am 12. Januar 1920 wurde ein Geheimprotokoll unterzeichnet, in dem man sich gegenseitige diplomatische und politische Unterstützung gegen Ungarn versprach. Hintergrund war, dass der neue ungarische Machthaber Nikolaus von Horthy eine revisionistische Politik gegen Österreich führte. Hier ist zu beachten, dass noch während der Verhandlungen in St. Germain Teil des Burgenland sowohl von den Kommunisten um Bela Kun, dem später die Truppen Horthys folgte. Besonders der "weiße Terror" des ehemaligen k. u. k. Admirals forderte sehr viele Opfer unter den Sympathisanten Deutschösterreichs. (Beachte: Der Vertrag von Trianon wurde erst am 4. Juni 1920 unterzeichnet.)

Renner und Benes vereinbarten, dass keine Waffen nach Ungarn geliefert werden. Viel wichtiger war aber, dass die CSR sich verpflichtete täglich 500 Waggons Kohle und in einer Frist von 2,5 Monaten 2500 Waggons Zucker zu liefern. Die Versorgung - vor allem mit Nahrungsmittel - konnte erst ab Mai 1920 übewunden werden, nachdem US-Schiffe die Versorgung Österreichs über den Hafen in Triest sicherte. Am 16. Dezember 1921 unterzeichnete Bundeskanzler Johannes Schober den Vertrag von Lana, der eine Annäherung zwischen Österreich und der Tschechoslowakei einleitete. Dieser Vertrag wurde von den Großdeutschen heftig angegriffen, sodass Schober einige Wochen nach der Unterzeichnung zurücktreten musste.

Am 4. Oktober 1922 wurde Österreich eine Völkerbundanleihe in Höhe von 650 Mio. Goldkronen auf 20 Jahre gewährt. die Verzinsung war sehr hoch - zwischen 9,46 % und 10,20 % jährlich. Tatsächlich bekamen die Österreicher nur 631 Mio. Goldkronen, wofür sie 789 Mio. zurückzahlten. Die Anleihe erfolgte im Juni 1923 und führte zum Anstieg der Börsenkurse. Am 18. November 1923 wurden die österreichischen Notenpressen gemäß den Genfer Protokollen versiegelt und stillgelegt. Die folgende Sparpolitik verlief unglücklich, am 8. November 1924 wurde Bundeskanzler Ignaz Seipel gestürzt. Am 12. Dezember 1924 erfolgte eine Währungsreform, der Schilling sollte zum 1. Januar 1925 eingeführt werden. Tatsächlich erfolgte die Einführung erst am 1. März 1925. 1 Schilling entsprach 10.000 Papierkronen, 1 Goldkrone entsprach 1,41 US-Dollar. Die Einführung des Schillings beendete die Inflation.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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21.02.2018, 17:28
Beitrag: #4
RE: Der "Anschluss" Österreichs
Also Ergo, keine Reparationen auf Grund der Unmöglichkeit.
Bei den Ungarn wirds ähnlich gewesen sein.

Musste der Boche alles allein bezahlenIdea Undecided

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22.02.2018, 14:30
Beitrag: #5
RE: Der "Anschluss" Österreichs
Anexionen und Beschlagnahmung von Sachgütern, wie die Flotte, sind doch Reparatonen und im Falle Österreichs extreme Anexionen.

Das Selbstbestimmungsrecht wurde verhöhnt und der nächste Krieg vorbereitet.

viele Grüße

Paul

aus dem hessischen Tal der Loganaha (Lahn)
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22.02.2018, 17:37
Beitrag: #6
RE: Der "Anschluss" Österreichs
Schon klar.
Es ging mir darum, der Vertrag von St. Germain hat diese Möglichkeit ja geboten, ob von Österreich tatsächlich Zahlungen verlangt und geleistet wurden.
Und das war nicht der Fall.
Siehe Post von sansa.

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22.02.2018, 20:45
Beitrag: #7
RE: Der "Anschluss" Österreichs
Von den über 12 Millionen Deutschen in Österreich/Ungarn lebten über 10 Millionen im zusammenhängenden Deutschösterreich. Hätte Deutschösterreich sich mit dem nördlichen Deutschen Reich vereinigen dürfen, hätte vielleicht schon der Aifstieg der Nationalsozialisten und damit der 2. Weltkrieg verhindert werden können. Da es große zweisprachige Bevölkerungen gab und es demokratisch legitimiert sein mußte, hätten die Volksabstimmungen den genauen Grenzverlauf bestimmen müssen.

https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96sterreich-Ungarn

viele Grüße

Paul

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22.02.2018, 21:13
Beitrag: #8
RE: Der "Anschluss" Österreichs
(22.02.2018 20:45)Paul schrieb:  Von den über 12 Millionen Deutschen in Österreich/Ungarn lebten über 10 Millionen im zusammenhängenden Deutschösterreich. Hätte Deutschösterreich sich mit dem nördlichen Deutschen Reich vereinigen dürfen, hätte vielleicht schon der Aifstieg der Nationalsozialisten und damit der 2. Weltkrieg verhindert werden können. Da es große zweisprachige Bevölkerungen gab und es demokratisch legitimiert sein mußte, hätten die Volksabstimmungen den genauen Grenzverlauf bestimmen müssen.

https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96sterreich-Ungarn


das wäre ganz einfach gewesen.
Die Mittelmächte hätten den Krieg nur gewinnen müssen.
Bat

ist halt verkehrt ausgegangen.

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01.03.2018, 11:18
Beitrag: #9
RE: Der "Anschluss" Österreichs
(20.02.2018 11:19)Steppenwolf schrieb:  
(19.02.2018 23:25)Titus Feuerfuchs schrieb:  Ein paar Staaten gab es aber, die gegen den Anschluss diplomatisch protestierten, ua. Mexiko.

Dabei dürften die Mexikaner aber nicht aus Mitleid mit den Österreichern gehandelt haben - die unrühmliche Rolle des Habsburger "Kaisers von Mexiko" Maximilian dürfte in Mexiko noch lebhaft in Erinnerung gewesen sein - sondern eher aus Eigennutz, hatte man doch selber miterleben müssen, wie die USA große Teile des mexikanischen Staatsgebiets besetzt bzw. erobert haben, mit ganz ähnlichen Begründungen wie dies Hitler mit Österreich durchexerziert hat...
Indem man gegen die Annexion Österreichs durch Deutschland protestierte (Begründung: Österreicher sind Deutsche), protestierte man auch gegen die Besetzung von Texas, Arizona, New Mexiko und Kalifornien durch die USA (Begründung: Bevölkerung sind Amerikaner).
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01.03.2018, 13:46
Beitrag: #10
RE: Der "Anschluss" Österreichs
Erstaunlich, die Lateinamerika-Verbindungen Österreichs.
Die UNO-Initiative zum Staatsvertrag kam von Brasilien

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04.03.2018, 14:08
Beitrag: #11
RE: Der "Anschluss" Österreichs
Zitat:Ein schwerer Fehler war auch, dass Schuschnigg zwar einen verbalen Hilferuf an die anderen Staaten richtete, aber es leider vorzog, den Märtyrer zu geben und gewaltsamen Widerstand ausdrücklich untersagte.

der Hitler hat den Schuschnigg tatsächlich zum Märtyrer gemacht.
-Schwer gefoltert.
Rauchverbot, bis er kirre war. Idea

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04.03.2018, 22:06
Beitrag: #12
RE: Der "Anschluss" Österreichs
Von wem hätte denn Schuschnigg Hilfe erwarten können? Großbritannien setzte unter dem Premier Chamberlain auf die Appeasement-Politik. Und Italien war seit Oktober 1936 Verbündeter Deutschlands (Achse Berlin-Rom) - zu Zeiten von Dollfuß (1933/34) hätte sich Italien sicher noch gegen den Anschluss Österreichs an Deutschland gestellt. 1938 war aber Schuschniggs bzw. Österreichs Situation, sich dem Anschluss zu widersetzen, aussichtslos.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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05.03.2018, 05:55
Beitrag: #13
RE: Der "Anschluss" Österreichs
Unter zynischen Historikern kursiert das Bonmont, Österreich sei an der Achse Rom-Berlin "braungeröstet" worden...

MfG, Titus Feuerfuchs
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