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Philippe Pétain - der Held des Front National?
23.06.2017, 21:47
Beitrag: #1
Philippe Pétain - der Held des Front National?
Marschall Pétain sollte hier bekannt sein, auch seine Regierung mit Pierre Laval am Ende sogar von der Schwäbischen Alb aus: https://www.welt.de/geschichte/zweiter-w...waben.html

Man sollte ja nun denken, dass Kollaborateure für französische Patrioten ganz weit unten in der Beliebtheit angesiedelt sind. Aber Pétain scheint für den FN ein Held zu sein.
Was ich wissen wollte: Warum wird Laval viel kritischer gesehen und warum wurde er hingerichtet und Pétain nicht? Kranke Menschen muss man nicht umbringen, das ist klar, aber Pétain war nicht krank und lebte noch immerhin 6 Jahre.

"Es gibt nur eine Sache die größer ist als die Liebe zur Freiheit: Der Hass auf die Person, die sie dir weg nimmt."(Che Guevara)
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24.06.2017, 11:48
Beitrag: #2
RE: Philippe Pétain - der Held des Front National?
Pétain war soweit ich weiß schwer dement, und hat schon den Prozess nicht mehr mitbekommen.
Und 1917, als die Front meuterte, hat er tatsächlich Frankreich gerettet.

Laval hat zumindest zeitweise voll auf Hitler gesetzt.

Und, wohlgemerkt, es waren fürchterlich wilde Zeiten in Frankreich, Renault haben sie im Knast totgeschlagen, bei Gerstein (der Verfasser der gleichnamigen Protokolle) ist es sehr wahrscheinlich.
In einer Südfranzösischen Provinzstadt die Gouillotine auf dem Marktplatz aufgestellt und in Betrieb genommen.

OT: Der Cadillac Dienstwagen Petains haben sie bei Wendler in Reutlingen auf Holzgas umgerüstet. maW nicht mel Benzin bekam er von den Nazis in Sigmaringen.

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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24.06.2017, 18:35
Beitrag: #3
RE: Philippe Pétain - der Held des Front National?
Jetzt habt ihr aber ein kompliziertes, aber interessantes Thema begonnen.

Philippe Petain wurde 1945 zum Tode verurteilt. Charles de Gaulle (in seiner Funktion als Provisorischer Regierungschef 1944/46) begnadigte jedoch den 89-jährigen Petain zu einer lebenslangen Haftstrafe, die dieser auch bis zu seinem Tod 1951 absaß. Allgemein wird davon ausgegangen, dass de Gaulle Petain wegen dessen hohem Alter begnadigte. In den 1920er-Jahren galt de Gaulle als ein "Ziehsohn" Petains. Anfang der 1930er-Jahre entzweiten sich jedoch beide. Dies lag vor allem an in ihren unterschiedlichen Auffassungen in militärischen Angelegenheiten. De Gaulle setzte auf den Einsatz von Panzerverbänden und somit auf eine offensive Kriegsführung, Petain verharrte weiterhin auf seine im 1. Weltkrieg bewährten Defensivtaktiken. Zu einem endgültigen Bruch zwischen den beiden Männern kam es aber erst im Juni 1940, nachdem Petain im Auftrag des französischen Präsidenten Paul Lebrun die Waffenstillstandsverhandlungen mit den Deutschen führte und schließlich das Waffenstillstandsabkommen unterschrieb. Dies hatte de Gaulle nicht akzeptiert, er verließ Frankreich und organisierte von London aus den Widerstand der Exilregierung.

Obwohl de Gaulle selbst seine Entscheidung, Petain zu begnadigen, mit dessen hohen Alter begründete, ist dies sicher nicht die komplette Wahrheit. 1945 muss Petain gewirkt haben, wie ein Mann, der sein Zeitalter als "letzter Mohikaner" überlebt hatte. Er gehörte einer Generation von Marschällen und Generälen an, die etwa zwischen 1849 und 1862 als Bauernkinder geboren wurden und die nach dem verlorenen Krieg von 1870/71 die Möglichkeiten nutzten, Militärschulen wie Saint Cyr zu besuchen, danach ihre militärischen Erfahrungen in den Kolonien sammelten und etwa um 1900/10 ihren Aufstieg in die Generalität schafften. Diese Militärs führten praktisch mit dem Beginn des 1. Weltkriegs (also bereits seit 1914) eine Militärdiktatur in Frankreich ein, ähnlich wie die der 3. OHL in Deutschland 1916/18. Die meisten Generäle waren Anhänger von Offensiv-Taktiken, die schonungslos ihre Soldaten verheizten. Hierzu zählen z.B. Gallieni, Joffre, Nivelle, aber auch Foch. 1917 kam es deswegen zu Meutereien. Petain setzte sich für die Belange der Soldaten ein, als Oberkommandierender setzte er mehr auf die Defensive, sodass der Blutzoll der Soldaten nicht so hoch war, wie bei seinen Vorgängern. Petain und Foch gelten deshalb in Frankreich als die Oberkommandierenden, die den Sieg der Franzosen ermöglichten. Möglicherweise begnadigte de Gaulle Petain wegen dessen Verdienste im 1. Weltkrieg und der daraus folgenden Popularität bei den Veteranen aus dem 1. WK.

Als 75-Jähriger schied Petain aus dem Militärdienst aus. Seine Funktionen übernahm General Maxime Weygand. 1934 war Petain einige Monate Kriegsminister und 1939/40 amtierte er als französischer Botschafter in Spanien. Diesen Posten erhielt Petain wegen seiner guten Kontakten zu spanischen Militärs, die seit 1925/26 bestanden. Petain war in dieser Zeit Chef der französischen Truppen, die gemeinsam mit der spanischen Kolonialarmee in Marokko den Aufstand der Rif-Kabylen niederschlugen. Petain wurde jedenfalls für seine Verdienste vom spanischen König Alfonso XIII. ausgezeichnet. Ob Petain bereits 1925/26 den spanischen Diktator Franco kannte, weiß ich nicht. Ob es 1945 Absprachen zwischen de Gaulle und Franco in Bezug auf die Verfahrensweise gegen Petains gegeben hat, müsste untersucht werden, da die Ereignisse 1944/45 an der spanisch-französischen Grenze sicher noch nicht vollständig aufgeklärt sind.

Pierre Lavals politischer Aufstieg begann in den 1930er-Jahren. Er wird heute vor allem als eine Figur der Kollaboration, aber auch des Niedergangs der 3. Republik wahr genommen. 1940 amtierte er einige Monate als Stellvertretender Ministerpräsident und Außenminister, aber aufgrund seiner zu pro-deutschen Politik wurde Laval von Petain aus der Regierung entlassen. 1942 wurde er zum Ministerpräsidenten des mittlerweile völlig vom Deutschen Reich abhängigen Vichy-Regime berufen. Lavals Regierungszeit endete im August 1944, danach wurde er mit Petain auf Schloss Sigmaringen verlegt. Im März 1945 wurde er nach Spanien ausgeflogen, das ihn nach Verhandlungen am 30. Juli 1945 an Frankreich auslieferte. Laval und einige andere Amtsträger des Vichy-Regimes wurden zum Tode verurteilt. Laval lastete man persönlich die Ermordung einiger Resistance-Kämpfer und die Deportation von Juden an.

Obwohl Petain und Laval gemeinsam für die Kollaboration des Vichy-Regimes stehen, haben beide nicht immer als Team gehandelt und zum Teil auch gegeneinander gekämpft. Petain repräsentierte das Regime eher für die Jahre 1940-42, er sorgte auch dafür, dass Laval entmachtet wurde. Laval regierte von 1942 bis 1944. Petain führte deswegen auch bei dem Prozess gegen ihn an, dass er mit der Ermordung politischer Gegner oder der Deportation der Juden nichts zu tun hatte. Das ist natürlich falsch, Petain deckte mit seiner Autorität das Handeln von Laval. Die pro-deutsche Ausrichtung des Vichy-Staates erklärte Petain als Folge der Vernichtung der französischen Flotte im Juli 1940 durch die Briten. Angeblich beabsichtigte Petain ein Bündnis mit Großbritannien und Italien, im Sinne des 1934 abgeschlossenen Stresa-Abkommens. Meines Erachtens war das schon 1934 unrealistisch, aber auf alle Fälle 1940. Petain behauptete außerdem, dass seine Zusammenarbeit mit dem Deutschen Reich nur in der Aufstellung einer französischen Freiwilligen-Legion zur Unterstützung der deutschen Wehrmacht im Kampf gegen den Bolschewismus bestand.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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25.06.2017, 11:47
Beitrag: #4
RE: Philippe Pétain - der Held des Front National?
(23.06.2017 21:47)Triton schrieb:  Marschall Pétain sollte hier bekannt sein, auch seine Regierung mit Pierre Laval am Ende sogar von der Schwäbischen Alb aus: https://www.welt.de/geschichte/zweiter-w...waben.html

Muss schon gespenstisch gewesen sein - eine Exilregierung auf dem Gebiet des ehemaligen Besatzers - schon irgendwie ein Treppenwitz der Geschichte. Hat es das irgendwo anders gegeben? Wäre mal ein Thema, wie die Musserts, Quislings und Tisos ihre letzten Tage erlebt haben.

(23.06.2017 21:47)Triton schrieb:  Man sollte ja nun denken, dass Kollaborateure für französische Patrioten ganz weit unten in der Beliebtheit angesiedelt sind. Aber Pétain scheint für den FN ein Held zu sein.

Hast Du dazu eine Quelle? Kann gerne auch auf französisch sein.

Zitat:Was ich wissen wollte: Warum wird Laval viel kritischer gesehen und warum wurde er hingerichtet und Pétain nicht? Kranke Menschen muss man nicht umbringen, das ist klar, aber Pétain war nicht krank und lebte noch immerhin 6 Jahre.

Ich denke Sansavoir hat da schon viel gesagt: Pétain hatte enorme Verdienste aus dem ersten Weltkrieg. Ausserdem waren noch Kontakte zu de Gaulle und es gab Kontakte zu de Gaulle, dass er via Korsika nach Algerien zu de Gaulle wechseln wollte. Aber er hatte Angst vor dem Fliegen.

Pétain war 1940 eine Art Hoffnungsträger für die Franzosen, wiewohl er schon sehr alt war. De Gaulle hatte kaum Rückhalt. Die Idee, von Britannien aus Widerstand zu leisten hatte kaum Anhänger - am deutlichsten abzulesen an der Anzahl Piloten, die an der Luftschalcht um England teilgenommen haben - Neben cca. 150 Polen und 88 Tschechoslowaken nur 14 Franzosen. Dabei hätten sie mitsamt ihren Maschinen nur rüberfliegen müssen. Aber der Defätismus war 1940 in ganz Frankreich verbreitet.

Laval war dagegen eine reine Kollaborationsfigur ohne positive Vergangenheit. Deshalb auch ohne Chance auf Begnadigung.
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25.06.2017, 13:14
Beitrag: #5
RE: Philippe Pétain - der Held des Front National?
Zitat:Muss schon gespenstisch gewesen sein - eine Exilregierung auf dem Gebiet des ehemaligen Besatzers - schon irgendwie ein Treppenwitz der Geschichte. Hat es das irgendwo anders gegeben?

No jo, ich lebe ein paaar Kilometer von Sigmaringen entfernt, das war wohl tatsächlich gespenstisch, als Petain incl. Hofschranzen dort "eingerückt wurde"
Zuvor SS-Komanndo die den Hzl-Sigmaringer seines Schlossel verwiesen mit wenigen Stunden Zeit seine 7 Sachen zu packen.

Die Franzosen haben versucht eine gewisse "Normalität" zu leben, soweit es als Internierte halt ging.
Petain soll fast täglich der Donau entlang Richtung Laiz spazieren gelaufen sein.

Aber so außergewöhnlich war das nicht.
'Lies mal nach, wie Ciano auf seiner Flucht nach "Spanien" die in München endete durch den Kakao gezogen wurde.
Oder wie man den Italienern den Duce klaute...., oder Horthys Sohn ....

aus neuerer Zeit erinnere ich mich, wie die CIA den Herrscher Biafras in Sicherheit bracht, mitsamt seinem geliebten Mercedes...

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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26.06.2017, 14:33
Beitrag: #6
RE: Philippe Pétain - der Held des Front National?
(23.06.2017 21:47)Triton schrieb:  Man sollte ja nun denken, dass Kollaborateure für französische Patrioten ganz weit unten in der Beliebtheit angesiedelt sind. Aber Pétain scheint für den FN ein Held zu sein.

Es handelt sich hier lediglich um Aussagen des dementen Jean-Marie Le Pen, der erklärte:

"Le Pen hat in Interviews wiederholt die Gaskammern der Nazis als „Detail der Geschichte“ bezeichnet und Marschall Philippe Pétain verteidigt, der an der Spitze des Vichy-Regimes stand. Le Pen erklärte: „Ich habe Marschall Pétain nie als Verräter betrachtet. Zur Zeit der Befreiung hat man sehr streng über ihn geurteilt. Ich betrachte jene Menschen, die dem Marschall gegenüber Sympathie bewahrt haben, nicht als schlechte Franzosen oder als Menschen, mit denen ich nicht zusammentreffen dürfte.“

https://www.wsws.org/de/articles/2015/08...n-a27.html

Wegen diese Aussagen wurde Le Pen die Ehrenmitgliedschaft aberkannt. Niemand der noch bei Trost ist würde sich in Frankreich so über Petain äußern.
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26.06.2017, 19:45
Beitrag: #7
RE: Philippe Pétain - der Held des Front National?
(26.06.2017 14:33)Dietrich schrieb:  
(23.06.2017 21:47)Triton schrieb:  Man sollte ja nun denken, dass Kollaborateure für französische Patrioten ganz weit unten in der Beliebtheit angesiedelt sind. Aber Pétain scheint für den FN ein Held zu sein.

Es handelt sich hier lediglich um Aussagen des dementen Jean-Marie Le Pen, der erklärte:

"Le Pen hat in Interviews wiederholt die Gaskammern der Nazis als „Detail der Geschichte“ bezeichnet und Marschall Philippe Pétain verteidigt, der an der Spitze des Vichy-Regimes stand. Le Pen erklärte: „Ich habe Marschall Pétain nie als Verräter betrachtet. Zur Zeit der Befreiung hat man sehr streng über ihn geurteilt. Ich betrachte jene Menschen, die dem Marschall gegenüber Sympathie bewahrt haben, nicht als schlechte Franzosen oder als Menschen, mit denen ich nicht zusammentreffen dürfte.“

https://www.wsws.org/de/articles/2015/08...n-a27.html

Wegen diese Aussagen wurde Le Pen die Ehrenmitgliedschaft aberkannt. Niemand der noch bei Trost ist würde sich in Frankreich so über Petain äußern.

Also das mit den Gaskammern ist natürlich in der Tat Wahnsinn. Aber den Rest würde ich nicht so völlig ablehnen. Der Defaitismus war 1940 wirklich sehr stark und der Maréchal war zunächst populär. Es gibt auch ein Lied dazu. Erst als der Krieg sich wendete verlor er an Boden.

Aber im August 1944 war er dann schon eine wenig der Sündenbock, denn ich würde sagen, die ganze Nation war am kollaborieren, inwieweit er in die Judendeportationen verstrickt war, weiss ich nicht, aber es wird stimmen, wie es Sansavoir schreibt, als Chef des ganzen konnte er sich kaum der Verantwortung entziehen. Ob er allerdings was hätte vor allem nach der Besetzung Südfrankreichs 1942 ausrichten können, weiss ich auch nicht.

Jedenfalls waren dann ab August 1944 dann plötzlich alle Franzosen Résistance Mitglieder. Pétain und Laval waren dann als Sündenböcke sehr willkommen, das kann man schon ein wenig auch so sehen.

Die Franzosen hatten insgesamt ja nicht das beste Image während des Zweiten Weltkriegs, man denke an den Film Casablanca. Das hatte schon seine Gründe.

Das sind jetzt aber nur so Abrisse, denke aber, das ist ein spannendes Thema.
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